Digitale Agenda: „Europa braucht Telekom-Reformen für die Wettbewerbsfähigkeit“

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Europa braucht Reformen, um die Digitale Agenda voranzubringen, sagt Markus Borchert, Europachef von Nokia Networks.

Europa braucht Reformen, um die Digitale Agenda voranzubringen, sagt Markus Borchert, Europachef von Nokia Networks. [Dennis Skley/Flickr]

Nur eine starke Telekommunikationsbranche kann die Wettbewerbsfähigkeit Europas gewährleisten, meint der Europachef von Nokia Networks, Markus Borchert. Damit die EU bei Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge eine führende Rolle einnehmen kann, bedürfe es jedoch eines Umdenkens der Regulierungsbehörden.

In Branchen wie der Automobilindustrie, dem modernen Gesundheitswesen, in Medizin, Maschinenbau und Versorgung ist Europa gut aufgestellt. Sie tragen wesentlich zur europäischen Wirtschaftsleistung bei und befinden sich derzeit an der Schwelle von einem traditionellen Geschäftsmodell zur vierten industriellen Revolution – Industrie 4.0. Digitale Technologien verändern unsere Art zu kommunizieren, Waren herzustellen, Auto zu fahren, Sport zu betreiben und sogar unsere Behandlung im Krankheitsfall. Technologie, und zwar konkret jene im Bereich Telekommunikation, ermöglicht diese Transformation, indem sie eine Brücke zwischen unserer physischen, der virtuellen und der sozialen Welt schlägt.

Wir brauchen daher eine wirklich hochwertige Konnektivität und Mobilität, wenn unsere starken Branchen auch bei Industrie 4.0 und im Internet der Dinge eine führende Rolle einnehmen sollen. McKinsey1 schätzt den potenziellen wirtschaftlichen Nutzen des Internets der Dinge bis 2025 auf global bis zu 11,1 Billionen Dollar jährlich. Veranschlagt man das Potenzial Europas mit 25 Prozent des Gesamtpotenzials und berücksichtigt nur Sektoren mit Bezug zu Industrie 4.0, so ergibt sich für Europa 2025 eine jährliche Wertschöpfung von bis zu 2,8 Billionen US-Dollar. Doch dafür muss Europa erst seine Hausaufgaben machen.

Ohne moderne digitale Infrastruktur als Rückgrat des Transformationsprozesses aller Branchen wird der Kontinent hinter anderen Weltregionen zurückbleiben und vergeblich auf die Ausschöpfung des wirtschaftlichen Potenzials von globalen Megatrends wie Industrie 4.0 und Internet der Dinge hoffen. Anders ausgedrückt: Nur eine starke und erfolgreiche Telekommunikationsbranche kann die Wettbewerbsfähigkeit Europas gewährleisten.

Konnektivität als entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Zukunft Europas

Wir benötigen Telekommunikationsnetze der fünften Generation, 5G, um das Internet der Dinge gezielt zu nutzen. Erst 5G-Technologie verfügt über die benötigten Eigenschaften und Funktionen. Doch ohne 4G oder Long Term Evolution (LTE) kein 5G, denn 5G wird ein Technologiemix, der unter anderem auf 4G aufbaut. Wir können deshalb nicht einfach 4G überspringen und direkt zu 5G übergehen. Das bedeutet: Regionen, die heute keine LTE-Abdeckung aufweisen sind die blinden Flecken der 5G-Zukunft.

Deshalb muss Europa sich beeilen, um bei der LTE-Abdeckung aufzuschließen. So entfielen in Europa im zweiten Quartal 2015 nur magere 13 Prozent aller Verbindungen auf LTE-Netze gegenüber 55 Prozent in Japan, 50 Prozent in Nordamerika und 70 Prozent in Südkorea. Und nur 70 Prozent der europäischen Bevölkerung genießen heute eine 4G-Netzwerkabdeckung, während in Nordamerika 98 Prozent , in Japan 99 Prozent  und in Südkorea 100 Prozent von den schnellen Verbindungen profitieren: Ein alarmierendes Zeichen für die europäische Wirtschaft insgesamt.

Europa braucht den politischen Willen, Investitionen zu fördern

In der gegenwärtigen Situation ist der regulatorische Rahmen mit entscheidend. Die Pläne der Europäischen Kommission, als einen der Pfeiler ihrer vernetzten digitalen Binnenmarktstrategie die bestehenden Telekommunikationsregeln zu überarbeiten und geeignete regulatorische Voraussetzungen für Innovation, Investition, fairen Wettbewerb und Chancengleichheit zu schaffen, weisen in die richtige Richtung. Ein funktionierender digitaler Binnenmarkt mit einem modernen regulatorischen Rahmen ist sogar essenziell, soll Europa in einer digitalisierten globalen Wirtschaft wachsen und gedeihen. Trotzdem reichen diese Pläne nicht aus. Die europäische Wirtschaft ist auf ihre rasche und effiziente Umsetzung angewiesen.

Es liegt nun an den Mitgliedstaaten, aktiv zu werden, die Investitionsvoraussetzungen innerhalb des bestehenden regulatorischen Rahmens zu verbessern – und parallel dazu diesen Rahmen zu überarbeiten. Kommission und Mitgliedstaaten müssen Infrastrukturinvestitionen höchste Priorität einräumen. Der verstärkte Ausbau der Telekommunikationsinfrastruktur und konkret der LTE-Netze ist die Voraussetzung für eine Führungsrolle Europas.

Die Regulierungsbehörden müssen umdenken

Unter geeigneten Rahmenbedingungen lohnen sich Investitionen in die LTE-Infrastruktur für die Netzbetreiber. Allerdings war beispielsweise im 3. Quartal 2014 der ARPU (der durchschnittliche Umsatz je Teilnehmer) der Telekombetreiber in Nordamerika fast dreimal so hoch wie in Europa. Zur Ankurbelung der Investitionen sollte der Umstieg auf volumen- und wertbasierte Preisgestaltungsmodelle beschleunigt werden, denn der steigende Datenverbrauch und die Wertschöpfung durch moderne Telekomdienste sollten auch finanziell abgegolten werden. Dazu bedarf es eines Umdenkens der Regulierungsbehörden: Nicht die Gesamtausgaben der Verbraucher für Kommunikationsdienste, sondern das, was sie für ihr Geld bekommen, ist ein Anzeichen für funktionierenden Wettbewerb. Der Preis je Gigabyte und die Verbindungsqualität sind als Indikatoren aussagekräftiger als die absoluten Kosten pro Monat.

Außerdem müssen die Regeln einfach und symmetrisch sein. Die Wertschöpfungskette im Sektor hat sich seit Einführung des aktuellen regulatorischen Rahmens verändert. Traditionelle Telekommunikationsdienste werden zunehmend durch weniger regulierte Internetdienste verdrängt. Die historische Zweiteilung zwischen elektronischen Kommunikationsdiensten und Dienstleistungen für die Informationssystemgesellschaft verschärft den Investitionsmangel und führt zu Chancenungleichheit.

Die Aufsichtsbehörden sollten die dynamischen und oft stark investitionsfördernden Auswirkungen der Marktkonsolidierung als positiv akzeptieren. Dazu müssen die Richtlinien für horizontale Fusionen reformiert und die spezifischen dynamischen Auswirkungen auf Netzinvestitionen berücksichtigt werden. Selbst ohne Konsolidierung kann schon der grenzüberschreitende Betrieb allein substanzielle Effizienzgewinne bringen, die durch die mangelnde Harmonisierung europäischer Richtlinien bisher blockiert sind.

Ein europäisches „Silicon Valley für Industrie 4.0“

Ein zunehmend harmonisiertes und erschwingliches Frequenzangebot ist zum Aufbau der Kapazitäten und der erforderlichen LTE- und 5G-Abdeckung ebenfalls entscheidend, insbesondere für Gebiete ohne verkabelten Breitbandzugang. Nicht einmal die Hälfte aller EU-Mitgliedstaaten hat im Rahmen der aktuellen politischen Instrumente das 800 MHz-Frequenzband für mobiles Breitband vergeben. Auch eine koordinierte EU-weite 700 MHz-Vergabe ist unbedingt erforderlich. In Zukunft wird 5G darüber hinaus Frequenzen oberhalb von 6 GHz benötigen.

Wie bereits erwähnt, eröffnet das Internet der Dinge Chancen für alle Sektoren, wobei Europa insgesamt über eine starke Industriebasis verfügt. Auch in den Bereichen Sicherheit und Datenschutz ist Europa stark, und beide spielen in Industrie 4.0 eine gewichtige Rolle. Trotzdem kann niemand die gesamte Wertschöpfungskette allein abdecken. Wir müssen in Europa ein gut koordiniertes Ökosystem für Industrie 4.0 aufbauen. Dazu muss Expertise in einer bestimmten vertikalen Branche, deren Prozessen und Herausforderungen, mit der Expertise in digitaler Infrastruktur und Sicherheit gebündelt werden, um die Innovationskraft der zahlreichen Startup-Hotspots Europas gezielt freizusetzen.

Ambitionierte Ziele für Europa

Südkorea und Japan, die hinsichtlich LTE-Abdeckung führenden Nationen, haben bereits ambitionierte 5G-Pläne. Korea hat einen vorkommerziellen 5G-Testlauf im Zuge der Olympischen Winterspiele 2018 angekündigt, und Japan will kommerzielle 5G-Netze bereits für die Olympischen Sommerspiele 2020 einsetzen.

Europa sollte da keinesfalls zurückstehen. Warum peilen wir nicht die UEFA Fußball-Europameisterschaft 2020 für die kommerzielle Inbetriebnahme von 5G an? Die EURO 2020 wird von 13 Städten, 11 davon in der EU, ausgerichtet und ist ein wahrhaft europäisches Projekt. Europa wäre damit die erste Region mit kommerziellen 5G –Netzen – und das Erreichen dieses Ziels wäre ein starkes Symbol für die wiederhergestellte Innovationsführerschaft unseres Kontinents.

DER AUTOR

Markus Borchert ist seit 2010 Europachef von Nokia Networks. Er ist für Vertrieb, Marketing, Business Development, Dienstleistung und eine Vielzahl von Support-Funktionen verantwortlich.