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04/12/2016

Industrieverband: Neue EU-Datenschutzregeln schaffen Zehntausende Arbeitsplätze

Innovation

Industrieverband: Neue EU-Datenschutzregeln schaffen Zehntausende Arbeitsplätze

Der Industrieverband IAPP schätzt, dass die neue EU-Verordnung 28.000 neue Arbeitsplätze in Europa schaffen wird.

[atelier-data-privacy/Flickr]

Die frischgebackene EU-Verordnung über den Schutz der Privatsphäre wird europaweit 28.000 Datenschutzspezialisten erfordern, meint der Industrieverband IAPP (International Association of Privacy Professionals). EurActiv Brüssel berichtet.

Vergangene Woche genehmigte das EU-Parlament nach vier zermürbenden Verhandlungsjahren die neuen Datenschutzvorschriften. Die Verordnung, die ab 2018 in Kraft treten soll, verschärft die Sicherheitsstandards für personenbezogene Verbraucherdaten. Davon profitieren nicht nur die Verbraucher selbst, sondern auch Anwälte und Datenschutzexperten. Denn Spezialisten in besagtem Gebiet werden besonders gefragt sein, erklärt der Industrieverband IAPP (International Association of Privacy Professionals).

Unternehmen und öffentliche Behörden, die mit vertraulichen Personendaten arbeiten, werden der Verordnung nach verpflichtet sein, interne Datenschutzbeauftragte einzustellen. Das müssen nicht unbedingt Anwälte sein. Sie sollten nur nachweisen können, dass sie sich mit den neuen Datenschutzvorschriften auskennen. IAPP geht davon aus, dass private Unternehmen auf etwa 24.000 Spezialisten angewiesen sein werden. Regierungsstellen hingegen werden ihr Personal Schätzungen zufolge um 4.000 Stellen im Datenschutzbereich aufstocken. Diese Zahlen seien „unglaublich konservativ“, so Trevor Hughes, IAPP-Vorstandsvorsitzender. Ein bedeutender Anteil dieser Arbeitsplätze könnte auf bestehende Mitarbeiter entfallen, die von ihren Unternehmen einfach nur zusätzliches Training zur Datenschutzverordnung bekommen.

Das durchschnittliche Gehalt eines Datenschutzbeauftragten in der EU lag 2015 IAPP-Statistiken zufolge bei etwa 79.000 Euro. Damit verdienen die neuen, gefragten Spezialisten jedoch noch immer bedeutend weniger als ihre Kollegen in den USA. Diese bekamen letztes Jahr im Durchschnitt 126.000 Dollar (112.000 Euro). Sowohl in den USA als auch in der EU sind Datenschutzbeauftragte zwischen 43 und 44 Jahre alt. Am besten bezahlt sind all jene, die im Bankensektor arbeiten. Am wenigsten zahlt der öffentliche Dienst, denn dieser hätte es laut Hughes schwer, mit wohlhabenderen Arbeitgebern zu konkurrieren. „Das ist eine schwierige Angelegenheit. Man muss nicht nur einen Experten finden, sondern gleichzeitig jemanden, der sich auch für den öffentlichen Dienst begeistern kann“, erklärt der IAPP-Vorstand. Er sei jedoch zuversichtlich, dass auch in Europa bald die Gehälter steigen würden.

US-amerikanischen Unternehmen verdienen Datenschutzexperten in der Regel mehr, weil sie meist Stellen auf Exekutivebene besetzen. In Europa beschränken sich vergleichbare Tätigkeiten meist nur auf die Einhaltung der EU-Gesetze und gehen darüber Hughes zufolge kaum hinaus.

Cyber- und Internetsicherheit

Es ist zwar schwierig, Datenschutzstellen zu besetzen, doch könnte es in anderen technischen Bereichen sogar noch schlimmer sein. „Wir werden bald ganz enormen Marktdruck auf Datenschutzspezialisten beobachten können. Ich denke, Cyber- und Internetsicherheit bilden einen Berufsstand, der die Entwicklung für Datenschutz besonder gut vorzeichnet“, so Hughes. Vor Kurzem berichtete EurActiv, dass ENISA, die Cybersicherheits-Agentur der EU, Schwierigkeiten bei der Einstellung von Fachpersonal mit technischen Kenntnissen habe. Teil des Problems ist die Tatsache, dass private Unternehmen, vor allem Banken, wie auch beim Datenschutz viel höhere Gehälter bieten können.

Man könne nicht wirklich festmachen, wie viele unbesetzte Cybersicherheits-Stellen es derzeit in Europa gebe, meint ENISA-Direktor Udo Helmbrecht. Es mangle Europa jedoch definitiv an entsprechend ausgebildeten und sachkundigen Experten. Innerhalb der letzten fünf oder sechs Jahre führten zahlreiche europäische Universitäten verpflichtende Kurse zum Thema Cybersicherheit im Rahmen ihrer IT-Studiengänge ein. Helmbrecht sieht diese Entwicklung als Fortschritt. So könne man die Lücke im Wirtschaftszweig schließen. Bis sich das jedoch in der breiteren Arbeitnehmerschaft niederschlägt, dürfte noch einige Zeit vergehen. „Angenommen diese jungen Leute sind jetzt 20 Jahre alt. Dann müssen sie erst noch ihr Studium abschließen, Erfahrungen sammeln und irgendwo in einem Unternehmen anfangen“, erklärt Helmbrecht.

Im Allgemeinen gebe es mehr qualifizierte Fachkräfte aus EU-Ländern mit bereits gut etablierten Technologiebranchen wie Finnland, Großbritannien, Frankreich, Estland, die Niederlande oder Deutschland. „Geschichtlich sind sie hier schon einen Schritt weiter“, so der ENISA-Direktor. Da sich in vielen Wirtschaftszweigen Unternehmen, die mit persönlichen Daten arbeiten, nach den neuen Datenschutzvorschriften richten müssen, könnte so eine wahre Einstellungswelle in der EU ausgelöst werden. London, Dublin, Amsterdam und Brüssel stehen dabei laut Hughes besonders heraus, da Unternehmen aufgrund der dortigen Finanz- und Technologiebranchen sowie aufgrund der Regierungseinrichtungen viele Datenschutzspezialisten einstellen müssen. „Gleiches gilt für Berlin, Paris und Frankfurt. In allen großen Finanzzentren wird es solche Konzentrationen geben.“

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