Umwelthormone in Pestiziden: Experten kritisieren EU-Kriterien

In Erdbeeren und anderen Lebensmitteln hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Pestizide entdeckt. [© Global 2000 (CC BY-NC-ND 2.0)]

Umwelthormone sind wegen ihrer Gesundsrisiken hochumstritten – die neuen EU-Kriterien für Pflanzenschutzmittel sollten mehr Sicherheit bringen. Doch weiterhin bleiben bedenkliche Chemikalien durch Schlupflöcher erlaubt, warnen Experten.

Der Entscheidung waren lange Streitereien und Verzögerungen vorausgegangen. Dann, im Juli, wurden die neuen EU-Kriterien für Pflanzenschutzmittel letztlich angenommen – unter lautem Protest sowohl der großen internationalen endokrinologischen Fachgesellschaften als auch der Pestizidbranche.

Mit den neuen Kriterien sollen Umwelthormone, die sogenannten Endokrinen Disruptoren (EDCs), identifiziert und damit Zulassungen abgelehnt werden können. Doch Experten zweifeln daran, dass diese Kriterien für die Umsetzung der EU-Gesetze zu Pestiziden und Bioziden genügen.

Pestizidbranche kritisiert neue Kriterien für hormonwirksame Substanzen

Pflanzenschutzmittelhersteller bezeichnen die Kommissionsvorschläge zur Definition von Endokrinen Disruptoren als „herbe Enttäuschung“. EURACTIV Brüssel berichtet.

Verminderte Fruchtbarkeit, Früh- oder Fehlgeburten, Adipositas, und Diabetes Typ II oder Leukämie bei Kindern – endokrin wirksame Substanzen stehen im Verdacht, mit vielen immer häufiger beobachteten Krankheiten in Verbindung zu stehen. Mindestens zwei häufig auftretende Frauenkrankheiten, die zu Fortpflanzungs-Schwierigkeiten führen,  sind laut einer Studie aus dem Jahr 2016 auf hormonell wirksame Substanzen zurückzuführen. Das Heikle: Die synthetischen oder natürlich vorkommenden Stoffe, die in den Hormonhaushalt des Körpers eingreifen können, finden sich heute quasi überall: in Kunststoffverpackungen, Fertignahrung, Kosmetika – und auch in Pflanzenschutzmitteln. 

Kommission muss gegen die Bedrohung durch endokrine Disruptoren vorgehen

Für den 16. Februar ist im Ständigen EU-Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel eine Abstimmung über die jüngsten von der Kommission erstellten wissenschaftlichen Kriterien vorgesehen, die diese Chemikalien identifizieren sollen. Sind die Kriterien nun angemessen?

Die neuen EU-Kriterien für Pflanzenschutzmittel aber seien unzureichend, warnt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Dass Vertreter der EU-Mitgliedstaaten Anfang Juli 2017 einem Vorschlag der Europäischen Kommission zu „wissenschaftlichen Kriterien für die Bestimmung endokriner Disruptoren im Bereich Pflanzenschutzmittel“ zugestimmt haben, klinge nur an der Oberfläche gut, sei aber „bei genauer Betrachtung eine halbherzige Angelegenheit“, so Josef Köhrle vom Institut für Experimentelle Endokrinologie der Charité Berlin, und Präsident der DGE.

Denn: Es bleiben Schlupflöcher für Chemikalien zur Schädlingsbekämpfung. Sie könnten nach dem Kriterien-Bündel weiterhin als EDCs entwickelt und zugelassen werden, ohne als EDCs klassifiziert werden können, warnt Köhrle.

Unfruchtbar durch Pestizide und Weichmacher

Immer mehr Frauen haben Probleme, schwanger zu werden – Mitschuld dürften häufig hormonell wirksame Chemikalien wie Weichmacher und Pestizide tragen, zeigt eine Studie. Die Folgen kosten die EU 1,4 Milliarden Euro pro Jahr.

Ausnahmen etwa gibt es für einige in der Landwirtschaft eingesetzte Pestizide, die über einen bestimmten Wirkmechanismus in das hormonelle System des Schädlings einzugreifen und damit seine Vermehrung unterbinden. Beispiel Fipronil, das als EDC für Gehirn und Nervensystem sowie auf die Nachkommen wirkt. Auch wenn Menschen und Säugetiere nicht den gleichen Rezeptor für Sexualsteroid-Hormone haben wie Insekten, hätten doch beide eine Gruppe von verwandten Rezeptoren. Das könnte zu etlichen Erkrankungen führen, erklärt Köhrle.

„Manche der chemischen Substanzen wirken wie Hormone. Andere wiederum blockieren Hormonrezeptoren und verhindern so, dass körpereigene Hormone andocken und wirksam werden können“, sagt Josef Köhrle vom Institut für Experimentelle Endokrinologie der Charité Berlin, und Präsident der DGE. Andere Substanzen, so Köhrle, würden die Produktion oder die Umwandlung körpereigener Hormone beeinflussen und damit das fein austarierte Hormonsystem aus der Balance bringen.

Pestizidbranche kritisiert neue Kriterien für hormonwirksame Substanzen

Pflanzenschutzmittelhersteller bezeichnen die Kommissionsvorschläge zur Definition von Endokrinen Disruptoren als „herbe Enttäuschung“. EURACTIV Brüssel berichtet.

„Seit Jahrzehnten beobachten wir eine zunehmende Beeinträchtigung der männlichen und weiblichen Fruchtbarkeit“, konstatiert er. Fünf bis zehn Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter litten beispielsweise an dem Syndrom der polyzystischen Ovarien (PCOS), das für Zysten in den Eierstöcken und ungewollte Kinderlosigkeit verantwortlich ist. „Es gibt mehr hormonabhängige Tumoren, also mehr Prostata-, Hoden- und Brustkrebs, Jugendliche kommen früher in die Pubertät, Übergewicht und Diabetes nehmen ebenso zu wie Entwicklungsstörungen bei Kindern.“

Fachleute wünschen sich schon lange, dass die Politik stärker ins Handeln kommt, ähnlich wie bei Krebs auslösenden Stoffen. Dass sich hormonbedingte Krebserkrankungen erhöht haben, ist belegt. Obwohl solche nicht übertragbaren Krankheiten genetische wie umweltbedingte Komponenten aufweisen, stellt die WHO fest, dass deren erhöhteAuftreten nicht ausschließlich auf genetische Faktoren zurückzuführen ist. 

Fipronil-Skandal: Zweite verbotene Chemikalie auf Hühnerfarmen

Der Skandal um belastete Eier weitet sich aus. Auf Hühnerfarmen in den Niederlanden sei eine zweite verbotene Substanz gefunden worden.

So sind beispielsweise Dioxine, deren krebsauslösenden Eigenschaften durch Studien belegt werden konnten, durch politische Maßnahmen in der Umwelt stark reduziert worden. Chlorierter Kohlenwasserstoff PCP (Pentachlorphenol) oder die polychlorierten Biphenyle (PCB) wurden gar verboten.

„Wie bei karzinogenen Stoffen sollte sich in der Politik das Vorsorgeprinzip durchsetzen: Bereits der Verdacht einer Gesundheitsgefährdung sollte ausreichen, um eine Substanz vom Markt zu nehmen“, fordert Köhrle. Aufklärungsmaßnahmen für besondere Bevölkerungsgruppen wie etwa schwangere Frauen und ein nationaler Aktionsplan zum Schutz vor solchen Umwelthormonen seien unverzichtbar.

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