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30/09/2016

EU-Kommission unterstützt offenen Datenaustausch für mehr Innovation

Innovation

EU-Kommission unterstützt offenen Datenaustausch für mehr Innovation

Carlos Moedas

[EBS

Die anstehende Gesetzesinitiative der EU-Kommission wird den offenen Datenaustausch als Standardmodell festlegen. Gleichzeitig begrenzt sie Widerrufsmöglichkeiten, zum Beispiel zum Schutz kommerzieller Ideen, erklärt Kommissar Carlos Moedas. EurActiv Brüssel berichtet.

Eine neue Woge an Unternehmern in den Bereichen Gesundheit und Energieeffizienz machen deutlich, wie wichtig der Austausch von Daten ist – nicht nur für Firmen, sondern auch für die Forschungsgemeinschaften, die europaweit Innovationen entwickeln. Bei der Preisverleihung des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT) am 25. April wurden einige von ihnen für ihre Arbeit geehrt, darunter Norbert Kuipers. Er leitet ein Unternehmen, das Abfallhitze in Wasser umwandelt. Es sei eine „positive Erfahrung“, ein Arbeitsumfeld zu haben, in dem man Wissen miteinander teile und Experten mit Unternehmern den ganzen Prozess über zusammenarbeiteten.

Wem gehören die Daten?

Doch die vollständige Offenlegung von in gewissen Industriezweigen gesammelten Daten könnte der Entwicklung von europäischen Datenunternehmen hinderlich sein. Gerade wenn sie es ohnehin schwer haben, mit US-amerikanischen Tech-Giganten zu konkurrieren.

Die EU-Kommission möchte nun einen Ausgleich schaffen zwischen den Prinzipien des offenen Datenaustauschs für mehr Innovation und den Dateneigentumsrechten, die das produzierende Gewerbe fordert. „Die aufkommenden Fragen nach Dateneigentum, Wiederverwendung und Zugang werden einen großen Einfluss haben. Sie bestimmen, wie stark Datenwertschöpfungsketten auf den dynamischen Märkten wachsen werden, in denen die angebotenen Waren und Dienstleistungen aus Daten bestehen“, betont Kommissionssprecherin Nathalie Vandystadt im Gespräch mit EurActiv. „Solche Datenmärkte werden über das Potenzial verfügen, die Innovationsleistung und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. So können neue Geschäftsmodelle in traditionellen und neuen Wirtschaftszweigen entstehen.“

In den kommenden Monaten wird die Kommission also einen Gesetzentwurf zum freien Datenverkehr vorlegen, der ungerechtfertigte Hindernisse für den Datenaustausch beseitigen will. Darüber hinaus sollen auch rechtliche Aspekte geklärt werden. Denn manche bestehenden Vorschriften sind nicht darauf ausgelegt, mit dem exponentiellen Wachstum von Datenmengen und neuen Technologien umzugehen, die Informationen nutzen und zu Geld machen. Ein genaues Datum für die Gesetzesinitiative steht derzeit noch nicht fest.

„Der Grundgedanke ist folgender: Der freie Datenverkehr wird standardmäßig offen sein“, so Carlos Moedas, EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation. Natürlich müsse man gleichzeitig kommerzielle Ideen schützen. „Deshalb sollte es Widerrufsoptionen für jene geben, die ihre Ideen gesichert wissen wollen.“ Je nach Fall können die Parteien auch vertragliche Abkommen unterzeichnen, um die Bedingungen für den Datenzugang und die Datennutzung zu definieren. „Diese Widerrufsmöglichkeiten lassen sich nicht a priori festlegen und müssen klar definiert sein“, erklärt der Kommissar. Er habe jedoch nicht vor, so viele Rücktrittsoptionen wie möglich einzubauen.

Zur Zeit untersucht die EU-Kommission das bestehende Regelwerk auf Mängel. Dabei berät sie sich mit den beteiligten Akteuren, um den Rechtsrahmen an das Datenzeitalter anzupassen. Ziel ist es, die Vertragspraktiken für jene Unternehmen klarer zu gestalten, die auf den vielversprechenden Datenmärkten tätig sind.

Datenfreigabe

Die Kommission widmet sich auch den Rechtfertigungsgründen für exklusive Datennutzungsrechte. Dabei geht sie der Frage nach, ob man den Ansatz des offenen Datenaustauschs auch auf die Daten privater Unternehmen ausweiten könnte. Die EU-Behörden überlegen derzeit laut Vandystadt, wie man durch neue Gesetze oder andere Maßnahmen den Zugang zu Daten in der Privatwirtschaft verbessern könne. „Akteure, die in den aufkeimenden Datenwertschöpfungsketten agieren, sind auf Vorhersehbarkeit und rechtliche Sicherheit angewiesen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – vor allem in der sektorübergreifenden Datenerfassung, der sektorübergreifenden Datenanalyse, dem Datenhandel, Daten-Brokerage oder der Datenpreissetzung“, betont sie.

Am 25. April verteidigte Moedas das Modell des offenen Datenaustauschs auch auf der Hannover Messer: „Die Wertschöpfung von morgen und die zukünftigen Lösungsansätze für globale Herausforderungen können nicht entstehen, wenn wir unsere Daten wegsperren. Damit die europäische Industrie auch im digitalen Zeitalter nicht an Bedeutung verliert, müssen wir Daten fördern. Wir müssen dieses riesige wirtschaftliche Potenzial nutzen und offen für Innovationen sein.“

Angst vor illegaler Datennutzung

Die Industrie bleibt jedoch skeptisch – vor allem wenn es um Vorschriften geht, die ihren wirtschaftlichen Interessen schaden oder die unerlaubte Nutzung ihrer Daten ermöglichen könnten. Es wäre falsch, sich nur einseitig auf freie Daten zu konzentrieren, ohne den wirtschaftlichen und wettbewerbsbedingten Wert von Daten miteinzubeziehen, warnt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in einem Positionspapier vom vergangenen Januar. Dies könne zu einem grundlegend falschen Kurs in der Industriepolitik führen. Andere Verbände hingegen argumentieren, dass eine restriktivere Haltung beim Datenaustausch den Aussichten eines wachsenden Marktes schaden könnte.

Die Organisationen IDC und Open Evidence führten die erste Studie zum europäischen Datenmarkt durch. Darin schätzen die Experten, dass der Gesamtwert von datenbezogenen Produkten und Dienstleistungen innerhalb der EU bei mehr als 50 Milliarden Euro liegt. Erwartungen zufolge wird diese Summe bis 2020 unter starken Wachstumsbedingungen sogar auf 111 Milliarden Euro steigen. Datenbedingte Innovationen werden auf 4,7 Prozent des europäischen BIPs geschätzt. 2014 waren es noch 1,8 Prozent.

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