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28/09/2016

Bioprodukte: Deutschland will Ökobauern mit neuer Strategie fördern

Innovation

Bioprodukte: Deutschland will Ökobauern mit neuer Strategie fördern

Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt. Nun will Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt die Erzeuger mehr unterstützen.

[Martin Fisch/Flickr]

Deutschland hungert nach Bio-Produkten. Doch trotz günstiger Marktbedingungen und zahlreicher Fördermaßnahmen profitieren Öko-Erzeuger nicht genug von dem Boom. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt will das nun mit der „Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau“ ändern. Viele Landwirte und Politiker kritisieren den Anlauf jedoch als halbherzig.

Ob Obst, Fleisch oder Milchprodukte – die Nachfrage der Deutschen nach Öko-Lebensmitteln wächst seit einigen Jahren rasant. Allein von 2010 bis 2013 vergrößerte sich der Markt um ein Viertel auf fast acht Milliarden Euro. Doch Landwirte haben es noch immer schwer, auf Bio umzustellen. Während der Umsatz mit Ökoprodukten seit 2011 jährlich zwischen fünf und neun Prozent zulegte, betrug der Flächenzuwachs in den letzten vier Jahren nur noch ein bis drei Prozent.

Das will Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt nun ändern. „Wir wollen einen Fahrplan für Wachstum, der die heimischen Erzeuger mehr von dem Boom profitieren lässt“, sagte er am Dienstag in Berlin. Öko müsse gestärkt werden – mithilfe des Fahrplans „Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau“. Gemeinsam mit Vertretern der ökologischen Lebensmittelwirtschaft und unter Einbeziehung der Länder, der relevanten Verbände und der Wissenschaft will Schmidts Ministerium Konzepte ausarbeiten.

Deutschland, der größte Markt für Bioprodukte in Europa, soll damit seine „Schlüsselrolle“ nutzen, so Schmidt. Denn bliebe das Wachstum der Öko-Branche weiter auf der gleichen Niveau, würde Deutschland sein Ziel, 20 Prozent der Ackerflächen von Bio-Landbauern bestellen zu lassen, erst im Jahr 2077 erreichen. Diese Entwicklung will das Landwirtschaftsministerium nun beschleunigen. Bis Ende 2016, so der Plan, soll das Konzept ausgearbeitet sein.

Mehr Unterstützung und Motivation für junge Landwirte

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) sieht besonders bei einem Punkt dringenden Handlungsbedarf: Mehr landwirtschaftliche Betriebe müssen zu einer Umstellung auf Öko motiviert werden. „Die jungen Landwirte müssen eine klarere Idee davon kriegen, was Bio überhaupt bedeutet“, mahnte BÖLW-Vorstand Felix Prinz zu Löwenstein. Viele Bauern hätten noch immer Vorurteile über Biolandbau.

Wie Ausbildungs- und Beratungsangebote für Landwirte verbessert werden können, ist eine der Fragen, mit denen sich das Thünen-Institut befasst, das die Bundesregierung bei der Ausarbeitung von Handlungskonzepten unterstützt. „Eine bessere Ausbildung ist eines von vielen wichtigen Zielen, um die Stärkung des Bio-Angebots weiter anzuschieben“, sagte Thünen-Forscher Jürn Sanders. Daneben gelte es aber auch, Vermarktung und Wertschöpfungsketten zu stärken, das Angebot von Vorleistungen für Öko-Bauern zu verbreitern und EU-Rechtsvorschriften auszubauen.

Gerade bei den EU-weit geltenden Gesetzen aber herrscht Uneinigkeit zwischen der Kommission und Deutschlands Landwirtschaftsminister. Die Kommission fokussiert bei der Reform der EU-Ökoverordnung vor allem auf die Festlegung neuer Grenzwerte. Schmidt indes bremste vor gut einer Woche eine entsprechende Novelle im EU-Ministerrat: „Die Grenzwertkontrolle von Pestiziden kann nicht der einzige Ansatz sein“, sagte er. Stattdessen müsse man auf die „Prozesshaftigkeit“ der Kontrollen setzen – also auf Kontrollen, die den Erzeugungs- und Verarbeitungsprozess auf Bauernhöfen oder in Verarbeitungsbetrieben genau prüfen.

Wie Schmidt sind viele Experten der Meinung, dass der Entwurf der Kommission – hier vor allem die geplante Einführung von zusätzlichen Grenzwerten bei Bio-Lebensmitteln – den Ökolandbau behindern und vor allem kleinere Betriebe überfordern würde.

Explodierende Pachtpreise werden vernachlässigt

Doch Regionalpolitiker und Bauern beklagen eine weitere besonders hohe Hürde für die Umstellung auf Öko, die ihnen zufolge bislang nicht klar genug angegangen wird: In zahlreichen Regionen Deutschlands sind sowohl Kauf- als auch Pachtpreise für Agrarflächen nahezu explodiert. Längst konkurrieren auch Interessenten außerhalb der Landwirtschaft um die Flächen: Nach Einschätzung von Statistikern verknappen Baugebiete und Infrastrukturprojekte den landwirtschaftlich nutzbaren Boden stetig. Pro Tag gehen allein in Deutschland 80 Hektar an landwirtschaftlicher Fläche verloren.

Hinzu kommt der in den vergangenen Jahren vom Staat geförderte Ausbau der Biogasanlagen, die einen großen Teil dessen schlucken, was auf den Äckern wächst. In den neuen Ländern sei der Preis von 122 Euro Pacht pro Hektar im Jahr 2007 auf heute 169 Euro gestiegen, gab auch Schmidt bei der Vorstellung des Agrarpolitischen Berichts der Bundesregierung 2015 am Mittwoch zu. Dem wolle die Bundesregierung Einhalt gebieten sagte er. Konkrete Lösungswege blieben aber offen.

In den besonders hart getroffenen Ländern bleiben die Ängste: „Besonders extensiv arbeitende Ökobetriebe, aber auch Milchbauern können diesen enormen Anstieg der Pachtpreise immer weniger verkraften, da etwa die Milchpreise nicht gleichzeitig steigen“, klagte kürzlich etwa der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer. Bis zur Einführung einer von ihm vorgeschlagenen Preisbremse dürfte jedoch noch Jahre vergehen.

Die EU hat zwar inzwischen eine stärkere Ökologisierung der Flächenförderung durchgesetzt. In die Greening-Zahlung, die die Landwirte für zusätzliche Umweltleistungen bekommen, fließen etwa 30 Prozent der Mittel. Für die Landwirte löst das jedoch nicht alle Probleme. Denn steigen die Bodenpreise weiter, werde die Prämie größtenteils an die Verpachter gehen, prophezeien sie.

Hintergrund

1992 haben sich die Vereinten Nationen zum Leitbild der nachhaltigen Entwicklung bekannt. In Rio de Janeiro verabschiedeten sie ein globales Aktionsprogramm. Mit der "Agenda 21" erklärte sich jeder der über 170 Unterzeichnerstaaten, einschließlich Deutschland, bereit, das Leitbild national in allen Politikbereichen unter Beteiligung von Gesellschaft und Wirtschaft umzusetzen. Dazu gehört auch die Umstellung von konventioneller auf biologische Landwirtschaft.

Für Erzeugung, Verarbeitung und Handel von Ökoprodukten gelten in Europa die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau – die Ökoverordnung. Produkte und Lebensmittel , die nach diesen Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau produziert und kontrolliert wurden, können mit dem Bio-Siegel gekennzeichnet werden.

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