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24/07/2016

Internet-Kriminalität: Guttenberg fordert globale Anti-Hacker-Allianz

Innovation

Internet-Kriminalität: Guttenberg fordert globale Anti-Hacker-Allianz

Ex-Verteidigungsminister Guttenberg auf dem Cyber Security Gipfel: "Abschreckung ist unverzichtbar". Foto: Deutsche Telekom

Im Kampf gegen die wachsende Gefahr von Cyber-Attacken verlangt Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine Art digitale G-20: Bei seinem Auftritt auf dem dritten Cyber Security Gipfel in Bonn bediente sich der CSU-Politiker auch dem Vokabular des Kalten Krieges.

Europa will digitaler Vorreiter in der Welt werden. Doch mit der voranschreitenden Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft steigen auch die Risiken: Der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg verlangt deshalb von der EU eine Neuausrichtung der Cyber-Sicherheitspolitik und eine verstärkte Zusammenarbeit mit den großen digitalen Playern: “Wir müssen aufhören mit dem merkwürdigen Zuständigkeits-Wirrwarr und sollten endlich über den Tellerrand schauen”, sagte Guttenberg am Montag auf dem dritten Cyber Security Summit in Bonn.

So müsse die EU vermehrt Daten austauschen, etwa mit den USA beim “Aufspüren und Blockieren verdächtiger Internetaktivitäten”, so der CSU-Politiker, der derzeit in den USA als Berater tätig ist. Nur so könne man die aktuellen Erfolge des Islamischen Staates (IS) im Cyberspace und der Bedrohung ganzer Staaten durch Hackerangriffe begegnen. 

Guttenberg verlangte dafür die Schaffung einer neue Institution, in der neben der EU auch China, Indien und Brasilien mitmischen. Gemeinsam müsse man offensiver gehen Bedrohungen vorgehen: “Eine offensive Abschreckungskomponente ist dabei unverzichtbar”, erklärte zu Guttenberg, der damit eine Schlüssel-Terminologie des Kalten Krieges verwendete. Sicherheit im Cyber-Space komme ohne eine solche angriffsorientierte Politik nicht aus. 

Staaten müssten außerdem enger mit der Digital-Industrie arbeiten, um auf deren Big Data zugreifen zu können: “Wir dürfen keine Angst vor Google und Facebook haben, sondern deren Kompetenzen nutzen”, so Guttenberg.

Brok: Wir brauchen ein “Cyber-EU”

“Angriff ist eine Methode der Verteidigung – auch im Cyberkrieg”, fügte Elmar Brok, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, hinzu. Der CDU-Politiker forderte, dass sowohl auf Ebene der EU als auch der NATO solche Angriffsfähigkeiten entwickelt werden müssten. Gerade die EU sei die richtige Institution, um die nationalen Initiativen der Mitgliedsländer zu bündeln, da hier die Interessen am meisten übereinstimmten.

“Derzeit machen wir Arbeit doppelt und dreifach”, so Brok. Weltweit hätten 114 Staaten eine eigene Cyber-Sicherheitsstrategie. “Da brauchen wir etwas wie eine Cyber-NATO – oder zumindest eine Cyber-EU”, so der CDU-Politiker.

Ein stärkeres Engagement gegen Hacker-Angriffe forderte auch die Deutsche Telekom. “Die Bedrohung für die Sicherheit unserer Daten und unserer digitalen Infrastrukturen wächst von Jahr zu Jahr”, sagte Konzernchef Timotheus Höttges. Das Unternehmen verzeichne in diesem Jahr rund eine Millionen Hacker-Angriffe täglich allein auf ihre Netze. Zwei Jahre zuvor waren es nur 300.000.

Laut einer Telekom-Studie zur Cyber-Kriminalität sind neun von zehn deutschen Firmen inzwischen Ziel von Angriffen aus dem Netz. 2013 hätten sich die wirtschaftlichen Schäden weltweit auf bis zu 575 Milliarden Dollar belaufen, sagte Höttges. “Die Hacker arbeiten still, schnell und sie sind brandgefährlich.”

Die Bundesregierung feilt jedoch an einer nationalen Cyber-Strategie: Als Konsequenz aus den Spähangriffen des US-Geheimdienstes NSA aber auch angesichts sich häufender Cyberattacken will sie ein eigenes IT-Sicherheitsgesetz verabschieden. Über die Ausgestaltung wird in der großen Koalition jedoch heftig debattiert.

Snowden-Anwalt: “NSA gefährdet Cyber-Sicherheit” 

Beträchtliche Gefahren für die Internet-Sicherheit sind laut Ben Wizner, Direktor der American Civil Liberties Union (ACLU) und Anwalt von Whistleblower Edward Snowden, auch die Geheimdienste selbst. So etwa die NSA: Sie handele mit der massiven Ausspähung der Bürger ganz im Gegenteil zu ihrem eigentlichen Auftrag, so Wizner. In Verschlüsselungssystemen habe sie Hintertüren und Schlupflöcher für ihre eigenen Zwecke eingebaut, und auf diese Weise die Internet-Sicherheitssysteme angreifbarer gemacht.

Beim Schutz von Computersystemen und Software warnte der Sicherheitsexperte Andy Müller-Maguhn zudem vor Schwachstellen in vermeintlich sicheren Programmen. Der NSA-Skandal habe gezeigt, dass Firmen unter Umständen gesetzlich verpflichtet werden können, Daten weiterzugeben oder Geheimdiensten den Zugriff zu ermöglichen. “Es ist also ganz wichtig, dass die Verlässlichkeit von Verschlüsselung überprüft werden kann”, sagte Müller-Maguhn. Unabhängige Fachleute sollten Verschlüsselungscodes auf Hintertüren abklopfen können.