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31/07/2016

Biopharmazeutika: Gentechnisch hergestellte Medikamente boomen

Innovation

Biopharmazeutika: Gentechnisch hergestellte Medikamente boomen

Biotechnologisch hergestellte Arzneimittel erfreuen sich in Deutschland immer größerer Beliebtheit.

[Brainco Social Media/Flickr]

Arzneimittel werden heute nicht nur im Chemielabor, sondern auch mithilfe lebender Zellen hergestellt. In Deutschland werden solche Biopharmazeutika immer häufiger verkauft und verschrieben – trotz der Skepsis der Deutschen gegenüber Gentechnik.

Biotechnologisch hergestellte Arzneimittel erfreuen sich auf dem deutschen Markt größerer Beliebtheit denn je. 2014 machte der Anteil von Biopharmazeutika am gesamten Pharmamarkt 22 Prozent aus, und verdoppelte sich damit im Vergleich zu 2006. Der Umsatz der Branche wuchs innerhalb eines Jahres gar um sieben Prozent, wie der nun in Berlin vorgestellte Branchenreport “Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2015” des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) zeigt. Insgesamt wurde mit Biopharmazeutika 2014 in Deutschland damit ein Umsatz von 7,5 Milliarden Euro erzielt.

Vor allem “die immer umfassenderen Behandlungsmöglichkeiten insbesondere für Patienten mit Autoimmun- und Krebserkrankungen“ würden sich in diesem Umsatzwachstum zeigen”, sagte Frank Mathias, Vorsitzender von vfa bio.

Die Gesetzliche Krankenversicherung gab im Jahr 2014 allein für die fünf umsatzstärksten Biopharmazeutika 1,8 Milliarden Euro aus. Damit flossen fast fünf Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben der gut 33 Milliarden Euro in die Hightech-Arzneimitteltherapie.

Vor allem bei der Behandlung von Diabetes und Krebs gefragt

Biotech-Verfahren erobern bereits seit den 1980er Jahren immer mehr den Pharmamarkt. Sie machen mithilfe gentechnischer Methoden die Produktion hochspezifischer Antikörper möglich – und haben in der Onkologie und der Immunologie zum Teil völlig neue Behandlungsmöglichkeiten erschlossen. Sie werden zum Beispiel bei Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen aber auch in der Krebsbehandlung eingesetzt.

Während viele Deutsche sehr kritisch gegenüber “grüner” Biotechnologie, also der Genoptimierung von Pflanzen sind, konnten die Ängste der Verbraucher durch die Errungenschaften der sogenannten “roten” medizinischen Biotechnologie offenbar zerstreut werden.

Ihre Herstellung ist jedoch nach wie vor aufwändig und teuer, weshalb sich vergleichsweise wenige Unternehmen darauf spezialisiert haben. Insgesamt stieg die Zahl der klinischen Entwicklungsprojekte für Biopharmazeutika im vergangenen Jahr mit 604 nur geringfügig.

Bei der Produktion von durch die EU zugelassenen Biopharmazeutika belegt Deutschland zurzeit zwar den Spitzenplatz. Dennoch fordern Branchenvertreter eine bessere Förderung von Forschung und Innovation durch die Politik. In Europa sei der Zugang zu Risikokapital für Unternehmen allgemein schwierig, mahnte vfa-Geschäftsführer Siegfrid Throm an.

Mathias zeigte sich dennoch optimistisch: Um 2025 herum könnten Biopharmaka 30 bis 40 Prozent der neu zugelassenen Medikamente stellen. “Viele davon dürften Impfstoffe sein, solche für Schutzimpfungen ebenso wie therapeutische Impfstoffe gegen Krebs. Wichtige Fortschritte dürften dann auch mehreren heute noch kaum etablierten Technologiefeldern wie Gen- und Zelltherapie zu verdanken sein.”

Digitalisierung hält Einzug

Ein großes Wachstumspotenzial sehen Experten in der Digitalisierung der Gesundheitsbranche. “Wir erwarten viel mehr Zusammenarbeit zwischen Pharma- und Biotechnologieunternehmen sowie Krankenkassen zur Aufnahme, Analyse und dem Austausch von Daten”, sagte Mathias. Für ihn ist klar, dass Konzerne wie Google auch in diesem Bereich eine wichtige Rolle haben werden.

Jürgen Lücke von der Boston Consulting Group, die die Daten für den Report analysiert hatte, sagte: “Mit Blick auf die Ärzteknappheit besonders im ländlichen Raum könnten die Digitalisierung und neue Apps helfen, mehr Patienten von weniger Ärzten betreuen zu lassen.”

Das Angebot ist schon heute groß. Knapp 400.000 gesundheitsbezogener Apps sind laut einer kürzlich veröffentlichen Analyse der Techniker Krankenkasse bereits auf dem Markt. “Um eine gute Qualität zu sichern, müssen solche Anwendungen dem Medizinproduktegesetz unterliegen und auf Qualität geprüft werden”, mahnte Throm. Und auch die Frage des Datenschutzes ist bislang noch nicht geklärt. Hier wird erst die EU-Datenschutzgrundverordnung Klarheit bringen können.

Hintergrund

Biopharmazeutika werden mithilfe lebender Zellen, also biotechnologisch, produziert. Genutzt werden dafür sowohl tierische Zellen als auch Hefe- beziehungsweise Bakterienkulturen und eher selten auch pflanzliche Zellen genutzt.

Im Unterschied zur chemischen Synthese lassen sich durch Biotechnologie auch hochkomplexe Wirkstoffe wie Insulin oder Beta-Interferon gewinnen, die etwa bei Diabetes oder Krebs Anwendung finden.

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