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04/12/2016

Präzisionslandwirtschaft: Intelligente Anbaumethoden in der EU

Landwirtschaft und Ernährung

Präzisionslandwirtschaft: Intelligente Anbaumethoden in der EU

Mithilfe der Präzisionslandwirtschaft können Bauern ihren Wasser- und Düngemitteleinsatz optimieren.

[Ken Figlioli CC BY-SA 2.0/Flickr]

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU nach 2020 müsse beide Säulen mobilisieren, um den notwendigen digitalen Technologien den Weg in der Landwirtschaft zu ebnen, so ein Experte für Präzisionslandwirtschaft im Gespräch mit EurActiv Brüssel.

Das Zusammenspiel von steigender Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen und notwendigem Umweltschutz setzt Politiker zunehmend unter Druck, innovative Möglichkeiten zu finden, wie man mehr Output mit weniger Input schaffen kann. Die Nahrungsmittelpreisschwankungen auf den Agrarmärkten machen deutlich, dass die europäische Landwirtschaft ihre globale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen muss, um langfristig zu überleben.

Mehrere Interessengruppen meinen, die GAP solle die aktuelle digitale Revolution für sich nutzen und neue Technologien einführen. So drehen sich die derzeitigen Diskussionen über die GAP von 2021 bis 2027 um das Konzept der digitalen beziehungsweise Präzisionslandwirtschaft. Diese Art des Anbaus basiert auf dem optimierten Inputmanagement eines Feldes, das sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Pflanzen orientiert. Dabei werden Datenbank-Technologien, darunter auch Satellitennavigationssysteme wie GPS, Fernerkundung und das Internet genutzt, um den Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden und Wasser zu verringern. Kurz gesagt: Die Präzisionslandwirtschaft hilft europäischen Bauern, in ihrem Tagesgeschäft Rücksicht auf jedes kleinste Detail zu nehmen und so nachhaltiger zu werden.

Die Generaldirektionen für Kommunikationsnetzwerke (GD CONNECT) und Landwirtschaft (GD AGRI) der EU-Kommission konzentrieren sich derzeit auf genau diese Art des Anbaus. Im Rahmen der Alliance for Internet of Things Innovation (AIOTI) soll ein groß angelegtes, 30 Millionen Euro schweres Pilotprojekt zur intelligenten Landwirtschaft finanziert werden. Gleichzeitig wird es Förderausschreibungen für datenbasierte Agrarinnovationen innerhalb des „Horizon 2020“-Programms geben.

Doch bevor der Landwirtschaftssektor der EU den kritischen digitalen Sprung meistern kann, muss er noch viele Herausforderungen bestehen – von Fördermöglichkeiten über Infrastrukturkapazitäten und Fähigkeitsaufbau.

Auf der Suche nach innovativen Ideen

Die GAP Säule für ländliche Entwicklung fördert innovatives Denken vor allem mithilfe der Europäischen Innovationspartnerschaft „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit“ (EIP-AGRI). Ihr Ziel ist es, Synergien zwischen „Horizon 2020“ und der ländlichen Entwicklung zu schaffen. Außerdem soll sie die Lücke zwischen Forschung und Praxis schließen. Im Rahmen der EIP-AGRI kommen lokale Interessenvertreter (Landwirte, Forscher, Unternehmen, NGOs) zusammen und bilden sogenannte „operative Gruppen“. Diese zielen darauf ab, innovative Lösungen für die häufigsten Probleme eines Landes oder einer Region zu bieten.

Erst kürzlich hielt die EIP-AGRI-Fokusgruppe „Mainstreaming Precision Farming “ fest, dass auch die digitale Landwirtschaft zahlreichen Herausforderungen gegenübersteht. Die Präzisionslandwirtschaft sei auf die Zusammenarbeit aller Interessenvertreter angewiesen, heißt es in ihrem Bericht. Außerdem müsse man spezialisierte Berater ausbilden, die Innovationen in den landwirtschaftlichen Betrieben umzusetzen helfen. „Regionales Training und Bewusstseinsbildung sind notwendig, um Berater und kleine und mittelständische Unternehmen zu überzeugen. Denn viele Landwirte glauben noch nicht, dass sich die Präzisionslandwirtschaft auch für kleine Betriebe lohnt“, schreiben sie und schlagen das Prinzip der geteilten Verträge vor.

Der Bericht geht auch auf den derzeitigen Stand der Präzisionslandwirtschaft ein: Vor allem große Landwirtschaftsbetriebe in Mittel- und Nordeuropa nutzen Präzisionstechniken beim Ackerbau. Ihr Ziel ist es, profitabler zu wirtschaften. In Südeuropa hingegen, dessen Landwirtschaft ohnehin bereits unter großem wirtschaftlichen Druck stehe und mit Wasserknappheit zu kämpfen habe, seien vor allem Präzisionsbewässerungstechniken „entscheidend für ein gutes Management“, so die Fokusgruppe.

Der Bericht identifiziere zwar wichtige Lösungsansätze und Defizite, gebe jedoch keine praktischen Umsetzungsempfehlungen, lokaler zu produzieren. „Angesichts der Vielfalt der europäischen Landwirtschaft […] brauchen wir eine tiefgreifende Analyse auf regionaler und womöglich nationaler Ebene“, meint Jean-Paul Beens, Leiter für Public Affairs und Industriebeziehungen des Düngemittelproduzenten Yara. „Wenn man die Mitgliedsstaaten um Unterstützung für NIP-AGRI-Programme (nationale Innovationspartnerschaften) bitten würde, könnte man dem Ziel ein Stückchen näher kommen, die Präzisionslandwirtschaft der EU noch produktiver und nachhaltiger zu machen.“ Das beste Beispiel hierfür sei Schweden. „Die dort angewandten Instrumente der Präzisionslandwirtschaft wie der N-Sensor stehen im Abschlussbericht der EIP-AGRI in der Liste für Best Practices“, so Beens.

Breitbandinfrastruktur

Adäquate Breitbandstrukturen in der gesamten EU seien eine wichtige Voraussetzung, um den digitalen Wandel in der Landwirtschaft erfolgreich und inklusiv zu meistern, betont der Europäische Landmaschinenverband (CEMA). „Der Breitbandzugang hinkt in vielen ländlichen und weniger dicht besiedelten Gegenden der EU noch immer drastisch hinterher“, kritisiert CEMA-Generalsekretär Ulrich Adam im Gespräch mit EurActiv.

Man müsse neue Maßnahmen ergreifen, um in Zukunft eine „digitale Kluft“ zwischen ländlichen und urbanen Ortschaften zu vermeiden. Außerdem könne die EU nur so ihr Ziel erreichen, bis 2020 jedem Unternehmen und jedem Haushalt einen Breitbandzugang mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 30 MB pro Sekunde zu bieten.

Der Düngemittelproduzent Yara, der mithilfe der Präzisionslandwirtschaft den Düngemitteleinsatz optimieren möchte, hat jedoch ein anderes System für den Internetzugang entwickelt: „Wir haben mehrere Instrumente, die unabhängig von den Telekommunikationsnetzwerken arbeiten, solange es in der Nähe des Landwirts eine Internetverbindung gibt, so Beens. „Als internationales Unternehmen sehen wir, wie kreativ Landwirte werden, wenn sie sich an neue Technologien anpassen müssen. In weniger entwickelten Ländern zum Beispiel übertragen Bauern ihre Ackerdaten mit unserer Smartphone-App, wenn sie gerade Internetzugang beim Einkaufen oder an der Tankstelle haben.“

Digitale Kompetenz

Die Landwirte in der EU werden immer älter. Schätzungen zufolge sind gerade einmal acht Prozent der EU-Landwirte jünger als 35. Die Einführung neuer Technologien könnte daher eine EU-Landwirtschaft der zwei Geschwindigkeiten schaffen. Um dem entgegenzuwirken und den digitalen Wandel in der Landwirtschaft zu vollziehen, sind laut CEMA vor allem digitale Fähigkeiten gefragt. Das könnte die Landwirtschaft und agrarbezogene Berufszweige zukunftsfähiger und somit attraktiver für junge Talente machen. „Wir brauchen eine öffentliche Politik, die den Bauern dabei hilf, digitale Technologien zu nutzen und in sie zu investieren. Hierbei könnte die GAP nach 2020 eine wichtige Rolle einnehmen“, unterstreicht Adam.

Das glaubt auch Luc Vernet, leitender Berater bei Farm Europe, einem Think-Tank mit Spezialisierung auf EU-Landwirtschaftsthemen. Alle bahnbrechenden Technologien oder Praktiken werden ihm zufolge immer erst von einigen wenigen Pionieren umgesetzt – so zum Beispiel die biologische Landwirtschaft in den 90ern. „Wenn man jedoch das Potenzial dieser Techniken und die Eigenheiten der EU-Landwirtschaft berücksichtigt – die ja vor allem aus kleinen und mittelständischen Familienbetrieben besteht – dann sieht man, wie wichtig es für die GAP ist, diesen neuen Trend zu begleiten. Landwirte brauchen Unterstützung in Form von angemessenen politischen Maßnahmen, um das Risiko der Veränderungen auf sich zu nehmen“, erklärt Vernet.

Yara vergleicht die Einführung der digitalen Landwirtschaft mit den ersten Computerprogrammen. „Die grundlegende Funktionsweise ist bekannt, aber das mögliche Potenzial muss erst noch erkundet, gemeistert und verknüpft werden“, betont Beens. „Viele Landwirte haben bereits Ausrüstung mit fortschrittlicher Technologie gekauft, ohne deren Potenzial nun jedoch komplett auszuschöpfen.“ Zu den obersten Prioritäten gehöre es, Technologien zu standardisieren und sich auf einen anderen Schwerpunkt und Trainingstypus einzustellen. „Oftmals sind die Technologien unterschiedlicher Zulieferer nicht miteinander kompatibel. Das bringt uns zur nächsten großen Herausforderung: der Standardisierung.“

Die GAP nach 2020

Schon jetzt diskutieren EU-Politiker mit den relevanten Interessenvertretern über die Zukunft der GAP nach 2020. CEMA drängt die EU-Gesetzgeber in einem Arbeitspapier, die erste und zweite Säule der GAP – die Direktzahlungen und die ländliche Entwicklungsförderung – flexibler zu gestalten, um den Zugang und die Aufnahme neuer Technologien zu vereinfachen. „Es sollte ein Mechanismus ähnlich der Artikel 68 und 69 der vorigen GAP (2007 bis 2013) eingeführt werden, der es den Mitgliedsstaaten erlaubt, zehn Prozent ihres Budgets der ersten Säule für spezifische Projekte zur Produktivitätssteigerung in Landwirtschaftsbetrieben zu nutzen“, heißt es in dem Papier. Ein solcher Mechanismus könne entweder auf Säule 1 angewandt werden (für einen gewissen Prozentsatz der Gesamtdotation, beispielsweise fünf bis zehn Prozent) oder auch auf Säule 2 (für das unverbrauchte Budget).

Darüber hinaus schlägt die CEMA vor, einen 15-prozentigen Anteil des derzeitigen GAP-Haushalts in den nächsten Zeitrahmen von 2021 bis 2027 zu verlagern, um so die Forschung und Entwicklung (FuE) in der Landwirtschaft zu fördern. Die europäischen Maschinenbauer gehen sogar noch ein Stück weiter und verlangen die Einführung eines „Produktivitätsbonus“ im Rahmen der „Greening“-Maßnahmen. „Der Grundgedanke hinter einem solchen Produktivitätsbonus ist ganz einfach und direkt: Landwirte, die ihre Produktivität steigern können und sich dabei strikt an ihre Cross-Compliance-Verpflichtungen halten, werden belohnt“, erklärt Adam. Ein solcher Bonus könne mithilfe der landwirtschaftlichen Gesamtfaktorproduktivität (TFP) berechnet werden. Die TFP umfasst laut Definition die Nutzung von Boden, Wasser und anderen Inputfaktoren.

Angesichts der niedrigen Rentabilität europäischer Agrarbetriebe, sollte die digitale Landwirtschaft Farm Europe zufolge über Investitionshilfen und starke politische Anreize gefördert werden. „Beide GAP-Säulen könnten mobilisiert werden, um Investitionen in neue Technologien anzukurbeln. Über das geplante Greening könnte die EU die digitale Landwirtschaft vorantreiben, indem sie anerkennt, dass diese Technologien zum Erreichen der Klimaziele beitragen“, meint Vernet. Außerdem brauche man einen EU-weiten Investitionsplan für ländliche Entwicklungsprogramme mit dem Schwerpunkt neuer Technologien. Vernet zufolge müsse sich die GAP auch mit der Übergangsphase beschäftigen, die immer eine „heikle“ Angelegenheit darstelle. So bräuchten Landwirte Unterstützung dabei, Risiken auf sich zu nehmen.

Über diese drei Schritte hinaus müsse die EU eine klare Agenda für die kommenden Jahre aufstellen. „Die digitale Landwirtschaft bietet uns die Möglichkeit, den Umweltansatz der GAP zu verbessern. Wir können von einem maßnahmenbasierten Ansatz wegkommen, der unnötige Bürokratie und einen enormen Verwaltungsaufwand schafft. Stattdessen orientiert man sich an einem zielgerichteten Ansatz, der den Landwirten genug Spielraum lässt, zu entscheiden, wie diese gemeinsamen Vorgaben erreicht werden können.“

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