Wo bleibt die Jugend in den Zukunftsplänen der Europäischen Kommission?

Die Bildungssysteme stehen bei den jungen Europäern deutlich in der Kritik. Deutschland bildet da keine Ausnahme. Nach dem aktuellen Europabericht „Generation What?“ des Rechercheverbandes aus BR, SWR und ZDF beträgt der Anteil der Jugendlichen, der davon überzeugt ist, dass das jeweilige Bildungssystem gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, nicht mehr als drei Prozent.

Was kann Europa tun, um Bildung gerechter zu gestalten und diese besser an die zukünftige Industrie 4.0 anzupassen? EURACTIV fragt den verantwortlichen EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, Tibor Navracsics.

Nach der Veröffentlichung des Weißbuches von Jean-Claude Juncker wird in der EU eifrig über deren Zukunft diskutiert. Wo bleiben die Themen der europäischen Jugend in dieser Diskussion?

Tibor Navracsics: Wir können nicht über die Zukunft Europas reden, ohne dabei auch junge Leute zu erwähnen und die für Jungendliche wichtigsten Probleme anzugehen. An vorderster Stelle steht die Jugendarbeitslosigkeit. Das ist momentan die größte Herausforderung für die Jugend und für die gesamte europäische Gesellschaft.

Wir haben neue Politikrichtlinien und Frameworks entwickelt, als eine Art Orientierung für die Mitgliedsstaaten, in welchen Feldern ihrer Bildungs- und Arbeitspolitik sich etwas tun sollte.

Wir stellen aber auch EU-Gelder bereit, um Mitgliedsstaaten oder Kommunen bei der Umsetzung ihrer Projekte zu unterstützen. Wir haben Erasmus+, dabei ist nicht nur die Bildungskomponente wichtig, sondern beispielsweise auch die Sportsparte. Soziale Inklusion, Wettbewerbsfähigkeit und die Situation auf dem Arbeitsmarkt haben sehr viele Überschneidungen.

Wie planen Sie die Wünsche und Erfahrungen der europäischen Jugend in die Zukunftspläne einzubinden?

Ich denke, in dieser Debatte gibt es eine wirtschaftliche und eine politische Sichtweise. Der gemeinsame Nenner ist aber wieder die Bildung. Wenn wir über junge Menschen und die zukünftige Gesellschaft reden, müssen wir jene bemühungen unterstützen, die die Zukunft zum Erfolg führen können. Und das ist die Bildung. Dazu gehört die Berufsausbildung, aber auch Bildung generell – nicht nur institutionelle Bildung sondern auch informelles Lernen.

Wir haben in dieser Hinsicht zwei große Ziele. Zuerst ein demokratisches: Wir müssen ein Gefühl für politische Verantwortung schaffen und eine Verpflichtung gegenüber demokratischen Werten. Wir müssen die jungen Leute einbinden und ihre Meinungen hören, um in Zukunft erfolgreich zu  sein.

Aber auch Misserfolge und schlechte wirtschaftliche Bedingungen – Jugendarbeitslosigkeit, das Fehlen von bestimmten Fähigkeiten und Wissen, die Fehler einiger Bildungssysteme – können negative Auswirkungen auf die Demokratie haben. Wir müssen deswegen auf beide Ziele hinarbeiten: junge Leute in eine demokratische Gesellschaft einbinden, aber eben auch in die Wirtschaft.

Wir haben in der EU ein Nord-Süd-Gefälle und was die Bildung betrifft, innerhalb jedes Mitgliedsstaates zudem unterschiedliche Bildungssysteme. Was plant die Kommission hinsichtlich einer Vereinheitlichung?

Das ist eine unsere Prioritäten: Bildungssysteme für Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten leichter zugänglich zu machen. Ein Instrument dafür ist der Monitor für die allgemeine und berufliche Bildung, den wir normarlerweise jeden Herbst veröffentlichen. Ein Punkt darin ist auch die Zugänglichkeit zu Bildungssysytemen; auch danach beurteilen wir die Performance von Bildgungssystemen.

Dann haben wir zudem Erasmus+, mit dem wir Projekte unterstützen, die darauf abzielen, die Zugänglichkeit zu verbessern. Wir bieten finanzielle Hilfe für diejenigen Systeme, die Reformen für besseren Zugang zu Bildung implementieren.

Dennoch ist Bildung Ländersache. Kann man zukünftig die Länder nicht zu bestimmten Standards verpflichten?

Nein, wir wollen die Mitgliedsstaaten auf keinen Fall zwingen – dazu haben wir auch gar keine Kompetenz. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem politischen Dialog gemacht und damit, ein gemeinsames Konzept bezüglich der Rolle der Bildungspolitik in modernen Gesellschaften zu haben.

Angesichts der unterschiedlichen Bildungssituation in Europa, wo ist dieses gemeinsame Konzept ersichtlich?

Es gibt einen sehr guten Ausgangspunkt für einen Konsens unter den Mitgliedern: Ohne Gemeinschaft werden wir nicht erfolgreich sein können. Das gilt auch auf den nationalen Ebenen. Es gibt bei den Staaten daher den Willen, sich über Best Practices aber auch über Fehler auszutauschen. Durch Fehler lernt man ja auch.

Wir haben vor zwei Jahren, nach den Terroranschlägen in Paris und anderen westeuropäischen Staaten, die Pariser Erklärung erreicht, die sich auf die soziale Komponente politischer Teilnahme fokusiert und das Ziel hat, Bildung zu politische Teilnahme und demokratischen Werten in Schulen zu verbessern. Die Erklärung bietet eine sehr effiziente Art des politischen Dialogs, an dem alle Mitgliedsstaaten teilnehmen und dementsprechend ihre nationale Bildungspolitik ausrichten.

Wir können diese Methode auch in anderen Bereichen anwenden. Das Erlernen von Wissen und Fähigkeiten für den Beruf ist sicherlich der wichtigste Aspekt der Bildungsreformen. Die Staaten können dort voneinander lernen und danach ihre eigenen nationalen Lösungen entwickeln.

Sie kommen aus Ungarn, wo  die renommierte Budapester Central European University (CEU) geschlossen werden sollte. Welche Möglichkeit hat die Kommission, in solchen Fällen diesen gemeinsamen Konsens zu unterstützen?

Es gibt viel Diskussion über die Rolle der EU in Bildungsfragen. Was wir bieten können, ist ein europäischer Mehrwert: lokale oder nationale Projekte können durch Erasmus+, das Rahmenprogramm Kreatives Europa oder andere EU-Fördertöpfe wie den Strukturfonds, Regionalfonds usw. finanziert werden. Andererseits können wir die Mitglieder dabei unterstützen, Partner für die Definition von politischen Zielen in der Bildung und die Implementierung von Reformen zu finden.

Ist es nicht bezeichnend, dass es in der EU einen Stabilitätspakt für den Finanzbereich, aber nicht für die Bildung gibt? Wie wäre es damit?

Ich denke, das ist ein sehr passender Vergleich. Während wir alle Stabilität als einen fundamentalen sozialen Faktor ansehen, interessieren sich immer mehr Menschen für die Bedingungen, unter denen wir diese Stabilität erreichen können. Und eine der wichtigsten sozialen Bedinungen für Stabilität ist gute, hochqualitative Bildung. Das ist nicht nur ein rein formal-politisches sondern auch ein gesellschaftspolitisches Thema, weil die Struktur der Bildung die Ergebnisse des Bildungssystems beeinflussen kann.

Es gibt also unter den Mitgliedsstaaten ein steigendes Interesse daran, diese Vorbedingungen zu verstehen, und deswegen auch einen steigenden Bedarf an engerer Zusammenarbeit. Diesen Bedarf und auch die zukünftigen Herausforderungen werden wir definitiv ansprechen.

Sie waren selbst einmal Hochschulprofessor. Was würden Sie heute Ihren Studenten sagen, wenn Sie nach der Zukunft der Bildungspolitik in Europa gefragt werden?

Ja, ich bin definitiv nicht pessimistisch bezüglich der Zukunft der EU. Wir haben gerade die wahrscheinlich fruchtbarsten Diskussionen aller Zeiten über die Zukunft. Meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass Debatten immer nutzbringend sind.

Ich hoffe deswegen, dass bei den derzeitigen Diskussionen sehr gute Ergebnisse für die Zukunft herausspringen. Das kann ich natürlich nicht vorhersagen, aber ich bin optimistisch.