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24/01/2017

Agrarpolitik: Die Grenzen des „grünen Wachstums“

Landwirtschaft und Ernährung

Agrarpolitik: Die Grenzen des „grünen Wachstums“

Die Abholzung von Regenwäldern hat durch die Herstellung von Biosprit weiter zugenommen.

Foto: vcoe

Politik und Industrie beschwören die agrarpolitische Wende: „Grünes Wachstum“ soll nicht nur Wohlstand schaffen, sondern auch die Umwelt schützen. Doch Experten zweifeln an der Wirksamkeit des Konzepts – und kritisieren die Schönfärberei der Industrie.

Man kann nur spekulieren, was die 330 Teilnehmer des EU-Agrargipfels Anfang September mit dem Schlüsselsatz meinten, den sie in ihre Abschlusserklärung zimmerten: Sie seien „überzeugt, dass Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit sich nicht gegenseitig ausschließen“, schrieben sie prominent in die Präambel der Deklaration, die die Weichen der künftigen EU-Agrarpolitik legen soll.

Der Satz, mag er noch so sehr Entschlossenheit signalisieren, markiert eines der Schlüsselprobleme der europäischen Landwirtschaft, seitdem die EU-Kommission sich der ökologischen Frage nicht nur in Sonntagsreden widmet. Es lautet: Wie geht nachhaltiges Wirtschaften? Zwei Tage lange brüteten unter der Schirmherrschaft des Agrarkommissars Phil Hogan Politiker und Industrielle im irischen Cork unter anderem über diese Frage.

330 Teilnehmer, 330 mögliche Interpretationen – für eine Absichtserklärung nichts Ungewöhnliches. Doch wie genau Wachstum und Umweltschutz versöhnt werden können, und welchen Preis das hat – und für wen -, lässt das Konferenzpapier offen.

Grüne Hightech-Maschinen

Ein Weg, den Spagat zwischen Wohlstand und Nachhaltigkeit hinzubekommen, ist das derzeit populäre Konzept des „grünen Wachstums“. Die Idee, mithilfe grüner Technologien die Klimawende zu schaffen, ohne den kapitalistischen Kreislauf unterbrechen zu müssen, hat in den letzten Jahren für Aufbruchstimmung in Vorstandsetagen wie an Kabinettstischen gesorgt.

Die Tatsache, dass die EU, zusätzlich zu dem Agrargipfel in Irland, zeitgleich eine weitere internationale Konferenz – Thema „Übergang in die grüne Ökonomie“ – in Bratislava organisiert, legt nahe, wie sehr sich das Konzept in Brüssel bereits etabliert hat.

Auch in der Industrie gehört das Schlagwort längst zum offiziellen Vokabular. Der Deutsche Bauernverband (DBV) etwa, die größte Interessenvertretung der Branche, erklärte schon vor Jahren, dass er im Greening die „richtige Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit“ sehe. Und der Handelsriese BayWa ruft in seinem Jahresprospekt für Saatgut Erzeuger dazu auf, auf nachhaltige Anbaumethoden umzustellen und „grünes Wachstum zu säen“.

Paradoxien des grünen Wandels

Doch der Optimismus über die grüne Revolution wird nicht überall geteilt. Immer mehr Experten zweifeln an den Verheißungen der grünen Ökonomie, die Wirtschaft auf echte Nachhaltigkeit umkrempeln zu können.

In ihrem Buch „Kritik der grünen Ökonomie“ zerlegen die Autoren die vollmundigen Versprechungen der Greening-Propheten und behaupten: Solange es nur um ein Mehr an Wachstum und ein Mehr an Konsum gehe, verkommt die scheinbare Alternative zum grünen Etikettenschwindel. So könne etwa das Fahren mit Ökotreibstoff die Umwelt genauso schädigen wie das Tanken mit Benzin. Einerseits, wenn dadurch mehr gefahren werde – man fährt ja „grün“; andererseits, wenn die steigende Nachfrage nach Ökosprit dazu führe, dass auch die Herstellung von Agrotreibstoffen die Natur belasten, etwa weil sie Ackerflächen verknappen oder die Böden zerstören.

Effizienz kein Allheilmittel

Das Hauptargument der grünen Wachstumsfreunde lautet Effizienz: Mit modernen Produktionsmethoden und Hightech-Maschinen ließe sich nicht nur der Ertrag pro Einheit steigern, sondern auch ressourcenschonender produzieren. Dieselbe Fläche Land könne also bei höherer Produktivität mehr Mengen erzeugen und zugleich weniger Rohstoffe verbrauchen. Der Saatgut-Riese Monsanto etwa meint, dass sich mithilfe modernster Methoden wie Gentechnik und computergestütztem Precision Farming „aus jedem Hektar Ackerland, jedem Wassertropfen und jeder Energieeinheit mehr erwirtschaften“ ließe.

Kritiker wenden ein, dass mehr Effizienz nicht automatisch umweltverträglicher ist, vor allem dann nicht, wenn niedrigere Preise die Folge sind – und damit die Nachfrage steigt. Reinhild Benning und Tilman Santarius warnen in ihrem Beitrag zum „Kritischen Agrarbericht 2016“ davor, dass die grüne Wachstumsphilosophie anstatt Lösungen zu bieten die Probleme sogar verstärken könnte.

Nachfrage muss berücksichtigt werden

Natürlich sei es gut, wenn die Landwirtschaft effizienter arbeitet und weniger Ressourcen pro Hektar verschlingt, so die Autoren. Aber wenn die Effizienz letztlich dazu führt, dass durch Kostensenkung die Preise für das Endprodukt fallen und damit die absolute Nachfrage in die Höhe schießt, sei nichts gewonnen, außer vielleicht eine höherer Ertrag für die Betriebe. „Schließlich strebt die neue Mittelklasse in China, Indien, Brasilien und anderswo nicht deswegen nach eiweißreicher Kost, weil sie so teuer zu haben ist, sondern weil sie […] vergleichsweise günstig zu haben ist“, argumentieren die Wissenschaftler.

Nur wenn sich unsere Ess- und Konsumgewohnheiten ändern und die Produktion davon absieht, zwar ökologisch sauberer, aber quantitativ mehr herzustellen, könne eine wirkliche agrarpolitische Wende gelingen. Ansonsten sei das Konzept nichts als „Schönfärberei“.

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