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28/08/2016

Moedas: Europas Industrie muss sich digitalisieren

Innovation

Moedas: Europas Industrie muss sich digitalisieren

Der EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation

[Friends of Europe]

Europa hat eine gute industrielle Basis, mit starken traditionellen Sektoren, doch die EU-Länder würden “nicht mit der digitalen Welt verschmelzen”, warnt Carlos Moedas. Der Übergang wird “der entscheidendste Bereich für Europa sein, ob man es richtig oder falsch anpackt”.

Am heutigen Dienstag wird die Kommission ihr Arbeitsprogramm für die nächsten beiden Jahre des EU-Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon 2020 vorstellen. Insgesamt 16 Milliarden Euro werden dabei prioritären Bereichen wie der industriellen Wettbewerbsfähigkeit, der digitalen Agenda und auch Migration zugewiesen.

Carlos Moedas ist Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation.

Moedas hat mit Jorge Valero von EurActiv gesprochen.

EurActiv: Im kommenden Monat jährt sich Ihr Amtsantritt als EU-Kommissar zum ersten Mal. Was wird Ihr Leitmotiv für den Rest Ihres Mandats sein?

MOEDAS: Der Standpunkt muss sein, wie man mit dem Geld der Steuerzahler bessere Ergebnisse erzielt. Beim Seal of Excellence, das wir am Montag präsentierten, geht es genau darum. Ein sehr kleiner Schritt, der große Auswirkungen haben kann, weil die Leute in den vergangenen 10-15 Jahren darüber sprachen, wie die Strukturfonds besser mit Horizon 2020 arbeiten können.

Und man versuchte alles. Aber um ehrlich zu sein, funktionierte es nicht. Mit diesem Seal wollen wir das Silodenken zwischen den beiden Fonds aufbrechen. Bei meinem Amtsantritt sagte ich, dass ich versuchen würde, pragmatische Lösungen zu finden – einfach, aber es funktioniert.

In den vergangenen Monaten haben Sie Ihr Motto wiederholt: “Offene Innovation, offene Wissenschaft und offen zur Welt”. Was bedeutet das?

Es ist ein Statement, das zumindest in den Köpfen der Europäer bedeuten sollte, dass man in einem offenen System sein sollte, wenn man bessere Wissenschaft und Innovation haben will. In einer digitalen Welt ist man in einem System, in dem es keine Barrieren mehr gibt. Wenn man versucht, sein Land zu schließen oder Protektionismus einzusetzen, wird man weniger Innovation und Wissenschaft haben. Es gibt natürlich Vor- und Nachteile, doch die Vorteile sind für die Gesellschaft als Ganzes viel größer.

Richtet sich das Safe-Harbor-Urteil gegen diese Offenheit?

Als Kommissar werde ich die Entscheidungen des Gerichtshofs nicht kommentieren. Sie sollten respektiert werden. Offenheit bedeutet auch Verantwortung. Offenheit bedeutet nicht, dass ich alles machen kann, was ich will, sie bedeutet aber mehr Integrität. Deshalb haben wir das Projekt Research Integrity gestartet.

Bald werden wir einen Kodex präsentieren, nach dem man an unseren Programmen teilnehmen kann, man wird unter anderem nachweisen müssen, dass man nicht betrügt, dass man nicht plagiiert. Heute stehen wir am Anfang einer Welt, von der wir nicht wissen, was noch kommen wird. Das bedeutet nicht Offenheit ohne Verantwortung oder Restriktionen. Die Leute müssen wissen, wo die Daten sind. Wir müssen uns sicher fühlen. Aber gleichzeitig sollten wir die Daten loslassen.

Eine Gruppe von Mitgliedsstaaten schickte Ihnen kürzlich einen Brief, in dem sie Sie auffordert, alle notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, Forschung und Innovation im nächsten Jahr höher auf die Agenda der Kommission zu schieben, denn dieser Bereich wird aus ihrer Sicht 2016 vernachlässigt. Was ist Ihre Antwort?

Forschung und Innovation ist in allen Bereichen eine Priorität für diese Kommission. In allen Kommissionsprioritäten wie der Energieunion oder der digitale Binnenmarkt ist die Innovation per se da. Wir müssen einen Weg finden, auf die Rolle der Kommission zu schauen, die nicht nur die Schaffung von Rechtsvorschriften ist. Ich verstehe die Sorgen der Minister und ich werde persönlich mit ihnen sprechen, um ihnen in Bezug auf die Prioritäten des Kommissionspräsidenten zu sagen, welche konkreten Dinge wir machen und ihre nachhaltigen Auswirkungen. Aber von Anfang an war ich sehr deutlich, dass es nicht um mehr Gesetzgebung, sondern um bessere Gesetzgebung geht.

Im vergangenen Sommer schlugen Sie einen Europäischen Innovationsrat vor, aber es gibt bereits ein ähnliches Gremium: Das Europäische Innovations- und Technologieinstitut (EIT). Ist es nicht überflüssig?

Die Idee des Europäischen Innovationsrats hat nichts mit dem EIT zu tun. Es geht nicht darum, eine neue Institution zu schaffen, sondern wie wir die Instrumente, die wir heute in Bezug auf Innovation haben an einer Stelle bündeln können. Die meisten unserer Innovatoren wissen aufgrund der Vielzahl der Instrumente zu ihrer Unterstützung, wie das KMU-Instrument oder der Schnellweg zur Innovation nicht, wohin sie sich wenden sollen. Gleichzeitig geht es darum, wie wir diese Instrumente mehr ‘bottom up‘ gestalten können, was im Brüsseler Jargon bedeutet, den Leuten mehr Freiheit einzuräumen, das zu tun, was sie für richtig halten. Das stammt vom Modell des Europäischen Forschungsrats. Ich habe nie über das EIT als Referenz nachgedacht.

Ist dieser Vorschlag keine versteckte Kritik am EIT?

Überhaupt nicht. Das EIT ist ein fantastisches Projekt. Wir sind sehr stolz darauf.

Wäre es unter Ihrer Aufsicht nicht effizienter?

Ich werde das nicht kommentieren. Bei meinem Amtsantritt bekam ich ein Mandat, mit Allen zusammenzuarbeiten, um Innovation, Forschung und Wissenschaft zu steuern. Ich habe eine großartige Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Tibor Navracsis (Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport). Bei dieser Kommission geht es nicht um “das ist meins und das ist deins“, wir arbeiten zusammen.

Wie spiegelt das Horizon 2020-Arbeitsprogramm für 2016 und 2017 derzeitige Ereignisse wie die Flüchtlingskrise oder langfristige Prioritäten wie den Übergang zu Industrie 4.0 wider?

Der Punkt ist, wie man Horizon 2020 und die Kommissionsprioritäten wie die Ankurbelung von Wachstum und der Wettbewerbsfähigkeit in Einklang bringt. Wir werden also in den nächsten beiden Jahren zwei Milliarden Euro für KMU haben und der ERC wird rund 1.000 Zuschüsse im Wert von ungefähr 1,7 Milliarden Euro anbieten, um wachstumsfördernde Durchbrüche zu unterstützen. Im Falle des digitalen Binnenmarkts werden wir die European Open Science Cloud mit 50 Millionen Euro unterstützen. Dabei geht es um die Schaffung einer Cloud, die Wissenschaftlern einen Rundumservice bietet. Auch teilen unter anderem dem Internet der Dinge 139 Millionen Euro der digitalen Sicherheit 100 Millionen Euro zu.

Eine der Prioritäten wird die Verbesserung von Europas industrieller Basis sein. In diesem Bereich gibt es die sogenannte Industrie 4.0, die sehr stark mit dem Internet der Dinge und der Entwicklung von 5G im Mobilfunksektor zusammenhängt, nämlich Maschinen, die mit Maschinen sprechen. Wie sind diese drei Sachen miteinander verbunden und was ist ihre Vision in diesem Bereich?

Das ist der entscheidendste Bereich für Europa sein, ob man es richtig oder falsch anpackt. Wir haben eine sehr gute industrielle Basis, die Länder haben eine sehr gute traditionelle Industrie, eine physische Industrie. Aber diese Länder verschmelzen nicht mit der digitalen Welt. Die Frage ist also, wie wir diese industrielle Basis auf die nächste Ebene bringen können, die digital ist. Wenn wir das nicht machen, werden wir zwischen allen Stühlen sitzen, weil man in der digitalen Welt Geschwindigkeit und Umfang braucht.

In den USA machen sie es sehr gut mit der digitalen Dimension. Sie gehen zum Beispiel im Automobilsektor von digital zu physisch. Wir müssen von traditionell zu digital gehen. Ich denke, wir werden uns irgendwo in der Mitte treffen. Aber wir können nicht diese Tradition verlieren. Das Internet der Dinge, Industrie 4.0 und 5G gehören alle zusammen. Es ist eine Tatsache, dass man wirklich nicht weiß, wo man die Antwort findet. Einige Optionen werden funktionieren und andere nicht, aber man kann diesen Einsatz für die Zukunft nicht verpassen.