FAO-Vertreter: Kraftstoff aus Lebensmittelpflanzen ist nicht per se schlecht

Der natürliche Biokraftstoff Zuckerrohr habe in Brasilien keine Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise gehabt. [celio messias silva/Shutteratock]

Brasilien demonstriere es: Zuckerrohranbau kann sowohl Nahrungsmittel als auch Ethanol für Kraftstoffe liefern, ohne dass die Umwelt geschädigt wird oder Lebensmittelpreise steigen, mein ein hochrangiger Beamter der FAO.

Während einer von EURACTIV ausgerichteten Veranstaltung vergangenen Mittwoch sagte Olivier Dubois, hochrangiger FAO-Beamter für natürliche Ressourcen, die Debatte um Biokraftstoff sei komplex und man müsse sich vor „übermäßiger Vereinfachung und pauschalen Aussagen“ hüten. Diese entsprächen oftmals nicht der Realität.

Eine dieser Aussagen sei das Argument, „dass Kraftstoffe aus Nahrungsmittelpflanzen grundsätzlich schlecht für die Lebensmittelversorgung sind“. Stattdessen sollten sie als eine Möglichkeit für eine verantwortungsvolle Landwirtschaft und ländliche Entwicklung gesehen werden, so Dubois.

Als Beispiel nannte er den Zuckerrohranbau in Brasilien. Dieser habe zu keinerlei Problemen in der Versorgung mit Nahrung noch zu großen Veränderungen in der Landnutzung geführt. „Die Brasilianer haben viel in Zucker investiert und jetzt können sie aus Zuckerrohr sowohl Nahrung als auch Ethanol für Kraftstoffe produzieren.“

Auch zum viel kritisierten Palmöl äußerte er sich: Palmöl stehe für zwei Drittel der globalen Pflanzenölproduktion und sei drei bis vier Mal ertragreicher als andere Ölsorten. „In Indonesien werden zum Beispiel 45 Prozent des Palmöls von Kleinbauern produziert”, erklärte Dubois. „Wenn Sie Palmöl verbieten, brauchen Sie also viel mehr Fläche, um gleich viel Öl zu produzieren – und Sie treffen damit besonders die Kleinbauern”, warnte er. Außerdem gebe es Möglichkeiten, Palmöl nachhaltig herzustellen.

Fortschrittliche Biokraftstoffe sind „kein Allheilmittel”

Die zweite Generation, die sogenannten fortschrittlichen Biokraftstoffe, deren Anteil am Transport die Kommission bis 2030 auf 6,8 Prozent steigern möchte, sei allerdings „kein Allheilmittel.“ Bei diesen werde die ganze Pflanze als Kraftstoff verwendet, „daher gibt es keine Nebenprodukte wie Tierfutter. Wenn Sie eine sehr große Plantage mit Pflanzen für fortschrittliche Kraftstoffe haben, könnte diese in der Landnutzung zumindest indirekt mit der Lebensmittelversorgung konkurrieren.“

Das Ziel des Kommissionsvorschlags hält Dubois für wenig ambitioniert. Derzeit sei der Anteil fortschrittlicher Kraftstoffe bei 2 Prozent. In einem optimistischen Szenario könnte dieser Wert im Jahr 2030 bei 10 Prozent liegen, glaubt er.

Biokraftstoffe: Industrie und Landwirte gegen Vorschlag der Kommission

Für viele Landwirte sind Biokraftstoffe eine wichtig Einnahmequelle. Im Gegensatz zu NGOs sehen sie den Vorschlag der Kommission für Biokraftstoffrichtlinien nach 2020 kritisch.

Notwendige Umstellung

Pierre Bascou von der Generaldirektion Landwirtschaft (DG AGRI) der Europäischen Kommission erinnerte daran, dass die Landwirtschaft oft eine wichtige Rolle außerhalb ihres eigentlichen Gebiets einnehme: „Als vor einem Jahrzehnt erkannt wurde, dass Biokraftstoffe ein essentieller Faktor in der Entkarbonisierung des Transportsektors sein können, haben der Landwirtschaftssektor und die GAP für einen geeigneten Rahmen zur nachhaltigen Versorgung mit den benötigten Rohstoffen gesorgt.“

Die EU-Landwirtschaft habe bewiesen, dass sie die zusätzliche Nachfrage der Energiepolitik befriedigen kann und dabei keine negative Auswirkungen auf die Lebensmittelsicherheit in der EU hat. Bascou gab allerdings zu, dass es in den vergangenen Jahren Bedenken bezüglich der Auswirkungen von Biokraftstoffen auf die Lebensmittelpreise – insbesondere auf globaler Ebene – gab.

In Zukunft werde der soziale und umwelttechnische Anspruch weiter steigen. Man müsse einen reibungslosen Übergang zu fortschrittlicheren Biokraftstoffen erreichen. Der Vorschlag der Kommission für die Zeit nach 2020 böte der Industrie genug Sicherheit, Zeit und Anreize, um in neue Biokraftstoffe zu investieren und somit mehr Innovation und mehr Arbeit in ländliche Gebiete zu bringen.

Biokraftstoffe und die öffentliche Meinung   

Kommissionsbeamte hatten mitgeteilt, dass die Meinung von EU-Bürgern in den Vorschlag für Biokraftstoffe nach 2020 eingeflossen seien. Marie Donnelly, ehemalige Direktorin des Bereichs Erneuerbare Energien, Forschung und Innovation, Energieeffizienz der Kommission, erklärte, die Exekutive könne sich nicht allein auf ökonomische Modelle und wissenschaftliche Theorien verlassen.

„Wir müssen sehr sensibel auf die Bedenken der Bürger eingehen, auch, wenn diese Bedenken manchmal eher gefühls- statt vernunftgeleitet oder wissenschaftlich begründet sind.“ So seien die ersten Verurteilungen von konventionellen Biokraftstoffen eine rein emotionale Reaktion auf die Frage „Nahrung vs. Kraftstoff“ gewesen.

Auf Nachfrage von EURACTIV, wie die Kommission die öffentliche Meinung messe, verwies Bascou auf öffentliche Befragungen und die Eurobarometer-Umfragen. Allerdings stammt die letzte Eurobarometer-Erhebung zum Thema Biokraftstoffe aus dem Jahr 2010. Sie zeigte, dass damals eine große Mehrheit von 72 Prozent der Befragten Unterstützung für Biokraftstoffe guthieß und nur 20 Prozent dies anders sahen.

"Moderne Biokraftstoffe brauchen einen nachhaltigen Rahmen"

Um moderne Biotreibstoffe zu fördern, müsse die EU einen „eindeutigen und robusten“ Nachhaltigkeitsrahmen schaffen, der für politische Gewissheit und Investitionssicherheit sorge, fordert die Expertin Laura Buffet im Interview mit Euractiv Brüssel.

Langfristige Lösungen benötigt

Trees Robijns, Fachreferentin der NGO BirdLife Europe, hat ein ähnliches Bild in Bezug auf Biokraftstoffe der ersten Generation, warnt aber vor „halbgaren Lösungen“ für die Zukunft. „Wir müssen so bald wie möglich in echte und langfrisitge Lösungen investieren“, forderte sie. Eine solche Lösung seien Elektroautos, eine andere eine Veränderung im Transportwesen wie die vermehrte Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Für BirdLife sei langfristig der Ausstieg aus Kraftstoffen aus Nahrungsmitteln unausweichlich, da die EU ihre Klimaziele mit den derzeitigen Emissionen aus der Landnutzung nicht erreichen könne. Es gebe alternative Biokraftstoffe, beispielsweise auf Reststoff-Basis, die nicht auf Nahrungspflanzen angewiesen sind. Alle EU-Institutionen hätten realisiert, dass die Zukunft nicht auf Kraftstoffen aufgebaut sein kann, die Nahrungsmittel und intensive Landnutzung als Grundlage haben. Daher sollten in diesem Bereich auch keine neuen Anreize nach 2020 gesetzt werden, so Robijns.

Arbeit und Lebensmittelpreise

Bisher sind die Effekte der neuen Kommissionspolitik auf die ländliche Entwicklung und Erwerbstätigkeit unklar. Landwirte und Ethanolinvestoren befürchten große Auswirkungen, während die Kommission und Umweltgruppen den Einfluss als eher gering ansehen: Landwirte könnten zunächst weiter wie gewohnt Nahrungspflanzen anbauen und entscheiden, ob sie auf Pflanzen für fortschrittliche Biokraftstoffe umschwenken.

„Wir sollten nicht vergessen, dass die derzeitigen Probleme der EU-Landwirtschaft nicht auf Biokraftstoffe zurückzuführen sind. Ihre Ursachen liegen unter anderem in problematischen Handelsbeziehungen (zum Beispiel der Importstopp in Russland) und in Überproduktion in manchen Sektoren (z.B. Schweinefleisch und Milchprodukte) begründet“, schloss Robijns.