EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

08/12/2016

Pestizidbranche kritisiert neue Kriterien für hormonwirksame Substanzen

Landwirtschaft und Ernährung

Pestizidbranche kritisiert neue Kriterien für hormonwirksame Substanzen

Viele Pflanzenschutzmittel sollen hormonwirksame Chemikalien enthalten.

[CIAT/Flickr]

Pflanzenschutzmittelhersteller bezeichnen die Kommissionsvorschläge zur Definition von endokrinen Disruptoren als „herbe Enttäuschung“. EurActiv Brüssel berichtet.

Am gestrigen Mittwoch präsentierte die EU-Kommission ihre bereits sehnlichst erwarteten, wissenschaftlichen Kriterien für die Identifikation hormonwirksamer Chemikalien in Pflanzenschutzmitteln und Bioziden. Da es bisher an formellen Kriterien mangelte, sind endokrine Disruptoren in Europa noch immer keiner Gesetzgebung unterworfen. Sollte die EU in nächster Zeit diesbezüglich einen wissenschaftlich fundierten Regulierungsrahmen annehmen, wäre dies der erste seiner Art weltweit. Dies zeige, wie sehr sich die Kommission dafür einsetze, den bestmöglichen Gesundheits- und Umweltschutz zu bieten, so ein EU-Vertreter im Gespräch mit EurActiv.

Die gleichen Maßstäbe sollen auch für Importprodukte gelten. Aus diesem Grund will die EU ihre Definitionsmerkmale an die Welthandelsorganisation (WTO) weiterreichen. „Heute hat Europa im Gesundheitsschutz einen großen Schritt nach vorn getan“, so der Vertreter.

Zum Aufstellen der Kriterien musste die EU-Kommission eine Folgenabschätzung durchführen. Diese wurde seit Dezember 2013 immer wieder hinausgezögert, da es angeblich keinen wissenschaftlichen Konsens gegeben habe. Kürzlich erst verurteilte das EU-Parlament die Untätigkeit der Kommission und verabschiedete am 8. Juni einen Entschließungsantrag, in dem es die Institution zum sofortigen Handeln aufforderte. Die Kommission müsse objektiv Definitionsmerkmale festlegen – und das nicht auf Kosten der öffentlichen Gesundheit.

WHO-Definition

Die neuen wissenschaftlichen Kriterien gründen sich laut Kommission auf der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Für diese gebe es bereits einen breiten Konsens. Die WHO bezeichnet einen endokrinen Disuptor als „exogene Substanz oder exogenes Gemisch, das Funktionen des endokrinen Systems beeinflusst und so negative Auswirkungen auf die Gesundheit eines intakten Organismus, dessen Nachkommen oder Unterpopulationen hat“.

Nun will die Kommission die noch ausstehenden Verfahren beschleunigen und die Bereitschaft der EU-Behörden erhöhen, die neuen Kriterien anzuwenden. Daher wandte sie sich an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienbehörde. Diese sollen untersuchen, ob es bereits genehmigte Substanzen gibt, die unter den neuen Kriterien möglicherweise als endokrine Disruptoren einzustufen sind.

Gefahr versus Risiko

Der Kommission zufolge soll der Gefahrenansatz der Pflanzenschutzmittel-Verordnung beibehalten werden, heißt: Das Verbot von Substanzen hängt von ihrem Gefährlichkeitsgrad ab. Es geht also nicht darum, inwiefern man ihnen tatsächlich ausgeliefert ist. Ein risikobasierter Ansatz hingegen würde auch Letzteres umfassen. Länder wie Frankreich, die eine Herangehensweise nach Gefährlichkeitsgrad unterstützen, werden zufrieden mit der Entscheidung der Kommission sein.

Ganz und gar nicht glücklich ist – wie zu erwarten war – die Pflanzenschutzmittelindustrie. EurActiv sprach mit der European Crop Protection Association (ECPA), dem Dachverband der Pestizidbranche. Die Vorschläge seien eine herbe Enttäuschung, heißt es dort. „Wir sind schwer enttäuscht von der Kommission. Nach sechs Jahren harter Arbeit mit dem Input der EFSA, Wissenschaftlern, Experten und anderen Interessengruppen kommt nicht mehr heraus, als eine WHO/IPCS-Definition, die schön mehr als zehn Jahre alt ist. Wir glauben noch immer, dass die Definition ein wichtiger erster Schritt ist. Das allein reicht aber für regulative Zwecke nicht aus“, betont ECPA-Sprecher Graeme Taylor.

„Die Gründe für mögliche Ausnahmen sind indessen angepasst worden, sodass sie sich auf wissenschaftliche Daten stützen und die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, einschließlich Daten über Exposition und Risiko, bestmöglich genutzt werden“, heißt es jedoch aus der Kommission.

„Eine Regulierung durch Ausnahmen ist weder akzeptabel noch wissenschaftlich. Wenn man immer mehr Ausnahmen schaffen muss, ist das ein Anzeichen dafür, dass mit den Kriterien etwas nicht stimmt“, schlussfolgert Taylor.

Zeitstrahl

  • 8. Juli: Sachverständigenausschuss für Biozide soll Vorschläge diskutieren.
  • 11.-12. Juli: Ständiger Ausschuss für Schädlingsbekämpfungsmittel soll Vorschläge diskutieren.