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23/07/2016

Gabriel gründet Industrie-Bündnis für das Internet der Dinge

Innovation

Gabriel gründet Industrie-Bündnis für das Internet der Dinge

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (mi.) und BDI-Chef Ulrich Grillo (re.) wollen Deutschland mit vereinten Kräften zum globalen Marktführer der Industrie 4.0 machen. Foto: dpa

Unternehmen, Gewerkschaften und Politik wollen mit vereinten Kräften den Industriestandort Deutschland für die digitale Zukunft rüsten. Doch schon am Tag der Gründung sind sich die Initiatoren uneins über die Chancen und Risiken der “Industrie 4.0”.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel umgarnt die Industrie. Sie sei das “Juwel der deutschen Wirtschaft”, das stark zur Wertschöpfung beigetragen habe, sagte der SPD-Chef am Dienstag in Berlin. Vor zehn Jahren hätten Amerikaner und Engländer gelacht, weil damals die Politik der Industrie so treu blieb. Doch genau diese Industrie sei nun der Grund dafür, wieso Deutschland nach der Finanzkrise besser dastehe als andere Ländern, so Gabriel

Damit die Industrie auch in Zukunft so stark bleibt, rief der Wirtschaftsminister gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Gewerkschaft IG Metall, Detlef Wetzel, und dem Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, zur Gründung eines Bündnisses “Zukunft der Industrie” auf.

“Unser Industriestandort ist mit immensen Herausforderungen konfrontiert, die die gesamte Wirtschaft tiefgreifend verändern werden”, sagte Gabriel. Dazu zählten zum Beispiel die Digitalisierung der Wirtschaft, der drohende Fachkräftemangel und die Hürden bei der Umsetzung der Energiewende.

Gabriel fordert mehr Investitionen

Die verhältnismäßig niedrigen Investitionen in Deutschland und die teilweise geringe Akzeptanz der Industrie und ihrer Vorhaben seien ein weiteres Problem: Die Industrie beginne dadurch, in andere Märkte abzuwandern. “Das Bündnis soll eine konzertierte Aktion sein, damit Deutschland auch im 21. Jahrhundert ein erfolgreiches Industrieland bleibt”, so der SPD-Minister.

Geplant sind unter anderem vier Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Branchen-Themen: Steigerung der Akzeptanz der Industrie, Stärkung der Investitionen, Zukunft der Arbeit in Industrie und industrienahen Dienstleistungen und Ausgestaltung der Wertschöpfungsketten der Zukunft. Eine Stiftung soll die Bündnisarbeit wissenschaftlich begleiten.

BDI-Chef Grillo erhofft sich einen kräftigen Schub für die deutschen Wirtschaft in Richtung “Industrie 4.0” – der vierten industriellen Revolution, getrieben durch das Internet, das reale und virtuelle Welt immer weiter zu cyber-physikalischen Produktionsprozessen zusammenwachsen lässt. Das Ziel ist die Entwicklung einer intelligenten, vernetzten Produktion, in der Maschinen und Produkte quasi miteinander kommunizieren.

“Die Digitalisierung bietet enorme Chancen”, sagt Grillo. Doch in den USA und in Asien hätten sich bereits “mächtige Unternehmensverbünde gegründet”, um von der Industrie 4.0 zu profitieren. “Wir müssen einfach innovativer sein, als unsere Konkurrenten.” Von der Politik forderte Grillo zielführende Rahmenbedingungen, um etwa private Investitionen in die industrielle Weiterentwicklung zu fördern. 

Auch den Breitband-Ausbau dürfte Grillo im Kopf haben. Kritiker aus der Wirtschaft lamentieren seit Monaten die fehlenden Standards für Datenübertragungen in der Industrie, für die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zuständig ist. Einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Staufen zufolge sehen sich acht von zehn Unternehmen beim Thema “Industrie 4.0” alleine gelassen.

Industrie 4.0: IG-Metall befürchtet Stellenabbau

IG-Metall-Chef Wetzel warnt indes vor den “Schattenseiten” der Industrie 4.0. Die bevorstehende Digital-Revolution berge die Gefahr einer “stärkere Leistungsverdichtung und neuen Möglichikeiten zur Überwachung und Leistungsvermessung”. Laut Wetzel könnte sich die Wirtschaft zunehmend auf neue, flexible Arbeitsformen, wie Click-worker und Cloud-Arbeiter, setzen. Diese Tätigkeiten seien schlechter bezahlt und kaum sozial abgesichert.

Im schlimmsten Fall droht laut Wetzel sogar ein massiver Stellenabbau. “Es steht jeder zweite Arbeitsplatz auf dem Spiel, denn wir wissen gar nicht, was für eine Automatisierungswelle wirklich auf uns zukommt”, so Wetzel. Man müsse darauf achten, dass der Mensch die Technik gestaltet, und nicht die Technik den Menschen beherrscht.

Ob das neue Industrie-Bündnis konkrete politische Fragestellungen diskutieren wird, blieb vorerst unklar. Gabriel und Grillo äußerten den Willen, auch umstrittene Vorhaben wie das Fracking-Gesetz auf den Tisch zu bringen – sie wollten von Anfang an den Eindruck ausräumen, das Industrie-Bündnis sei ein reiner Debattier-Club. IG-Metall-Chef Wetzel hingegen drängte darauf, zunächst die “großen Fragen” und Weichenstellungen der Industriepolitik zu erörtern.

Für Anfang 2015 ist die konstituierende Sitzung einer High Level Group, bestehend aus den Gründungsmitgliedern und weiteren Partnern, geplant. Danach soll das Bündnis laut den Initiatoren seine Arbeit aufnehmen und in den verschiedenen Arbeitsgruppen eine konsistente Agenda für eine mittel- und langfristige Zukunftsperspektive für die Industrie erarbeiten.

Weitere Informationen

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Aufruf zur Gründung: Bündnis "Zukunft der Industrie" (25. November 2014)