Britische Bauern hoffen auf „wissenschaftsbasierte“ Politik nach dem Brexit

Meurig Raymond ist Vorsitzender der National Farmers’ Union, die die Interessen britischer Landwirte vertritt. [Sarantis Michalopoulos]

Der Vorsitzende der britischen Landwirte-Gewerkschaft Meurig Raymond hofft, dass die Landwirtschaftspolitik in Großbritannien nach dem Brexit „wissenschaftsbasierter“ und weniger emotional geführt wird, als derzeit in der EU.

Meurig Raymond ist Vorsitzender der National Farmers’ Union, die die Interessen britischer Landwirte vertritt.

Er sprach am Rande des Global Food Forum im italienischen Treviso mit Sarantis Michalopoulos von EURACTIV.com.

In den Brexit-Gesprächen gibt es wenig Fortschritte. Sie haben Ihre Sorge darüber zum Ausdruck gebracht. Wie ist die allgemeine Stimmung unter den britischen Bauern? Bereitet man sich schon auf einen harten Brexit vor?

Auf keinen Fall. Es ist sowohl im Interesse der britischen als auch der EU-Landwirte, dass es Fortschritte gibt. Wir müssen die erste Verhandlungsphase schnell abschließen und dann eine Einigung beim Thema Handel erreichen, damit wir möglichst freie und reibungslose Handelsbeziehungen beibehalten können. Davon würden Großbritannien und die EU profitieren.

Glauben Sie, dass die britische Regierung die Landwirtschaft ins Zentrum dieser Gespräche rücken wird?

Ja. Ich denke, unser Außenminister Michael Gove hat die Lebensmittel- und Landwirtschaftsektoren auf der politischen Prioritätenliste nach oben geschoben. Er hat gezeigt, dass er die britischen Landwirte unterstützen will. Er hat verstanden, dass wir uns nur zu 62 Prozent selbst mit Nahrung versorgen können und somit fast 40 Prozent unserer Lebensmittel importieren müssen.

Das ist eine schwierige Situation für Großbritannien, insbesondere wenn es einen harten Brexit ohne weiter Handelsvereinbarungen geben sollte. Das Pfund könnte dann noch schwächer werden und wir hätten eine noch höhere Inflation. Das haben viele Regierungsmitglieder verstanden.

Hat die britische Regierung parallel zu den Brexit-Gesprächen bereits Verhandlungen mit den USA über mögliche Handelsbeziehungen aufgenommmen?

Nein, definitiv nicht. Ich weiß, dass der Außenminister mit seinen amerikanischen Kollegen gesprochen hat. Ich weiß auch, dass US-Verhandler und Politiker in London waren. Aber alle verstehen, dass man zwar Gespräche führen kann, dass mögliche Vereinbarungen diskutiert werden können, jedoch kein tatsächliches Abkommen geschlossen werden kann, solange wir noch Mitglied der EU sind.

Außerdem: Wir werden die Union im März 2019 verlassen. Im Interesse Großbritanniens und der EU sollten wir danach eine Übergangsregelung haben. Ich glaube, es wird sehr schwierig und ist höchst undenkbar, dass die britische Regierung während einer solchen Übergangsperiode in der Lage ist, irgendein Handelsabkommen zu schließen. Es könnte also auch noch gut dreieinhalb Jahre dauern, bis sich in diesem Bereich etwas tut.

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Der US-Landwirtschaftsmarkt unterscheidet sich sehr vom europäischen. Genetisch veränderte Organismen (GMOs) sind dort beispielsweise normal, während GMO-Lebensmittelprodukte in der EU keinen Platz haben. Müsste Großbritannien sich für GMOs öffnen, wenn man ein Handelsabkommen mit den USA schließt?

Ich kann da nur für die britischen Landwirte sprechen. In der britischen Gesellschaft gibt es heute weniger Widerstand gegen GMOs, als noch vor zehn Jahren. Wir importieren bereits sehr viel GMO-Futtermittel für Geflügel, Schweine und andere Nutztiere. Wir führen zum Beispiel sehr viel Soja ein, das genveränderte Organismen enthält. Es ist unmöglich, anderes Soja zu kaufen, weil dies sehr teuer ist.

Aber es stimmt: Wir dürfen in Großbritannien keine genveränderten Pflanzen anbauen. Das könnte ein Problem sein. Dann haben wir auch das Thema hormonbehandelte Rinder, die das amerikanische Rindfleisch so extrem wettbewerbsfähig machen. Ich glaube wirklich nicht, dass die britischen Verbraucher und die britische Gesellschaft an sich bereit sind, hormonbehandeltes Rindfleisch zu importieren.

Weiter gibt es das bekannte Thema Chlor-Hühnchen.  Auch da ist der britische Verbraucher nicht bereit für beziehungsweise absolut gegen den Import von in Chlor gewaschenen Hühnern. Diese Haltung hat Michael Gove verstanden, und er hat deswegen ganz deutlich gesagt, dass wir keine Chlor-Hühnchen importieren werden. Wenn die USA also glauben, in drei bis fünf Jahren solche Produkte nach Großbritannien exportieren zu können, liegen sie falsch, denke ich.

Lassen Sie uns über Glyphosat sprechen. Die EU-Institutionen haben bisher die Nutzung des Mittels erlaubt und sich dabei auf wissenschaftliche Studien bezogen. Einige Mitgliedstaaten wie Frankreich sind aber strikt gegen eine erneute Zulassung. Sollte das Herbizid zum Ende des Jahres tatsächlich verboten werden, würde dies weitreichende Konsequenzen für die Fixkosten der Landwirte haben. Sollten sich die britischen Bauern in diesem Sinne über den Brexit freuen?

Es gibt keinen Zweifel, dass viele Landwirte aufgrund der Glyphosat-Debatte für einen Austritt aus der EU gestimmt haben. Sie können nicht verstehen, wie solche Entscheidungen auf emotionaler statt auf fundiert-wissenschaftlichter Basis gefällt werden können.

Wir wissen alle, was die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind – nämlich, dass es keine Bedenken gegen Glyphosat gibt und dass es für weitere 15 Jahre zugelassen werden sollte. Das ist auch die Position unserer Regierung. Wir hoffen also auf das Beste. Wenn die Entscheidung gefällt wird, basiert sie hoffentlich auf wissenschaftlichen und nicht auf emotionalen Argumenten. Glyphosat sollte für mindestens 15 weitere Jahre zugelassen werden.

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Wir haben uns dafür bei unserer Regierung stark gemacht. Wir als Landwirte wurden in den vergangenen zehn Jahren immer wieder dazu angehalten, weniger zu pflügen und Erde zu bewegen. Viele Landwirte haben sehr viel Geld investiert und sie sind überzeugt, dass die Gesundheit ihrer Böden sich verbessert hat. Sie können aber nicht weniger pflügen, wenn Sie keine alternativen Mittel wie Glyphosat haben. Wenn Glyphosat verboten werden sollte, müssen die Landwirte wieder vermehrt ihre Böden umwälzen – und das schließt dann auch wieder höhere Kohlenstoffausstöße und Bodenschäden mit ein.

Noch einmal: Die Wissenschaft sagt, Glyphosat sollte weiter zugelassen werden. Und zweitens müssen wir einfach Mittel wie Glyphosat nutzen, um die Gesundheit der Böden zu verbessern und unsere Produktivität in den kommenden Jahren zu steigern.

Ein anderes Thema ist der fehlende rechtliche Rahmen für sogenannte neue Pflanzenzuchtmethoden. Da ist die EU sehr viel Kritik ausgesetzt. Könnte Großbritannien also nach dem Brexit im Vergleich zur langwierigen Entscheidungsfindung in der EU schneller Entscheidungen fällen und neue Technologien einführen?

In der Theorie sollten solche Entscheidungen nach dem EU-Austritt natürlich in London gefällt werden. Ich hoffe, dass es dann wissenschaftlich fundierte Lösungen geben wird, die den realen Gegebenheiten in der britischen Landwirtschaft entsprechen. Es ist aber auch wichtig, dass wir ein gutes Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU haben. Es steht die hypothetische Frage im Raum, was passiert, wenn wir in Großbritannien Glyphosat nutzen, das Mittel in Europa aber verboten ist. Dürfen wir dann unser Weizen in die EU exportieren oder nicht?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Wenn in fünf Jahren der Einsatz von Glyphosat in der EU also verboten wird, und Großbritannien ihn weiter erlaubt, müssen wir uns mit den Auswirkungen auf den Handel direkt am nächsten Tag beschäftigen.

Eine letzte Frage: Glauben Sie, dass die britischen Bauern im Großen und Ganzen den Ausgang des Brexit-Referendums bereuen oder nicht?

Momentan glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass sie ihn bereuen. Ich glaube aber auch, dass die Mehrheit der Landwirte für einen Verbleib gestimmt haben. Die britischen Wähler, die für den Brexit sind, glauben weiterhin, dass ein Austritt aus der EU weniger Bürokratie und weniger Regulierung bedeutet; dass man einfach auf sein Feld gehen und hochqualitative Nahrung produzieren kann, statt sich ständig mit der ganzen Papierarbeit auseinandersetzen zu müssen.

Am Ende hängt alles davon ab, was die tatsächlichen Ergebnisse der Austrittsverhandlungen sein werden.

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