Wird Afrika zur „Kornkammer“ der Erde?

Yara CEO Holsether: "Die europäische Landwirtschaft wartet daruf, dass dieser nächste Schritt endlich unternommen wird.“ [CIF Action/Flickr]

Europa wird ein wichtiger Produzent landwirtschaftlicher Nahrungsmittel bleiben, doch das größte Potenzial liegt in Afrika, glaubt der Präsident des Pflanzenschutz-Unternehmens Yara. Der Kontinent könne zur „Kornkammer” für den Rest der Welt werden. Außerdem hält Svein Tore Holsether digitale Technologien wie die Präzisionslandwirtschaft für den besten Weg, um die landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen.

Gegenüber EURACTIV sagte Holsether: „In der europäischen Landwirtschaft gibt es noch Potenzial für höhere Produktion und mehr Nachhaltigkeit, aber das größte Potenzial sehen wir in Afrika.“ Jährlich würden in Afrika 29,6 Milliarden Euro für Lebensmittelimporte ausgegeben, obwohl „65 Prozent des globalen Ackerlands in dem Kontinent liegen und die Produktivität noch deutlich verbessert werden könnte.“

Für Holsether liegt der Schlüssel darin, die afrikanischen Kleinbauern produktiver und nachhaltiger werden zu lassen. Dies würde aber eine gewisse Zeit dauern. „Das hätte einen unglaublichen Einfluss auf die Lebensmittelsicherheit sowie auf die ländliche Entwicklung in Afrika. Und es würde den Kontinent zur Kornkammer für den Rest der Welt machen.“

Die Vereinten Nationen schätzen, dass sich die Weltbevölkerung im Jahr 2050 auf 9,7 Milliarden und auf 11,2 Milliarden in 2100 erhöhen wird. Daher muss die Lebensmittelproduktion dramatisch erhöht werden. Aus diesem Grund konzentriert sich die Ernährungsmittelindustrie neuerdings auf dicht besiedelte und „vergessene“ Landwirtschaftsmärkte, besonders in Asien und Afrika. So werden Partnerschaften mit Kleinbauern arrangiert, die auf speziellen nachhaltigen Anbaumethoden aufbauen. Dadurch soll sowohl eine Steigerung der Produktion als auch eine klimafreundliche Erzeugung garantiert werden.

Afrikanische Kleinbauern in absoluter Notlage

70 Prozent der Nahrungsmittel stammen von Kleinbauern. Diese müssten bis 2030 ihre Produktion verdoppeln, um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten.

Umweltorganisationen sehen die Probleme jedoch anderswo: Greenpeace verweist auf Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und erklärt, es werde bereits heute weltweit 1,5 mal so viel Nahrung produziert, wie benötigt würde, um die gesamte Erdbevölkerung zu ernähren. Greenpeace weist außerdem darauf hin, dass das Wachstum der globalen Nahrungsmittelproduktion in den vergangenen zwei Jahrzehnten größer war, als die Bevölkerungszunahme. Hunger in einigen Regionen der Welt sei daher auf Armut und Ungleichheit zurückzuführen, nicht auf einem generellen Mangel an Lebensmitteln.

Die GAP und die Technologie  

Yara ist sicher, dass eine weiter wachsende Bevölkerung ernährt werden kann. Dafür sollten sich politische Entscheidungsträger auf innovationsgetriebene Lösungen wie die Präzisionslandwirtschaft konzentrieren, fordert das Unternehmen, das technologische Erkenntnisse nutzt, um den Einsatz von Düngemitteln zu optimieren.

Es gebe keine einfachen und schnellen Lösungen, stellt CEO Holsether fest: „Langfristig werden sich verschiedene Ansätze, die die lokalen landwirtschaftlichen Bedingungen in Betracht ziehen, beweisen müssen, dass sie sicher und nachhaltig sind.“

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Die Präzisionslandwirtschaft, also der technisch optimierte Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie von Wasser, nimmt auch in den Diskussionen um die zukünftige Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU nach 2020 einen prominenten Platz ein. Eine Studie des wissenschaftlichen Dienstes der Europäischen Kommission stellte kürzlich fest, ein erhöhter Einsatz  präzisionslandwirtschaftlicher Methoden würde den Treibhausgasausstoß reduzieren und gleichzeitig Produktivität und Wirtschaftlichkeit erhöhen.

Holsether fordert daher, dass EU-Landwirten, insbesondere Kleinbauern, daher angemessener Zugang zu digitalen Tools ermöglicht werden müsse. Außerdem brauche es Subventionen, um eine neue Ära der Landwirtschaft einzuläuten. Flächendeckender Internetzugang, auch in ländlichen Gebieten, sei eine weitere Voraussetzung.

In einem Interview mit EURACTIV gab EU-Landwirtschaftskommissar Phil Hogan zu, es sei „inakzeptabel, dass es in der EU immer noch weiße Flecken“ ohne Breitbandanschluss gebe. Allerdings habe die Kommission nicht viel Handlungsspielraum. Die Bereitstellung von Breitbandzugängen ist Sache der Mitgliedstaaten.

Für Holsether ist daher eine Zusammenarbeit der staatlichen und EU-Behörden mit der Privatwirtschaft eine denkbare Lösung. „Wir glauben, die europäische Landwirtschaft wartet daruf, dass dieser nächste Schritt endlich unternommen wird“, sagt er.

Bevorstehender Tod der Kleinbauern?

Einige Bauern haben aber bereits Bedenken geäußert, dass sie durch die Einführung neuer Technologien in der Landwirtschaft noch abhängiger von großen Lebensmittelunternehmen werden könnten. Die Produktion würde dann noch konzentrierter in den Händen einiger weniger Konzerne liegen.

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Nachhaltiger soll der Landbau werden – und dank der Digitalisierung produktiver, so die G20-Agrarminister. Doch die Landwirtschaft 4.0. birgt große Risiken und wird Umwelt- und Wasserprobleme nicht lösen, warnt Oxfam-Expertin Marita Wiggerthale im Interview mit EURACTIV.de.

Die spanische linke Politikerin Lidia Senra, Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung des Europäischen Parlaments, sagte gegenüber EURACTIV kürzlich, neue Technologien könnten theoretisch positive Effekte auf den Kampf gegen den Klimawandel, für das Recht auf Nahrung und für die Arbeitsmarktsituation haben. Sie fürchte aber, dass in der Realität das genaue Gegenteil eintreten würde.

Technologie und Innovation könnten genutzt werden, „um eine stärkere Konzentrierung des Reichtums zu erreichen und somit den Großteil der Gesellschaft ärmer zu machen“, warnte sie. Das schließe auch die Präzisions- und andere „smarte“ Landwirtschaft ein.

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