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27/07/2016

Studie: Immer mehr Berufstätige in Deutschland leiden an Depressionen

Innovation

Studie: Immer mehr Berufstätige in Deutschland leiden an Depressionen

Stress und Druck sind häufige Auslöser von Depressionen.

© Max Boschini (CC BY-NC 2.0)

Erwerbstätige in Deutschland werden einer Studie zufolge immer länger wegen Depressionen krankgeschrieben. Mitverantwortlich sind oft Stress und zu wenig Freizeit. Experten mahnen deshalb, mehr Geld in Früherkennung und Vorsorge zu investieren.

Deutschland ist niedergeschlagen: Vom Jahr 2000 bis 2013 sind Fehlzeiten aufgrund von Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen. Der Anteil der Erwerbspersonen, die Antidepressiva verschrieben bekamen, hat im gleichen Zeitraum um ein Drittel auf sechs Prozent zugenommen. Das geht aus einer Erhebung zu Depressionen unter Erwerbstätigen hervor, den die Techniker Krankenkasse (TK) heute in Berlin vorgestellt hat.

“Die Fehlzeiten durch psychische Störungen sind um mehr als fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen”, sagt Thomas Grobe vom Institut für angewandte Gesundheitsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA). “Ein weiterer Anstieg der Zahlen für 2015”, so Grobe, “ist zu befürchten.”

Besonders schwer betroffen waren der TK-Studie zufolge bestimmte, psychisch besonders belastete oder hohem Druck arbeitende Berufsgruppen. An der Spitze finden sich Beschäftigte in Callcentern. Durchschnittlich 2,8 Tage war demnach jeder Mitarbeiter 2013 wegen einer Depression krankgeschrieben. Bei den Altenpflegern sind die Zahlen ähnlich beunruhigend: Ein Pfleger fiel durchschnittlich für 2,5 Tage aus. Im Bundesdurchschnitt war jeder Erwerbstätige einen Tag pro Jahr wegen einer Depression nicht arbeitsfähig.

In Europa zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit

Neben dem großen persönlichen Leid verursachen Depressionen damit auch hohe volkswirtschaftlichen Kosten. In ganz Europa, wo laut Zahlen der EU insgesamt rund 30 Millionen Menschen unter Depressionen leiden, ist die Krankheit die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Die EU-Kommission schätzt, dass den Volkswirtschaften dadurch 120 Milliarden Euro jährliche Kosten entstehen.

Psychische Krankheiten gehörten heute zu den Hauptherausforderungen für öffentlichen Gesundheitssysteme, mahnte darum vergangenes Jahr der damalige EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg.

Die EU unterstützt zwar schon seit Längerem die psychische Gesundheit mit Geldern aus dem Europäischen Struktur- und Investmentfonds. Mit speziellen Aktionsprogrammen ist auch die European Alliance Against Depression (EAAD) bereits in 18 Ländern aktiv im Kampf gegen das Leiden. Und der neue Gesundheits-Kommissar Vytenis Andriukaitis hatte kurz nach seinem Amtsantritt 2014 “neuen Auftrieb für die Gesundheit in Europa” versprochen.

Die Hälfte der Betroffenen bleibt unbehandelt

Dennoch gibt es noch viele Lücken in der tatsächlichen Durchführung von Maßnahmen gegen psychische Leiden. Das bestätigen Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, denen zufolge etwa 50 Prozent der Menschen mit Depressionen in Europa noch immer keinerlei Form der Behandlung erhalten.

Die Gründe sind vielfältig und reichen von Vermeidungsverhalten aufgrund von Scham und Leugnung über fehlende Angebote bis hin zu der Unfähigkeit des medizinischen Personals, das Problem zu erkennen.

Das gilt auch für Deutschland. “Die durch Depressionen verursachten Fehlzeiten zeigen nur zum Teil, wie belastet die Republik ist”, warnt der Psychologe York Scheller. Nicht jeder, der eine Depression hat, werde auch krankgeschrieben”, so Scheller.

Früherkennung sei darum Gesundheitsforscher Grobe zufolge eine der Maßnahmen, die dringend ausgebaut werden müsse. Nur drei Euro durchschnittlich würden deutsche Krankenkassen momentan pro Patient jährlich für die Depressionsprävention ausgeben. Dabei ließe sich gerade hier noch viel tun, so Grobe – von verbesserten Gesundheitschecks in Unternehmen über Vorsorgekurse bis hin zur Vermeidung der Auslöser. Denn neben einer Veranlagung seien übermäßiger Stress und keine ausreichende Trennung von Arbeit und Freizeit die fatalsten Auslöser für Depressionen.