Die EFSA und das Glyphosat

Im Tauziehen um die Zukunft des Unkrautvernichters Glyphosat hat die EU-Kommission einen neuen Vorschlag unterbreitet. [Chafer Machinery/Flickr]

Über die Risiken von Glyphosat gibt es einen Streit zwischen WHO-Studien und dem, was die Europäische Lebensmittelagentur EFSA veröffentlicht hat. Doch die EFSA-Studien sind teilweise nicht öffentlich – und müssen darum von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet werden, fordert der EU-Abgeordnete Bart Staes im Interview mit Euactiv.de.

Bart Staes ist Mitglied Die Grünen / EFA im Europäischen Parlament. Der Belgier ist  unter anderem Koordinator des Ausschusses Haushaltskontrolle und stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Die Grünen im Deutschen Bundestag fordern, dass die EU-Kommission nicht-ökonomische Ziele in der Fusionskontrolle von Bayer und Monsanto einbeziehen sollte. Die deutsche Regierung sollte zur Not rechtliche Schritte einleiten. Wie sehen Sie die Chancen, dass die Regierung eine Mitgliedsstaates einschreitet – vor allem nach der Veröffentlichung von Papieren, die eine Manipulation von wissenschaftlichen Studien und Einfluss auf Experten vermuten lassen?

Jeder Mitgliedsstaat hat ein Ministerium mit einer Wettbewerbseinheit. Die nationalen Behörden können sich nach den Wettbewerbsregeln auf Gründe berufen, um Ja oder Nein zu einer Fusion zu sagen. Die deutschen Behörden haben die Möglichkeit, sich einzumischen.

Am Montag haben wir einen Brief an die EU-Kommissarin Margrethe Vestager geschickt, der die gleichen Argumente enthält. Die Praktiken, die wir bei Monsanto und anderen Firmen sehen, sind nicht das, was wir von europäischen Unternehmen im 21. Jahrhundert erwarten.

Sprechen wir über die gesundheitlichen Aspekte von Glyphosat, das ein Produkt von Monsanto ist: Die Europäische Lebensmittelagentur (EFSA) hat im vergangenen Jahr entschieden, dass Glyphosat nicht krebserregend ist und daher in der EU weiter verkauft werden kann. Warum vertrauen Sie diesen Studien nicht?

Es gibt einen Streit zwischen WHO-Studien und dem, was die EFSA veröffentlicht hat. Der Hauptunterschied besteht darin, dass Glyphosat in Kombination mit anderen Stoffen getestet werden muss. Dies ist die Realität – in der Regel wird Glyphosat immer zusammen mit anderen Substanzen verwendet. Aber die Untersuchung der EFSA konzentriert sich nur auf Glyphosat als solches.

EU-Chemieagentur: Glyphosat nicht krebserregend

Glyphosat sei nicht krebserregend, so das vorläufige Gutachten der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) – ein Befund, der bei Umwelt-NGOs Empörung auslöst. EURACTIV Brüssel berichtet.

Von den 182 Studien, die verwendet wurden, um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass Glyphosat keinen Krebs verursacht, sind 82 Studien nicht öffentlich verfügbar, sondern von den Firmen und der EFSA im Verborgenen gehalten. Diese werden von der Industrie durchgeführt und basieren auf Laborversuchen der Unternehmen.

Einige EU-Abgeordnete einschließlich Ihnen baten um Zugang zu den Studien, auf denen die Empfehlungen der EFSA beruhen. Was ist passiert?

Ich und andere Grüne Kollegen baten EFSA vor einem Jahr, uns die 82 nicht-öffentlichen Studien zu übergeben. Wir sind keine Wissenschaftler und haben nicht die Kompetenz zu prüfen, ob die richtige Methodik und so weiter verwendet wurde. Aber wir halten es für entscheidend, dass unabhängige Wissenschaftler Zugang zu diesen Studien haben, um sie zu hinterfragen. Das ist das Wesen der Wissenschaft.

EFSA fragte die Glyphosat herstellenden Unternehmen – es  sind rund 23 Unternehmen, die Glyphosat in ihren Produkten einsetzen und in der „Glyphosate Task Force“ (GTF) organisiert sind. Und GTF schlug der EFSA vor, einen Lesesaal zu organisieren, in dem die Abgeordneten die Studien bis Ende Oktober des vergangenen Jahres lesen konnten. Das ist gefälschte Transparenz, weil wir nicht einmal Notizen oder Kopien machen konnten. Die Studien müssen von unabhängigen Wissenschaftlern öffentlich begutachtet werden.

GTF eröffnete auch einen Lesesaal in Brüssel, wo ich hingegangen bin. Aber alles, was verfügbar war, war geschwärzt. Zum Beispiel waren die Daten über den so genannten GLP-Status der Studien – Good Laboratory Practices – nicht lesbar. Der GLP-Status ist wichtig, weil er normalerweise einen Hinweis geben sollte, ob die Laboratorien, die die Forschung durchführen, dies in einer klaren Weise tun.

Nach monatelangen Verhandlungen mit der EFSA gaben sie uns im vergangenen Dezember endlich eine CD-ROM mit 100.000 Seiten Informationen über die versteckten Studien. Wir haben versucht, die Informationen zu untersuchen. Es könnte so sein, dass mit den verfügbaren Information die Toxikologen noch nichtausreichend in der Lage sind, die Informationen zu prüfen. Sollte das so sein, könnte ein nächster Schritt sein, dass wir vor den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg gehen, um das Recht auf vollen Zugang zu den Dokumenten einzufordern.

EU-Parlament fordert mehr Alternativen zu Glyphosat und Co.

Es gibt sie – risikofreiere biologische Pflanzenschutzmittel als Alternative zu Glyphosat und anderen chemischen Pflanzenschutzmitteln. Doch ihre Zulassung ist lang und kompliziert, kritisiert das EU-Parlament – und fordert von der EU-Kommission Gesetzesänderungen.

Ich sage nicht, dass alle 75 Studien, die EFSA vor uns verbirgt, Monsanto-Studien sind. Andererseits: Es könnten ein paar Studien in einer Weise konstruiert worden sein  wie die Studien, die von den „Monsanto Papers“ in den USA aufgeworfen wurden. Und wer sagt uns, dass andere große Unternehmen nicht dasselbe tun?

Um ganz klar zu sein: Wir Grünen sind nicht geschäftsfeindlich oder wissenschaftsfeindlich. Aber wir sind auch nicht naiv. Jeder erinnert sich an den Dieselgate-Skandal, der die Verbraucher und die öffentliche Gesundheit schädigte, nur weil die betreffende Branche zu mächtig wurde und die Gesetzgebung und Regeln grundsätzlich diktierte.

Sollte es eine Gesetzesänderung geben, damit die EFSA auch aus anderen Quellen Geld bekommen kann? 

Wir sind alle für die EFSA, die oft einen tollen Job macht. Die Studien zu Glyphosat nicht zu veröffentlichen ist eine politische Entscheidung. Aber sie steht im Widerspruch zu Studien zu anderen Themen, die völlig öffentlich sind und von unabhängigen Wissenschaftlern überprüft werden.

Schluss mit „bad science“ und Schwarze-Peter-Spielen

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Die EFSA sollte vielleicht auf andere Weise finanziert werden, sollte mehr finanzielle Mittel erhalten – aber nicht unbedingt von Behörden. Warum organisieren wir es nicht so, dass die Industrie eine Gebühr für die selbständige Arbeit der EFSA zahlt, um ordnungsgemäße Anfragen und Forschung zu machen? Das sind Optionen, die ich immer mehr höre. Nicht weil die EFSA ein dunkles Spiel spielt, sondern weil es in einigen Bereichen Probleme gibt, die vielleicht durch politische Entscheidungen geschaffen wurden. Aber wir können nicht mehr akzeptieren, dass Entscheidungen auf der Grundlage von Meinungen gemacht werden, die auf nichtöffentlicher, nicht-peer-überprüfter Wissenschaft basieren.

Was wird jetzt passieren? 

Wenn wir aus dem „Monsanto Papers“ Skandal in den USA lernen und die Dinge in eine richtige Richtung lenken, können wir das Vertrauen wieder aufbauen. Ich war einer der Väter der EFSA-Verordnung im Jahr 2000/2001, und der Geist war immer, dass wir eine starke, unabhängige EFSA brauchen. Leider haben wir nach einer Weile einen Mangel an Transparenz und Interessenkonflikte beobachtet, die dem Ruf der EFSA schaden.

In den letzten Jahren haben sich viele Dinge in der EFSA in die richtige Richtung geändert, aber das Europäische Parlament und die Zivilgesellschaft müssen in einigen Fragen immer noch Druck auf die EFSA ausüben. Entscheidend für das Vertrauen in eine verantwortungsvolle Regierungsführung der EU-Institutionen ist entscheidend. Und die Dinge richtig zu bewegen in diesem sehr wichtigen Kampf um das Thema Glyphosat ist entscheidend für die öffentliche Gesundheit und für eine gesündere Art und Weise der Landwirtschaft und die Herstellung von Lebensmitteln.

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