Wie ergeht es ausländischen Studierenden an deutschen Hochschulen?

Selbstständiges Lernen mit eigenem Zeitmanagement: Für Studierende, die strenge Strukturen gewohnt sind, kann das zum Problem werden. [Alexander Rentsch/Flickr]

Wie geht es Studierenden aus anderen Ländern an deutschen Universitäten? Das wird jetzt erstmals in einem Projekt der Universitäten Leipzig und Würzburg erforscht.

Die Freude ist in der Regel groß, ergattern Studierende aus dem Ausland einen Studienplatz an einer deutschen Hochschule. Der Ruf vieler Lehrinstitutionen ist hervorragend und junge Menschen versprechen sich durch ein deutsches Studium bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt – ob in der Heimat oder hierzulande.

Aber: „Rund 40 Prozent der Bachelor-Studierenden, die nicht aus Deutschland stammen, brechen ihr Studium ab. Das ist eine immens hohe Zahl“, erzählt Wolfgang Lenhard vom Lehrstuhl für Psychologie der Universität Würzburg. Gemeinsam mit Kollegen aus Leipzig will Lenhard will herausfinden, woran das liegt und was unternommen werden muss, damit die Abbruchquote geringer ausfällt.

„Sprachkompetenzen und Studienerfolg bei Bildungsausländern“ (SpraStu) heißt das vom Bildungsministerium geförderte Projekt, und Lenhard und seine Leipziger Kollegin Dr. Katrin Wisniewski (Linguistik) haben sich einiges vorgenommen: Bis zu drei Jahre lang wollen die Wissenschaftler 600 Studierende mit ausländischen Wurzeln begleiten und dabei jene Hürden identifizieren, die die Studierende bis zum Abbruch ihres Studiums bringen. Das Projekt beginnt im Wintersemester 2017/18. Mit dem Ausdruck „Bildungsausländer“ sind Studierende gemeint, die ihr Abitur oder eine vergleichbare Qualifikation außerhalb von Deutschland gemacht haben.

Studieren in einer Fremdsprache ist immer eine Herausforderung

Auch die Würzburger Doktorandin Jennifer Seeger arbeitet an der Studie mit. „Wir wollen in einer ersten Runde 100 nichtdeutsche Bachelor-Studierende dafür gewinnen“, erläutert sie. Die Teilnehmenden findet sich über das Internationale Studierendenbüro und das Sprachenzentrum. Die Befragungen beginnen im November.

Seeger ist vor allem daran interessiert, wie gut die Studierenden die deutsche Sprache beherrschen und mit welcher Art und Weise des Lernens sie vertraut sind. Auch für das soziale Umfeld der Studierenden interessiert sich die Nachwuchswissenschaftlerin. „Wir möchten zum Beispiel wissen, ob sie an Lerngruppen teilnehmen.“

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Gerade in Fächern wie Mathematik, Germanistik oder Wirtschaft haben es ausländische Studierende ohne ausreichend Sprachkenntnisse schwer. Zwar müssen alle Bildungsausländer vor dem Studium einen Test durchlaufen, die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang“. Doch Seminare mit besonderer Fachsprache können noch einmal größere Herausforderungen darstellen als ein deutscher Eignungstest.

Andere Studienkultur als mögliche Hürde

Die Wissenschaftler gehen des weiteren davon aus, dass eine andere Studien- und Lernkultur manchem Studierenden zum Verhängnis wird. In vielen europäischen Ländern, etwa in Spanien, ist das Studium deutlich verschulter und reglementierter als in Deutschland.

Zwar seien die Studierenden nach der Bologna-Reform auch hierzulande nicht mehr so frei wie in den 1990er-Jahren, doch können sie weiterhin Schwerpunkte setzen und Veranstaltungen auswählen. Auch gibt es nicht an allen Universitäten eine Anwesenheitspflicht in Vorlesungen und Seminaren, bzw. wird diese nicht immer kontrolliert. Die Studierenden müssten sich gut strukturieren können, erklärt Lenhard. Wer das nicht kennt, bekommt bald Probleme.

In einer fremden Sprache zu studieren, ist immer eine Herausforderung, so viel ist sicher. Das Forschungsteam aus Leipzig und Würzburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Studierenden Hilfestellungen zu bieten, damit das Studium in Deutschland ein wenig einfacher wird.

Jeder zehnte Würzburger Student aus dem Ausland

Die Studie passt zur Strategie vieler Hochschulen, die weltoffener werden möchten und ausländische Studierende willkommen heißen. Schon jetzt stammt fast jeder zehnte Würzburger Student aus einem anderen Land.

870.000 Euro bekommen die Forscher vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Und Lenhard wundert sich, dass noch nicht viel früher in diesem Bereich geforscht wurde. Bisher spielte es in der Hochschulforschung offenbar eine untergeordnete Rolle, wie ausländische Studierende in Vorlesungen zurechtkommen.

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Lernszenarien mit Studierenden durchsprechen

Schon für deutsche Studierende sei es oft nicht einfach, den Ausführungen der Lehrenden zu folgen, wenn gleichzeitig eine Präsentation mit umfangreichen Textblöcken läuft. Soll man lesen, was der Beamer an die Wand wirft? Oder mitschreiben, was der Dozent sagt? „Solche Szenarien präsentieren wir unseren Studienteilnehmern und fragen sie nach ihren Lösungsstrategien“, erklärt Lenhard.

Auch das Verhältnis zu den Lehrenden kann Probleme bereiten. Deutsche Studierende etwa sind es gewöhnt, kritische oder Verständnisfragen an die Dozenten zu stellen. Ein ungewohntes Betragen etwa für junge Menschen aus Asien, wie Doktorandin Seeger weiß: Für sie seien Dozenten Respektpersonen, die man mit lästigen Fragen verschont.

Kulturelle Unterschiede berücksichtigen

Für Lehrende sei es darum sehr wichtig, kulturelle Unterschiede zu kennen und im Uni-Alltag zu berücksichtigen. So können sie dazu beizutragen, dass mehr ausländische Studierende zum Abschluss kommen.