Navracsics: Bildungspolitik von heute ist Wirtschaftspolitik von morgen

EU-Bildungskommissar Tibor Navracsics [Stephanie Lecocq/EPA]

Die Bildungsausgaben in Europa fallen. Die EU-Mitgliedstaaten müssen die praktischen Ziele ihrer Bildungspolitik fest im Auge behalten, damit sie auch in Zukunft erfolgreich sein können, so EU-Bildungskommissar Tibor Navracsics.

Tibor Navracsics ist EU-Kommissar für Bildung und Kultur.

Er sprach am Rande der EIT Awards in Budapest mit Paola Tamma von EURACTIV.com.

Die letzten PISA-Ergebnisse aus dem Jahr 2015 zeigen, dass die Schüler in der EU hinterherhinken, insbesondere in den Naturwissenschaften. Warum ist das so und was muss getan werden, um das Ziel von maximal 15 Prozent leistungsschwacher Schüler bis 2020 zu erreichen?

Das europäische Bildungssystem ist stark fragmentiert, weil Bildungspolitik Sache der Mitgliedstaaten ist. Das bedeutet, dass wir ungefähr 40 verschiedene Bildungssysteme in den 28 EU-Staaten haben. Einige Länder haben föderale Bildungssysteme, die Bildung wird also auf regionaler Ebene geregelt. Dadurch ist es manchmal auch schwierig, die genauen Gründe für schlechteres Abschneiden zu erklären. Es gibt aber definitiv einige Herausforderungen, die alle gemeinsam haben.

Eine davon ist die Frage nach den praktischen Fähigkeiten: Wir müssen unsere Bildungssysteme mehr auf praktische Fähigkeiten im Alltag ausrichten. Wir haben dabei drei Hauptgruppen von Skills erkannt, die in den zukünftigen Bildungs- und Schulplänen relevant sein können.

Die erste Gruppe sind die sogenannten Social Skills, die im alltäglichen Leben wichtig sind. Die zweite sind natürlich Digitalskills. Wir leben in einer digitalen Welt. Solche Fähigkeiten sind also quasi die moderne Form der Alphabetisierung. Die dritte Gruppe sind Karriere-Skills. Ein Thema dabei wird sein, wie wir das ÉIT (European Institute of Innovation & Technology) und unternehmerische Fähigkeiten und Kompetenzen besser in den Unterricht integrieren können.

Insgesamt sehe ich also eindeutige Herausforderungen, und wir haben die drei inhaltlichen Komponenten dieser Herausforderungen erkannt.

Darüber hinaus gibt es aber natürlich auch Probleme im strukturellen Aufbau der Bildungssysteme. Wir fokussieren uns bisher sehr stark auf formale Bildung, auf Schulbildung. Dabei werden aber teilweise andere Bildungsbereiche wie lebenslanges Lernen und die Erwachsenenbildung vernachlässigt. Da muss mehr investiert werden.

Wir müssen auch alle anderen Aspekte der Bildung einbinden, wie beispielsweise Kultur und Sport, die eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Schülerleistungen spielen können.

Ein dritter wichtiger Punkt ist die wirtschaftliche oder existenzielle Situation der Lehrer und Lehrerinnen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie bei Bildungsreformen motiviert bleiben. Und wir müssen die Systeme zur Lehreraus- und -weiterbildung effizienter und ansprechender für das Lehrpersonal machen.

Der Anteil der Bildungsausgaben am BIP in der EU fällt. Außerdem gibt es große Unterschiede dabei, wie viel die einzelnen Staaten in Bildung investieren. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Stabilitätspakt – also der Fiskalpolitik – und der Frage, wieviel Geld die Länder in Bildung investieren (können)?

Ja, leider gibt es in den Köpfen der meisten Entscheidungsträger diesen Zusammenhang. Wir würden sie gerne davon überzeugen, dass Bildung nicht nur Sozialausgaben bedeutet, sondern dass sie eine Investition in die Zukunft ist. Die Bildungspolitik von heute ist die Wirtschaftspolitik von morgen.

Das Geld, das Sie heute in Bildung investieren, wird den Arbeitsmärkten von morgen zugutekommen. Das ist sehr wichtig, finde ich. Wir organisieren deshalb für Ende Januar einen Bildungsgipfel, bei dem wir starke Argumente für engagierte Bildungspolitik nicht nur als Teil der Sozialpolitik, sondern eben auch als Teil zukünftiger Wirtschaftspolitik präsentieren wollen.

Ich glaube, eine gute, hochqualitative Bildung ist eine absolute Grundvoraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften in der Zukunft.

Die PISA-Ergebnisse zeigen auch, dass in Ländern, die ein gewisses wirtschaftliches Level erreicht haben, gesteigerte Ausgaben nicht zwangsläufig zu besseren Bildungsergebnissen führen. Welche Maßnahmen sollten die Staaten also ergreifen, gerade wenn sie ein eher kleines Budget haben?

Das ist eine sehr schwierige Frage, die mich ständig beschäftigt. Die meisten Leute würden auf Estland oder Finnland verweisen. Für mich ist das attraktivste Modell aber wohl Portugal, wo die Ergebnisse seit nunmehr 15 Jahren ständig verbessert werden.

Das zeigt auch, dass es dort eine Kontinuität in der Zielsetzung der Bildungspolitik gibt – über wechselnde Regierungen und sich verändernde politische Umstände hinweg. Es gibt eine klare Zielsetzung, die von allen Akteuren verfolgt wird. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste: Dass die Bildungsziele trotz wechselnder politischer und manchmal auch wechselnder wirtschaftlicher Umstände beibehalten werden. Hier wurde erkannt, dass Bildung eine mittel- bis langfristige Investition ist.

In Ihrem Heimatland Ungarn gibt es derzeit Streit um eine Bildungsreform. Ungarische Lehrer werfen der Regierung vor, sie versuche, die Geschichte umzuschreiben. Was glauben Sie: Inwieweit und wie stark sollten die EU-Mitgliedstaaten die Werte der EU in den Schulen lehren und so für Unterstützung für die europäische Integration und die europäische Gemeinschaft werben?

Das sollte definitiv getan werden. Ich denke, wir sollten zumindest die Geschichte der europäischen Integration in die nationalen Lehrpläne aufnehmen, weil sie ein wichtiger Teil der europäischen Nachkriegsgeschichte ist. Ich bin stark dafür, die europäische Idee und Informationen über die europäischen Institutionen und die Idee der europäischen Integration im Unterricht zu verankern.

Gleichzeitig ist mir aber bewusst, dass das ein sehr sensibles Thema ist und dass von Seiten der Mitgliedsländer wenig Wille besteht, diese Themen in die nationalen Lehrpläne zu integrieren.

In dieser Hinsicht haben wir nur eine Einigung mit einem einzigen Mitglied, nämlich Italien. Dort gibt es das Ziel, den Aspekt der europäischen Integration auf irgendeine Weise in den nationalen Lehrplan aufzunehmen. Die anderen EU-Länder zeigen sich diesbezüglich bisher leider nicht sehr interessiert.

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