Schweinezucht in Europa: Das Geschäft mit dem Pferdeblut

Für das umstrittene Hormon PMSG müssen Pferde auf Blutfarmen in Südamerika oft leiden. [Foto: Rüdiger Stehn/Flickr]

Blutfarmen in Südamerika produzieren aus dem Blut trächtiger Stuten – oft unter Tierquälerei – ein Hormon, das in der europäischen Schweineproduktion eingesetzt wird. Obwohl die Herstellung extrem umstritten ist, bleibt die EU-Kommission bislang untätig.

Blut trächtiger Pferde als wertvoller Rohstoff für die Pharmaindustrie – was klingt, wie aus einem schlechten Film, ist in sogenannten Blutfarmen tägliche Praxis. Die Methode ist besonders in Lateinamerika gängig: Schwangeren Stuten wird literweise Blut entnommen, um aus dem Serum das Hormon PMSG (Pregnant Mare Serum Gonadotropin) zu gewinnen, welches die Ferkelzucht beschleunigt.

Durch PMSG  können Züchter erreichen, dass die Muttersauen gleichzeitig brünstig werden und die Geburten zeitgleich ablaufen. Das macht die Arbeitsvorgänge für die Ferkelproduzenten effizienter. Nur in Bio-Betrieben sind Hormon-Behandlungen zur Brunstsynchronisation untersagt.

In Deutschland sind mehrere PMSG-haltige Tierarzneimittel neben der Tierart Schwein auch für Rinder, Schafe, Kaninchen und Nerze zugelassen. Das von den Züchtern in der Bundesrepublik genutzte Hormon stammt laut dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vorwiegend aus Argentinien und Uruguay.

Doch Tierschützer warnen, für die Gewinnung des kostbaren Rohstoffs in Argentinien und Uruguay würden trächtige Pferde häufig gequält – geschlagen, mit Elektroschockern i die Blutentnahmeboxen gezwungen, beinahe ausgeblutet. Weil PMSG nur in der frühen Phase der Trächtigkeit gewonnen werden kann, werden die Stuten wird fünf bis sechs Wochen regelmäßig zu Ader gelassen. Pro Tier würden zehn Liter pro Woche abgenommen, sagen die Tierschützer unter Berufung auf Stallmitarbeitern. Immer wieder würden Tiere unter dem Leid sterben.

Schon im Jahr 2016 zeigte ein Film, den ein Team der Tierschutzorganisation „Animal Welfare Foundation“ mit versteckter Kamera gefilmt hatte, wie die quälerische Praxis auf einer Pferdefarm der argentinisch-uruguayischen Firma Syntex nahe der Stadt Ayacucho abläuft. Das Produkt, so heißt es auf der Seite von Syntext, ist in Argentinien, Japan und Europa erhältlich.

Fünf Stunden haben die Aktivisten „Animal Welfare Foundation“ auf der Syntex-Farm bei Ayacucho gefilmt – rund 100 Szenen von geprügelten Pferden zeigt das Video. Um die Tiere in die Blutentnahme-Box zu bewegen, schlagen ihnen die Farmarbeiter mit Holzscheiten und Elektro-Peitschen auf den Kopf. Von anderen Blutfarmen der Firma Syntex in Uruguay wie „El Yatay“ und „Loma Azul“ – auch von den EU-lizensierten Höfen „Las Marquesas“ und „La Paloma“ – haben Tierschützer ähnliche Beweisbilder zusammengetragen.

Bundesregierung: Einfluss auf Tierschutz anderer Staaten „sehr begrenzt“

In Deutschland gibt es nach Informationen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), das für die Zulassung von Tierarzneimitteln zuständig ist, derzeit sechs zugelassene Tierarzneimittel mit PMSG.

„Das BMEL ist mit den betroffenen Ländern Uruguay und Argentinien, in den PMSG hauptsächlich gewonnen wird, in Kontakt und wirkt auf die Verbesserung der Situation  vor Ort hin“, versichert eine Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gegenüber EURACTIV.de. Die Möglichkeiten der Bundesregierung, den Tierschutz betreffende Angelegenheiten anderer Staaten zu beeinflussen, seien allerdings „sehr begrenzt“. Auch für eine Einschränkung der Einfuhr und/oder Verwendung von PMSG gebe es keine Rechtsgrundlage, soweit die Anwendung der Präparate entsprechend den arzneimittel- sowie tierschutzrechtlichen Vorschriften erfolgt.

Ernährungsreport: Deutsche essen gern und viel Fleisch

Fleisch, Nudeln, Fertigprodukte – was essen die Deutschen gerne? Wie wichtig sind ihnen tiergerechte Haltung und regionale Produkte? Im Ernährungsreport 2016 liefert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Antworten – und zeigt, wovon Menschen in Deutschland nur schwer ablassen können.

Nach den am BVL verfügbaren Informationen werde PMSG vorwiegend in Argentinien und Uruguay produziert, das PMSG, das in den in Deutschland zugelassenen Tierarzneimitteln enthalten ist, stamme aus diesen Ländern, so das BMEL.

Die im deutschen Unterschleißheim ansässige Tochterfirma des US-Pharmakonzerns Merck, MSD Tiergesundheit, eines der Unternehmen PMSG vermarkten, bekundet jedoch anderes. „Die Lieferanten für dieses Blutplasma sitzen traditionell in Lateinamerika und Europa, für den europäischen Markt bezieht MSD aber derzeit ausschließlich Blutplasma von europäischen Lieferanten“, so eine Firmenvertreterin auf Anfrage von EURACTIV.de.

„Alle unsere Lieferanten sind verpflichtet, sämtliche lokalen und regionalen gesetzlichen und regulatorischer Anforderungen bezüglich der Gewinnung von Blutplasma einzuhalten, um das Wohlergehen der Tiere zu gewährleisten. Dabei unterstehen sie der Aufsicht von Regierungsbehörden und werden von diesen kontrolliert“, so die MSD-Sprecherin.

Die Anforderungen hinsichtlich des Tierschutzes lasse die Firma regelmäßig von eigenen Tierärzten überprüfen. „Sollten diese Anforderungen von einzelnen Lieferanten nicht erfüllt werden, zieht MSD entsprechend Konsequenzen“, heißt es von dem Unternehmen.

Doch ob lokale und regionale Vorgabe ausreichen, um dem europäischen Verständnis von Tierwohl zu genügen, bleibt laut Kritikern fraglich.

Europaparlament: Keine Präparate mehr zulassen, für die Tiere misshandelt wurden

Auch nach dem Willen Niedersachsens gehört das umstittene Hormonpräparat auf den Prüfstand. In einem entsprechenden Antrag forderte das Bundesland im April 2016 die Bundesregierung auf, zusammen mit anderen EU-Staaten ein Import- und Anwendungsverbot anzustrengen, sollte eine tierschutzgerechte Produktion des in Südamerika nicht sichergestellt sein. „Ich halte das für eine ganz und gar nicht hinnehmbare Methode“, kommentierte Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer die Gewinnung und Nutzung von PMSG.

Doch die Anstrengung scheitert bislang an der EU. Tierschützer fordern von der zuständigen Generaldirektion der EU-Kommission (SANCO) klare gesetzliche Vorgaben, um eine wirkliche Kontrolle der Blutfarmen möglich zu machen. Das Europaparlament reagierte auf die Recherche zur Produktion von PMSG in Südamerika und forderte im April 2016, den Import aus Qualproduktion zu verbieten. Der Vorschlag der Partei für die Tiere ,PMSG nicht länger in Europa zu zulassen, wurde von der Mehrheit des Europäischen Parlament unterstützt.

Antibiotika in der Tierzucht: Experten warnen vor wachsender Zahl tödlicher Erreger

Ob Schweine, Rinder oder Hühner: Masttiere in Deutschland erhalten immer mehr Antibiotika, die eigentlich bedeutend für die Therapie beim Menschen sind. So verbreiten sich Keime, gegen die kein Antibiotikum wirkt. Experten fordern darum strengere Maßnahmen gegen die Medikamentenvergabe im Stall.

„Das europäische Parlament will nun auch keine Präparate mehr zulassen, für die Tiere außerhalb Europas misshandelt worden sind. Die Misshandlung von schwangeren Pferden ist absolut unakzeptabel. In Europa und außerhalb Europas“, so die niederländische Europarlamentarierin und Biologin Anja Hazekamp.

Die europäische Kommission allerdings, die nun dem Antrag des europäischen Parlaments zustimmen und ein Importverbot auf PMSG und anderer problematischer Viehpräparate durchzusetzen müsste, hat bislang nicht reagiert. Eine Anfrage von EURACTIV.de ließ die Kommission bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung  unbeantwortet.

Weitere Informationen

Kükentötung in der Landwirtschaft: Das Schreddern geht weiter

Millionen frisch geschlüpfte Hühnerküken werden jedes Jahr in Deutschland getötet - weil die Männchen wertlos sind. Obwohl Experten darin einen Verstoß gegen den Tierschutz sehen, entschied die Bundesregierung gegen ein Verbot der Praxis.