Traditionelle Medien gegen Populismus im Web 2.0

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Soziale Medien werden auch in Zukunft als wichtiges Informationspartal dienen. [Phil Roeder/ Flickr]

This article is part of our special report #Media4EU: Mit Innovationen gegen Europas Medien-Krise?.

Die Medienbranche in Europa steht einer „Legitimiationskrise“ gegenüber, bestätigen Experten aus sechs unterschiedlichen Ländern. Zu den großen Problemen gehören eine zunehmende Medienkonzentration, Fake News und die unsichere Zukunft der EU-Berichterstattung nach dem Brexit. EURACTIV Brüssel berichtet.

Europas Mediensektor scheint zu kränkeln. Selbst alteingesessene Nachrichtenagenturen stecken in einer Abwärtsspirale fest. Wirtschaftliche Probleme und der Umstieg zur Online-Berichterstattung machen es ihnen zunehmend schwer, qualitativ hochwertige Inhalte zu liefern. Das Ergebnis: weniger loyale Leser. Die Nachrichtenredaktionen versinken noch tiefer in der Finanzkrise.

„Wir erleben eine industrielle Revolution, die sogar als eine zivilisatorischen Revolution erachtet werden könnte“, betont Edwy Plenel, Mitbegründer der französischen, investigativen Nachrichtenseite Mediapart. „Vielleicht sagen wir eines Tages, dass der digitale Wandel anders war als all die anderen modernen Revolutionen. Es ist eher wie bei der Erfindung der Buchpresse. Es geschieht etwas, das unseren Zugang zu Wissen für immer verändern wird.“

Mainstream-Medien und die vierte Säule

Immer mehr Menschen erhalten ihre Nachrichten aus sozialen Netzwerken und von Digital Natives. Das Vertrauen in traditionelle Medienanstalten ist auf einem Tiefpunkt.

„In Spanien genießen die Medien kein großes Vertrauen mehr, was unter anderem auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes zurückzuführen ist“, erklärt Nacho Cardero, Direktor von El Confidencial. „Ich denke, die Massenmedien müssen stärker werden und dieses Vertrauen zurückgewinnen. Andernfalls werden wir nicht in der Lage sein, gegen den Populismus zu kämpfen.“ Seine Website setzt auf eine strikt faktenbasierte Berichterstattung unter dem Slogan „News, not views“ (etwa: Nachrichten statt Ansichten) und investigativen Journalismus – eine seiner Meinung nach absolut notwendige Strategie, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen.

Dass sich traditionelle Nachrichtenagenturen jungen Online-Medien gegenüber überlegen fühlen können, ist eine Annahme, die Victor Fleurot, Mitbegründer des Think-Tanks 2084, stark anzweifelt. 2016 bezeichnet er als „das Jahr, in dem die digitale Revolution schließlich ins Nervenzentrum der demokratischen Macht stieß“. „Es gibt in den neuen Medien noch immer ernstzunehmende Kommentatoren sowie Leser, die Unabhängigkeit und Integrität zu schätzen wissen. […] Nur die Formate haben sich verändert. Bringt es denn etwas, die Menschen über die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des traditionellen Journalismus zu belehren, wenn der Eigentümer von The Sun das Wall Street Journal aufkauft, Industriegiganten französische Tageszeitungen kontrollieren und der Gründer von Amazon die Washington Post leitet?

„Ich glaube, die Mainstream-Medien schreiben und veröffentlichen im Sinne des Establishments. Seit der Erfindung des Internets können wir jedoch beobachten, dass Menschen auch anders an Informationen kommen“, unterstreicht Viginia Perez Alonso, Chefredakteurin von Spaniens lautstärkstem Linksmedium Público. „Die Medien halten sich also selbst für wichtig, relevant und einflussreich, obwohl sie das wahrscheinlich gar nicht mehr sind. […] Sie haben an Glaubwürdigkeit verloren, weil sie nicht verstehen können, dass sie für das Establishment schreiben, während […] die Durchschnittsbürger langsam an wirtschaftlicher Stellung verlieren.“

Große Unternehmen mischen mit

Die Medienunabhängigkeit ist vor allem in jenen EU-Ländern bedroht, in denen die Branche noch immer mit den Folgen der Finanzkrise von 2008 zu kämpfen hat. Sowohl in Italien, Spanien, Frankreich als auch in Großbritannien kaufen sich Unternehmen in den Sektor ein und schaffen somit einen Trend in Richtung Medienkonzentration, der ihre Vielfalt und Freiheit in Frage stellt.

Auch Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner sorgt sich um dieses Phänomen. „Wenn Menschen, deren kommerzielle Interessen vor allem außerhalb des Verlagswesens liegen, Medien besitzen, ist das ein großes Problem für die entsprechenden Länder. So haben sich zum Beispiel viele Russen in Londoner Medien eingekauft und ich bin mir nicht sicher, ob sie zu den Oppositionellen gehören, die globaler agieren wollen, oder einfach nur Zugang erstehen. Genauso ist die Lage derzeit bei den sozialen Medien und in anderen Bereichen. Sie wären überrascht, zu erfahren, woher sie all ihr Geld nehmen.“

Europäische Berichterstattung schwächelt

Ausgabenkürzungen zwingen Redakteure und Herausgeber immer häufiger, sich zu entscheiden, auf welche Bereiche sie ihre sinkenden Ressourcen verwenden wollen. Das Ergebnis: Sie berichten immer seltener über EU-Politik oder politische Entwicklungen im Ausland.

„Die verfälschte Darstellung des europäischen Projekts innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten […] schürt eine Legitimationskrise“, warnt François Heinderyckx, Dozent an der Freien Universität Brüssel und Medienexperte. „Man merkt, dass Nachrichtenmedien vom rechten Weg abkommen, wenn Menschen die Welt um sich herum nicht mehr verstehen – in diesem speziellen Falle verstehen sie Europa nicht mehr.“

José Manuel Sanz Mingote, Direktor der spanischen Nachrichtenagentur EFE, glaubt jedoch, dass es sich keine Medienanstalt leisten könne, die EU-Berichterstattung zu vernachlässigen. „Europapolitik ist kein Thema wie jedes andere. Es bietet entscheidende Informationen für unsere Unternehmen, unsere Institutionen, unsere Bürger, Fachkräfte und so weiter. […] Wir als Staatsunternehmen mit gemeinschaftlichen Verpflichtungen sehen die Berichterstattung über europäische Angelegenheiten als Teil unserer Verantwortung an.

Auch die Leading European Newspaper Alliance (LENA) sorgt sich um eine fehlende öffentliche Europadebatte. Der Verbund hat ein Netzwerk mit sieben Zeitungen aus sechs verschiedenen Ländern in Leben gerufen, die Inhalte und Ressourcen miteinander teilen. „Das europäische Projekt hat uns einander näher denn je gebracht. Wir haben das Gefühl, es mangelt an einer Öffentlichkeitsdebatte über Themen, die uns alle betreffen und unsere Zukunft bestimmen werden“, betont Xavier Moreno,  LENA-Direktor und ehemaliger Chefredakteur des spanischen Zeitung El País. „Wir [bei LENA] teilen nicht nur Inhalte miteinander und versuchen, das Beste aus den überall in der Industrie schwindenden Ressourcen herauszuholen. Wir uns auch ein meiner Meinung nach hohes Ziel gesteckt: nämlich zur allgemeinen öffentlichen Debatte beizutragen, damit es eine stärkere öffentliche Meinung zum Thema Europa gibt.“

Nach dem Brexit

Der Brexit steht vor der Tür und mit ihm ein weiteres Dilemma: Die EU-Berichterstattung wurde weitgehend von britischen Medienkanälen mit globaler Ausrichtung geprägt, die jedoch bald als Außenseiter nach Brüssel schauen werden.

Alberto Nardelli, Europaredakteur von Buzzfeed UK fordert ebenfalls eine intensivere Europadebatte: „In Deutschland ist die Idee Europas eine andere als in Großbritannien, Frankreich etc. Aus grenzüberschreitender Sicht besteht die einzige Vision, die wirklich überall hingelangt, aus dem, was auf Englisch verfasst wurde. Jetzt ist es jedoch so, dass ein Großteil der auf Englisch verfassten Beiträge zum Thema Europa verzerrt oder oftmals sogar falsch sind. Dennoch sind genau das die Stories, die über die eigenen Landesgrenzen hinweg Aufmerksamkeit erhalten. Es geht nicht darum, für oder gegen die EU zu sein. Es geht darum, eine Europadebatte ins Rollen zu bringen, die nicht übermäßig von den englischsprachigen Medien beeinflusst wird. Wenn es bei ihnen zur Befangen seit kommt, überquert diese Landesgrenzen, anders als es zum Beispiel bei deutschsprachigen Medien der Fall wäre.“

Inwiefern die EU von der angelsächsischen Presse beeinflusst wird diskutierte Wolfgang Blau bereits 2014 bei seiner Rede während des internationalen Journalismus-Festivals in Perugia. Der Chief Digital Officer von Conde Nest, damals noch Vizepräsident des Global Editors Network (GEN), umriss bei dieser Gelegenheit seine Vision für eine pan-europäische Medienorganisation. „Ich besuche viele Nachrichtenredaktionen und stelle fest […], dass die Mitarbeiter dort meist ethnisch und kulturell viel homogener sind als der Rest ihres Landes. Wenn es aber eine Sache gibt, die man in der Regel seltener antrifft, […] dann sind das Kollegen und Journalisten aus anderen europäischen Ländern. Wir haben nicht genug bilinguale Mitarbeiter, wir haben nicht […] genug Personal, um wirklich Themen zu identifizieren, die in anderen europäischen Staaten oder sogar in unserem eigenen relevant sein könnten.“

Grenzüberschreitende Medienplattformen ins Leben zu rufen – insbesondere englischsprachige – ist eine Möglichkeit. Das Media4EU-Projekt geht jedoch in seinen frühen Schlussfolgerungen davon aus, dass es auch möglich und kosteneffizient sein könnte, Inhalte sowie Ressourcen mithilfe von Übersetzungen und Lokalisierungsprozessen auf der Grundlage eine nachhaltigen Geschäftsmodells zu teilen. Dies würde bedeuten, dass die Branche und auch innovative Programme darauf setzen, Medienexperten mit neuen Fähigkeiten auszustatten und gleichzeitig bisher nicht voll ausgeschöpfte grenzüberschreitende Möglichkeiten wahrzunehmen.