Drei Szenarien für die britische Landwirtschaft nach dem Brexit

Derzeit importiert Großbritannien ungefähr 40 Prozent seiner Nahrungsmittel. Die EU ist sowohl der größte Export- als auch Importmarkt. [Simon Harrod/Flickr]

Laut einer am neuen Studie des Agri-Food and Biosciences Institute (AFBI) könnte der Brexit eine „Alles-oder-Nichts-Angelegenheit“ für die britischen Landwirte werden.

Die Veränderungen der britischen Handelsbeziehungen zur EU und dem Rest der Welt nach dem Ausstieg aus der Zollunion und dem EU-Binnenmarkt könnten einen riesigen Einfluss auf den Handel haben. Die Studie analysiert drei mögliche Szenarien für die Handelsbeziehungen nach dem Brexit sowie ihren Einfluss auf die Rohstoffpreise in Großbritannien, die Produktionsmengen der Bauern und die Nahrungsmittelpreise für Verbraucher.

Laut AFBI könnten einige Änderungen zu niedrigeren Kosten für die Verbraucher führen, gleichzeitig aber das Einkommen der Landwirte drastisch verringern und Großbritannien abhängiger von Lebensmittelimporten machen.

Drei Szenarien

Die drei Szenarien des Think Tanks sind erstens ein für das Land vorteilhaftes, neues Freihandelsabkommen mit der EU, zweitens ein Wechsel zu Handelsbeziehungen entsprechend der WTO-Richtlinien mit dem Meistbegünstigungsprinzip und drittens eine einseitige Handelsliberalisierung durch die britische Regierung.

Das britische Verhandlungsteam um David Davis will möglichst schnell nach dem EU-Austritt ein Freihandelsabkommen mit Brüssel erreichen. Dann könnte Großbritannien seine Handelsbeziehungen mit Drittstaaten selbst aushandeln, würde aber weiterhin vom freien Handel mit den übrigen 27 EU-Staaten und dem uneingeschränkten Zugang zu ihren Märkten profitieren.

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In einem derartigen Szenario würden die Erzeugerpreise für Lebensmittel relativ stabil bleiben; das AFBI geht von Schwankungen von -1 bis +3 Prozent je nach Produkt aus. Dies hätte auch keine signifikanten Auswirkungen auf Menge oder Wert der britischen Agrarerzeugnisse und deren Preise für die Verbraucher.

Allerdings könnte es schwierig sein, ein solch weitreichendes Abkommen rechtzeitig zum EU-Austritt auszuhandeln – und die Bauern wollen Sicherheit. Meurig Raymond, Präsident der Landwirte-Gewerkschaft NFU: „Es ist absolut notwendig, dass die Regierung Übergangsregelungen plant, um plötzliche Änderungen abzufedern. Die Landwirtschaft wird Zeit brauchen, um sich den neuen Handelsbedingungen anzupassen.“

Deshalb sei es „unerlässlich, dass die Regierung sich darüber im Klaren ist, was für die britische Nahrungsmittel- und Landwirtschaftsindustrie von Vorteil ist. Die künftigen Handelsbeziehungen werden über die Zukunft vieler landwirtschaftlicher Betriebe und der Lebensmittelsicherheit des Landes entscheiden“, so Raymond weiter.

WTO-Regeln: Vor- und Nachteile

Wenn sich die Verhandler der EU und Großbritanniens bis zum Ende der Gespräche am 29. März 2019 nicht auf ein Handelsabkommen einigen, würden die Beziehungen wieder unter die Regularien der Welthandelsorganisation (WTO) fallen.

Derzeit importiert Großbritannien ungefähr 40 Prozent seiner Nahrungsmittel. Die EU ist sowohl der größte Export- wie auch Importmarkt. Selbst unter dem Meistbegünstigungsprinzip wären die Zölle hoch und würden zu massiven Änderungen im Handel führen, erwartet das AFBI.

Im WTO-Szenario würden die Erzeugerpreise für einige Waren steigen, darunter insbesondere für Milch und Milchprodukte (+30 Prozent), Schweinefleisch (+18 Prozent) und Rindfleisch (+17 Prozent). In der Folge würden Produktionsmengen und der Produktionswert dieser Güter steigen. Großbritannien würde in diesen Bereichen autarker werden, da EU-Importe sehr viel teurer würden. Gleichzeitig würden aber auch die Endpreise für die Verbraucher in die Höhe schießen.

Darüber hinaus würden britische Exportgüter von Zöllen betroffen. Landwirte, die Schaffleisch (Erzeugerpreis -30 Prozent), Weizen (-4 Prozent) und Gerste (-5 Prozent) exportieren, wären von Einkommensverlusten betroffen, und die Produktionsmengen würden geringer werden.

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Einseitige Liberalisierung

Im dritten Szenario beschreibt das AFBI, was passieren würde, wenn die britische Regierung alle Zölle abschaffen würde, während die Handelspartner die MFN-Zölle auf britische Exportwaren beibehielten.

In diesem Fall würden britische Verbraucher profitieren, da der heimische Markt für preisgünstige Importe aus der ganzen Welt geöffnet würde. Darunter hätten jedoch die Landwirte zu leiden.

Die Produzentenpreise für Rindfleisch würden um 45 Prozent fallen, die für Schaffleisch um 29 Prozent. Dies sind die extremsten Beispiele, doch letztlich würden Preise, Produktionsmengen und Produktionswerte aller britischen Agrarezeugnisse deutlich sinken.

Bauern-Gewerkschaftler Raymond warnt vor einer solchen Entwicklung. Die britische Regierung solle „sicherstellen, dass britische Landwirte keinen Wettbewerbsnachteil gegenüber Produzenten aus dem Ausland aufgrund unterschiedlicher Standards erleiden.”

Das AFBI unterstreicht im Report, das ausländische Produzenten hochgradig wettbewerbsfähig sind und dass daher klar sei, dass in diesem dritten Szenario „die einheimische Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit britischer Waren stark verbessert“ werden müsste.