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24/01/2017

Migranten aus Spanien und Osteuropa bescheren Fachkräfte-Plus

Innovation

Migranten aus Spanien und Osteuropa bescheren Fachkräfte-Plus

Migranten aus dem EU-Ausland stützen den Fachkräftebedarf in MINT-Berufen

[Saint Louis University Madrid Campus/Flickr]

Positives Signal für die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft: Die Zahl der Arbeitnehmer sogenannter MINT-Berufe steigt dank der Zuwanderung aus dem EU-Ausland. Die Unternehmen leiden dennoch unter einem latenten Fachkräftemangel – auch aufgrund von Ausländerfeindlichkeit in den ostdeutschen Bundesländern, mahnten Experten und Wirtschaftsverbände bei der Vorstellung eines aktuellen Gutachtens.

Smart Cities, Industrie 4.0, moderne Umwelttechnik – Deutschland will in diesen Branchen führend sein. Dort wittern Unternehmen nachhaltige Wachstumschancen und neue Arbeitsplätze. Doch seit Jahren kommt die Wirtschaft bei der Besetzung von sogenannten MINT-Berufen – also Jobs in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – nicht nach. Laut dem diesjährigen MINT-Frühjahrsreport des Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln fehlen derzeit 137.100 qualifizierte Arbeitskräfte mit einem naturwissenschaftlichen oder technischen Bildungsabschluss – der höchste Stand seit Dezember 2012.

Experten aus der deutschen Wirtschaft geben der abschlagsfreien Rente mit 63 eine schwerwiegende Mitschuld für den bestehenden Fachkräftemangel. „Gleich im ersten Quartal nach Einführung der Regelung fehlten rund zehn Prozent der eigentlich verfügbaren MINT-Facharbeiter im Alter von 63 Jahren und mehr“, beklagt Michael Stahl, Geschäftsführer Bildung und Volkswirtschaft des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, bei der Vorstellung des Reports am Mittwoch in Berlin.

Die aktuelle Fachkräfte-Lücke würde laut MINT-Report noch größer ausfällen, wären da nicht Fachkräfte aus dem Ausland. Ihr Anteil an den MINT-Kräften stieg vom vierten Quartal 2012 bis zum dritten Quartal 2014 um 11,3 Prozent und damit gut vier Mal so stark wie bei deutschen Arbeitnehmern in diesen Berufsgruppen. „Die Beschäftigungsdynamik bei ausländischen Beschäftigten ist um ein Vielfaches höher als bei ihren deutschen Pendants“, erklärt IW-Direktor Michael Hüther.

Einen entscheidenden Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten laut den Wirtschaftsexperten Migranten aus Mittel- und Osteuropa, insbesondere aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Das liege vornehmlich an der jüngsten Öffnung des Arbeitsmarktes für Arbeitnehmer aus diesen Ländern, so Hüther. Die zugezogenen Beschäftigten aus diesen Ländern arbeiten in der deutschen Wirtschaft überwiegend als Facharbeiter.

Auch MINT-Kräfte aus Spanien strömen überproportional auf den qualifizierten Arbeitsmarkt, was im Wesentlichen auf die Krise der spanischen Volkswirtschaft zurückzuführen sei, sagt Hüther.

Unter den Staaten außerhalb der EU ragt Indien mit einem Beschäftigungswachstum von 31,6 Prozent heraus. Dieser Erfolg dürfte sowohl den verbesserten Zuwanderungsbedingungen generell als auch dem aktiven Werben um MINT-Kräfte vor Ort, wie etwa der Initiative „Make-it-in-Germany“ geschuldet sein, schreiben die Autoren des MINT-Reports.

Doch die Wirtschaftsexperten warnen: Besonders die ostdeutschen Bundesländer verspielen das Potential ausländischer Fachkräfte und laufen Gefahr, in den kommenden Jahren einen verheerenden Fachkräfte-Schwund erleben zu müssen. „Die mentalen Vorbehalte gegenüber Zuwanderung sind dort am größten“, erklärt Thomas Sattelberger von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).

Diese Vorbehalte sind jedoch in den Neuen Bundesländern fatal, sind es doch genau die dortigen Unternehmen, denen eine Pensionierungswelle von MINT-Kräften bevorsteht. Während in Westdeutschland durchschnittlich 16 Prozent der MINT-Beschäftigten älter als 55 Jahre sind, beträgt die Quote in Ostdeutschland bereits 20 Prozent. „Die ostdeutschen Bundesländer laufen Gefahr den Ast abzusägen, den sie eigentlich am dringendsten bräuchten“, so Sattelberger.

Noch immer ist der Osten für ausländische Arbeitskräfte nicht sonderlich attraktiv: Während in den innovationsstarken Flächenländern Baden-Württemberg, Hessen und Bayern zwischen acht und elf Prozent aller MINT-Beschäftigten eine ausländische Staatsangehörigkeit haben, kommen die ostdeutschen Flächenländer nur auf Anteile von 1,4 bis 2,2 Prozent. Das Fazit der Experten: „Ohne besondere Anstrengungen bei der Willkommenskultur droht die Innovationskraft in den ostdeutschen Regionen zu erodieren.“

Hintergrund

"MINT" steht für die Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. In Deutschland gingen Ende September 2014 rund 6,5 Millionen sozialversichtungspfichtugn Beschäftigten einem MINT-Beruf nach. 4,1 Millionen entfielen auf MINT-Facharbeiterberufe, 1,2 Millionen auf Meister- oder Technikberufe, die restlichen knapp 1,2 Millionen auf Akademikerberufe.

Konkrete Beispiele für MINT-Jobs sind die Bionik, Bioverfahrenstechnik, Mechatronik, Gentechnologie, Umwelttechnik, Digitaltechnik, Softwareengineering und andere.

Laut MINT-Herbstreport 2014 fehlen ohne zusätzliche Maßnahmen zur Fachkräfteischerung bis 2020 rund 670.000 MINT-Fachkräfte. Sollte der Bedarf an diesen innovativen Jobs steigen, würde die Lücke noch einmal deutlich größer ausfallen.

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