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09/12/2016

Die Rolle der Wissenschaft im öffentlichen Diskurs

Innovation

Die Rolle der Wissenschaft im öffentlichen Diskurs

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[National Eye Institute/Flickr]

Deutschlands Wirtschaft gehört weltweit zu den innovativsten. Dabei müssen sich beispielsweise die Gentechnik oder die Medizin auch mit moralischen Herausforderungen beschäftigen. Ängste und Sorgen der Bevölkerung können hier nur überwunden werden, indem die Wissenschaft offen über Risiken spricht und transparent darüber aufklärt. Welche Möglichkeiten gibt es, um Bürgern wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln und den Beitrag der Wissenschaft im öffentlichen Diskurs zu fördern?

Hintergrund

Bei der Regulierung von Innovationen müssen komplexe Fragen beantwortet und schwierige Entscheidungen getroffen werden. "In der öffentlichen Debatte wird in Deutschland aber das Negative stärker betont als in manchen anderen Ländern", monierte Forschungsministerin Johanna Wanka unlängst in einem Interview. Um dies zu ändern, braucht es vor allem mehr Aufklärung und größere Transparenz, betonte Unionsfraktionschef Volker Kauder bei einem Kongress zur Innovationsfähigkeit Deutschlands: Ängste und Sorgen der Bevölkerung könnten nur überwunden werden, „indem uns die Wissenschaft erklärt, was geschieht und offen sagt, wo die Risiken liegen und uns transparent darüber aufklärt".

Welche Möglichkeiten gibt es, um Bürgern wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln und den Beitrag der Wissenschaft im öffentlichen Diskurs zu fördern? Wie gehen andere Länder mit der Thematik um?

Probleme

Beispiel Science Media Center

2012 wurde in Großbrittannien das „Science Media Centre“ (SMC) gegründet. Sein erklärtes Ziel ist es, die Öffentlichkeit mit evidenzbasierten Informationen vor irreführender Berichterstattung zu schützen. Es will der Wissenschaft als „press office for science“ eine Stimme geben, wenn Wissenschaftsthemen auf dem Weg in die Schlagzeilen sind – und zwar „unashamedly pro-science“. Mit seinem Ziel “to get the news right“ orientiert sich das britische SMC insbesondere an den Schlagzeilen der wichtigsten Medien und adressiert speziell Nachrichten- und Leitmedien-Journalisten mit seinen Angeboten.

In Deutschland existiert bislang keine Institution, die vergleichbar mit dem britischen SMC schnell den Kontakt zwischen der Presse und kompetenten Wissenschaftlern herstellen kann, erklärte Gregor Strauch, BDI-Abteilungsleiter Innovation und Gesundheitswirtschaft, gegenüber EurActiv. "Eine solche Schnittstelle ist wünschenswert, um die Stimme der Wissenschaft in der Berichterstattung zu stärken. Gleichzeitig kann ein SMC auch dem Journalismus helfen, schnell an hochqualitative Hintergrundinformationen zu kommen."

Jetzt wird diese Lücke geschlossen. In Köln wurde im vergangenen Jahr das Science Media Center Germany gegründet. Gesellschafter sind die Klaus Tschira Stiftung (90 Prozent) und die Wissenschafts-Pressekonferenz. Mittelfristig soll die Finanzierung auf einer breiten Allianz aus Wissenschaft, Medien und Wirtschaft basieren – nach dem Vorbild des britischen SMC, das sich überwiegend durch rund 100 Geldgeber finanziert. Deren Beiträge dürfen fünf Prozent des Budgets nicht überschreiten, um die Unabhängigkeit des SMC zu sichern. Das Science Media Center Germany will sein Produkt- und Dienstleistungsangebot für Journalisten im Frühjahr 2016 starten.

"Es war damals und ist bis heute eine kluge Idee, unter Zeitdruck berichterstattende Journalisten bei komplizierten und kontroversen Wissenschaftsthemen mit fachlichen Expertisen zu unterstützen", sagte Volker Stollorz, Redaktionsleiter des deutschen SMC, zu EurActiv.

Bei der deutschen Diskussion über eine Impfpflicht gegen Masern zum Beispiel sollten, so Stollorz, entsprechend in den Medien nicht nur Ärzte, Politiker, Impfkritiker oder die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung zu Wort kommen: "Sondern eben auch Experimentalpsychologen, die die Impfentscheidung von Eltern erforscht haben. Die können erklären, warum eine Impfpflicht nicht automatisch die Impfquoten von Kindern steigern hilft."

Auch Lorenzo Allio, Senior Policy Analyst beim European Risk Forum, bewertet die Gründung eines deutschen SMC positiv. Das SMC UK habe seinen Wert schon unter Beweis gestellt. "Aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit dem SMC besteht kein Zweifel daran, dass diese Idee noch weiter ausgebaut und an andere Länder angepasst werden kann."

Kritik am UK-Modell

Es gibt aber auch Kritik am UK-Modell, da sich das dortige SMC als "unabhängige Pressestelle der Wissenschaft" verstehe. Beobachter aus Wissenschaft und Journalismus monieren, dass es eine tendenziell einseitige und wissenschaftsfreundliche Berichterstattung fördere. Es gehe einseitig um Erfolgsmeldungen aus der Wissenschaft, um neue Forschungsergebnisse. Damit bediene das SMC vor allem den traditionellen Wissenschaftsjournalismus, der sich vor allem für Fortschritte aus der Laborwelt interessiere.

Wie kann dieser Kritik bei der Gründung eines deutschen SMC begegnet werden? "Indem es wie eine leidenschaftliche Redaktion von Wissenschaftsjournalisten tickt, deren Grundfinanzierung langfristig gemeinschaftlich von möglichst vielen Akteuren der Zivilgesellschaft getragen wird", sagt Stollorz. "Wir wollten von Beginn an keine bloße Kopie, sondern die Idee evolutionär weiterentwickeln. Auch deshalb kooperiert das SMC Germany mit den Briten. Wir werden aber auch eigene Akzente setzen."

Das deutsche SMC werde sich laut Stollorz konsequent als "Experten-Entdecker" für Journalisten positionieren und sich dabei an wissenschaftsjournalistischen Tugenden und letztlich dem öffentlichen Interesse an Aufklärung orientieren. "Zudem werden wir in der Regel vor allem deutschsprachige Wissenschaftler in unsere Expertendatenbank aufnehmen. Wir wollen auch eigene Produkte entwickeln, etwa im Bereich Experten-Erkennung Methoden des Data-Mining einsetzen."

Der Präsident der Technikakademie Acatech, Reinhard Hüttl, verfolgt die Entwicklung des deutschen SMC jedenfalls gespannt: "Es wurde Zeit, dass auch Deutschland diesen Weg beschreitet und diese gute Idee unserer britischen Nachbarn aufnimmt“, so Hüttl zu EurActiv.de. " Für Hüttl ist allerdings auch klar, dass nur ein unabhängiges Science Media Center nachhaltig die Kommunikation von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien insgesamt stärkt. so Hüttl zu EurActiv.de.

Und welche Ratschläge erteilt das britische SMC selbst den Deutschen? Das deutsche SMC sollte nicht blind irgendein Format kopieren, sagt Tom Sheldon, Senior Press Manager des SMC UK, zu EurActiv.de. "Es gibt keine Vorlage, die für jedes Land funktioniert. Jedes SMC ist autonom." Stattdessen sollte man mit der Frage beginnen: Was können wir tun, um sicherzustellen, dass die Medien in Deutschland verantwortungsbewusste und akkurate wissenschaftliche Berichterstattung betreiben? Auf keinen Fall, so Sheldon, sollte ein SMC versuchen, die "ganze Geschichte" zu liefern. "Es sollte nicht versuchen, die Ansichten der Wissenschaftsgemeinschaft mit denen der NGOs, Politiker, Prediger und Aktivisten in Einklang zu bringen." Das SMC solle nur den wissenschaftlichen Standpunkt vertreten.

Bereits existierende Institutionen in Deutschland

Auch wenn das Science Media Center in Deutschland eine Lücke schließt, agiert es freilich nicht im luftleeren Raum: Hierzulande gibt es bereits Institutionen, die die Rolle der Wissenschaft stärken – wie etwa die nationalen Akademien der Wissenschaft, Leopoldina und Acatech. Deren Aufgabe ist aber laut Gregor Strauch vom BDI eher die langfristige Analyse von für die Gesellschaft wichtigen wissenschaftlichen Fragestellungen, nicht die schnelle Kontaktvermittlung zwischen Wissenschaft und Medien. "Und auch die Pressestellen der außeruniversitären Forschungsorganisationen oder der Universitäten können anders als das britische SMC nicht übergreifend auf Wissenschaftler aus verschiedenen Institutionen zurückgreifen – obwohl sie sicherlich alle gute Arbeit leisten", so Strauch.

Hinzu kommt, dass die Profession der Wissenschaftsjournalisten in Deutschland zunehmend unter Druck gerät. Eine Folge der vielen kostenlosen Internetangebote und der Krise der Erlösmodelle der Medienhäuser. Laut Stollorz kommt nun dabei eine Frage auf, die wichtig für unser Demokratieverständnis ist: Wer soll und wer kann künftig das öffentlich relevante Wissen der Wissenschaft interessenneutral thematisieren?

Die Wissenschaftsakademien selbst beobachten diese Entwicklung mit Besorgnis, sagt Reinhard Hüttl von der Acatech. In ihrer gemeinsamen Stellungnahme ("Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien. Empfehlungen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen") setzen sich die Akademien für einen "starken, unabhängigen Wissenschaftsjournalismus ein und für eine verantwortungsbewusste, wahrhaftige und uneigennützige Kommunikation von Seiten der Wissenschaft", so Hüttl. "Wir befürworten in unserer gemeinsamen Stellungnahme die Einrichtung eines Science Media Center in Deutschland. Zugleich sprechen wir uns klar dafür aus, dass das SMC institutionell dauerhaft und unabhängig aufseiten des Journalismus angesiedelt sein muss."

Was Deutschland lernen kann

Was kann Deutschland bei der Rolle der Wissenschaft in der öffentlichen Debatte von anderen Ländern in Europa lernen? Markus Weißkopf, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog, weist hier gegenüber EurActiv.de auf die angelsächsischen und skandinavischen Länder hin. Dort gebe es eine längere Tradition der Wissenschaftskommunikation. Diese sei für die Wissenschaftler selbstverständlich. Außerdem werde gerade in Großbritannien und in den USA eine stärkere Debattenkultur gepflegt. Dies fordert Stollorz auch für Deutschland – und zudem die Erkenntnis, das wissenschaftliche Evidenz mehr zählen sollte als öffentliche Eminenz. "In Großbritannien hat man nach der Krise um den Rinderwahnsinn und den verheerenden Impfdebatten schon um das Jahr 2000 erkannt, dass sich Wissenschaftler im eigenen Interesse in der öffentlichen Arena verstärkt engagieren müssen." Sonst würden weniger Berufene in ihrem Namen Unwissen verbreiten oder Fakten, die bei näherer Betrachtung gar nicht relevant sind.

"Das Schicksal der Grünen Gentechnik in Deutschland zeigt klar, was passieren kann, wenn Wissenschaftler mit ihren Argumenten im öffentlichen Diskurs nicht mehr durchdringen, weil sich alle schon eine Meinung gebildet haben", erklärt Stollorz. Die "wertvolle und dauerhafte" Aufgabe der Wissenschaft in der Gesellschaft bestehe hingegen darin, dass selbst scheinbar begründete Meinungen im Lichte neuer Erkenntnisse falsch sein können und sich Einstellungen entsprechend verändern sollten.

Tom Sheldon vom britischen SMC sagt, dass Politik und Öffentlichkeit die Wissenschaft nicht nur nutzen sollten, um sich eine Meinung zu kontroversen Themen zu bilden. Wissenschaftler sollten sich nicht in der Position befinden, eine Botschaft übermitteln oder andere überzeugen zu müssen. Vielmehr sollten sie klare Informationen zu einem bestimmten Thema bereitstellen und es jedem selbst überlassen, sich eine Meinung zu bilden. "Damit dies geschehen kann, müssen Wissenschaftler laut und deutlich in den Medien und im Kern jeder Diskussion auftauchen", so Sheldon.

Generell schneide Deutschland beim Vertrauen in die Wissenschaft im Vergleich zu den wichtigen europäischen und außereuropäischen Industrieländern nicht besonders gut ab, sagt Gregor Strauch vom BDI und schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Sheldon: "Vielleicht sind wir alle gut beraten, wenn wir wissenschaftliche Daten und Fakten zunächst einmal als das nehmen, was sie sind: nämlich starke Indizien für Tatsachen." Eine wissenschaftliche Veröffentlichung könne keinen absoluten Wahrheitsanspruch haben – sonst wäre sie nicht wissenschaftlich. Die Wissenschaft biete aber die Basis für sachorientierte Diskussionen – und auf dieser Grundlage können dann auch Meinungen gebildet und Werturteile gefällt werden. "Eine solche Herangehensweise würde der öffentlichen Debatte in Deutschland helfen", meint Strauch. "Vielleicht kommen wir so auch zu einem größeren Vertrauen nicht nur in die Wissenschaft, sondern in die Beteiligten der öffentlichen Debatte insgesamt."

Chief Scientific Advisor oder Science Advice Mechanism

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erntete reichlich Kritik dafür, dass er nach seinem Amtsantritt das Mandat von Chief Scientific Advisor (CSA) Anne Glover nicht verlängerte. Inzwischen wurde stattdessen ein "Mechanismus für wissenschaftliche Beratung" (Science Advice Mechanism - SAM) geschaffen. Er stützt sich auf die große Bandbreite wissenschaftlicher Kompetenz in Europa, indem enge Beziehungen mit den nationalen Akademien und weiteren Stellen gepflegt werden. Eckpfeiler des neuen wissenschaftlichen Beratungsinstruments ist eine Hochrangige Gruppe (HLG) aus sieben wissenschaftlichen Beratern.

Moedas erklärte hierzu: "Zusammen mit den geplanten Vorschlägen für eine bessere Rechtsetzung wird der neue Mechanismus für unabhängige wissenschaftliche Beratung zum unveränderten Ziel der Kommission, nämlich bestmöglicher, faktengestützter politischer Entscheidungen, beitragen."

Die EU-Kommission hatte am 19. Mai 2015 ihre Rahmenstrategie zur Besseren Rechtsetzung vorgelegt. Dieses umfassende Reformpaket, das den gesamten Politikzyklus abdeckt, soll laut Brüsseler Behörde Offenheit und Transparenz im EU-Entscheidungsprozess fördern, die Qualität neuer Rechtsvorschriften dank besserer Folgenabschätzungen von Gesetzesentwürfen und Änderungsvorschlägen verbessern und für eine ständige und kohärente Überprüfung des geltenden EU-Rechts sorgen, damit die Ziele der Unionsmaßnahmen möglichst wirksam und effizient erreicht werden.

Inwiefern berücksichtigt das Paket von Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans aber bereits das Thema des länderspezifischen Innovationsklimas? Die Strategie zur Besseren Rechtsetzung ist das Ergebnis einer noch nie dagewesenen Zusage, den gesamten Politikzyklus zu umfassen, meint Lorenzo Allio vom European Risk Forum. Im Vergleich zu den vorigen Ansätzen sehe das Paket ganz grundlegende Verbesserungen vor. Innovationen würden einen zentraleren Stellenwert bei der Strategie der Kommission einnehmen. Wichtig werde dabei sein, inwiefern Brüssel die Schnittstelle zwischen besserer Rechtsetzung, der Anwendung von Wissenschaft und der Bereitstellung wissenschaftlicher Beratung in Politik und regulativen Prozeduren fördert.

Auf die voraussichtlich enge Zusammenarbeit des SAM mit den Akademieverbünden in Europa weist Reinhard Hüttl von der Acatech hin. Vorgesehen ist, dass die Wissenschaftsakademien, die weitere Wissenschaftsgemeinschaft sowie die bereits existierenden Beratungsstrukturen stärker eingebunden und koordiniert werden sollen. Die Wissenschaftsakademien sind dabei als eigenständige Säule des neuen Beratungsmechanismus vorgesehen. "Diese Verbreiterung des Fundaments wissenschaftlicher Politikberatung auf EU-Ebene unterstützen die europäischen Wissenschaftsakademien nachdrücklich", sagt Hüttl.

Bereits Ende März 2015 hatten die fünf europäischen Akademieverbünde Academia Europaea, ALLEA, EASAC, Euro-CASE und FEAM im Beisein des EU-Generaldirektors Robert-Jan Smits eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet, die eine stärkere Kooperation zwischen den 100 Wissenschaftsakademien in Europa vorsieht. "Wir werden uns mit aller Kraft und der profunden und umfassenden Expertise der über 10.000 bei uns organisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einbringen", so Hüttl. Das deutsche Modell eines "ständigen Ausschusses" der Akademien, der sich auf gemeinsam zu behandelnde Themen verständigt und im Konsens entscheidet, könnte nach Auffassung Hüttls auch ein sinnvoller Mechanismus für die Zusammenarbeit der Akademienverbünde auf europäischer Ebene sein.

Dass jeweils die bestmögliche und institutionell unabhängige wissenschaftliche Kompetenz im politischen Raum verfügbar wird, hält Volker Stollorz für entscheidend. Nur so ließen sich in den globalisierten Wissensgesellschaften vernünftige politische Entscheidungen treffen. Kein einzelner Wissenschaftler und kein Gremium von Experten könne das Wissen der Wissenschaften verkörpern, sagt Stollorz. "Insofern braucht es nicht den einen, sondern möglichst viele Mechanismen der wissenschaftlichen Politikberatung auf allen demokratischen Ebenen. Dazu zählen eben auch Debatten über die Robustheit der wissenschaftlichen Evidenz in der öffentlichen Arena, weil nur so Vertrauen in Wissen aufgebaut, aber eben bei unkalkulierbaren Risiken auch entzogen werden kann."

In Deutschland ist man sich derweil offenbar überwiegend einig, dass es keiner ähnlichen Institution wie der des CSA in den USA oder Großbritannien bedarf. Forschungsministerin Johanna Wanka sagt in diesem Zusammenhang, dass sie viel von Politikberatung durch die Wissenschaft hält. Allerdings sei in Deutschland der Posten eines Chefberaters oder einer Chefberaterin unüblich. "Dafür gibt es bei uns andere Formen, etwa den Rat der Akademien. Dieses Modell hat sich zum Beispiel in der Energieforschung bewährt."

Nicht alles, was in den USA oder in Großbritannien sinnvoll ist, kann eins zu eins nach Deutschland übertragen werden, erklärt auch Gregor Strauch. "Wir haben ja durchaus schon eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Beratungsgremien der Politik. Insoweit wäre zu prüfen, an welcher Stelle der Bundesregierung eine wie immer geartete Koordinierungsstelle für Wissenschafts- und vor allem Innovationspolitik Sinn ergibt."

Ein Einzelner kann heute unmöglich Expertise in allen politisch relevanten Wissensgebieten besitzen, fasst Stollorz zusammen. Wertvoll wäre ein "Chief Scientific Advisor" in Deutschland nur dann, wenn sie oder er politisch wirkten in dem Sinne, dass sich die wissenschaftliche Politikberatung insgesamt auf allen Ebenen professionalisiert. "Dazu zählt als ein Baustein ein höherer Stellenwert von unabhängigen Wissenschaftlern in massenmedialen Debatten. Kompetente Forscher sollten als wichtiges Erkenntnisorgan der Gesellschaft zu relevanten Erkenntnissen und angeblichen Fortschritten befragt werden und dabei ehrlich über verbleibende Unsicherheiten und Wissenslücken aufklären."

Vorsoge- und Innovationsprinzip

Häufig werden innovative Ideen zwar in Europa erdacht, aber anderswo zu marktfähigen Produkten entwickelt. Nach Ansicht der Industrie sollte sich Brüssel daher besonders der Aufgabe widmen, die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken. Dazu sei es notwendig, bei neuen Gesetzen nicht nur mögliche Folgen für Gesundheit und Umwelt zu prüfen, sondern auch die Auswirkungen auf das Innovationsklima.

"Im Vergleich zu anderen Regionen hat Europa aus meiner Sicht ein klares Defizit", sagt VCI-Präsident Marijn

Dekkers: "Es mangelt an einer Innovationskultur und an der grundsätzlichen Offenheit für den Fortschritt. Das zeigt sich bei TTIP genauso wie bei öffentlichen Diskussionen über neue Technologien. In Europa stehen reflexartig immer zuerst die Risiken im Vordergrund der Bewertung, weniger der Nutzen von neuen Produkten." Die politische Abwägung von Chancen und Risiken müsse aber ausgewogen sein – sonst sei technischer Fortschritt kaum möglich.

Derzeit soll das sogenannte Vorsorgeprinzip eine schnelle Reaktion angesichts möglicher Gefahren für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit ermöglichen. In den Fällen, in denen die verfügbaren wissenschaftlichen Daten keine umfassende Risikobewertung zulassen, ermöglicht der Rückgriff auf dieses Prinzip beispielsweise die Verhängung eines Vermarktungsverbots oder sogar den Rückruf gesundheitsgefährdender Produkte.

Die Vorstandsvorsitzenden von zwölf Unternehmen, die zusammen über ein jährliches Forschungs- und Entwicklungsbudget von 21 Milliarden Euro verfügen, haben Anfang 2014 die formale Anerkennung eines "Innovationsprinzips" in der europäischen Risikomanagement- und Regulierungspraxis gefordert. Die Idee, die von Mitgliedern des European Risk Forum ausgeht und entwickelt wurde: Um Chancen und Risiken besser auszubalancieren, sollten bei der Gesetzgebung neben dem Vorsorgeprinzip immer auch die Folgen für die Innovationstätigkeit mit berücksichtigt werden.

"Das Innovationsprinzip soll nicht Innovation per se fördern, unabhängig von ihren Folgen für Gesundheit oder Umwelt", schreibt Kurt Bock, Vorstandsvorsitzender von BASF. "Wenn eine reale Gefahr besteht, sollten Vorsorgeerwägungen Priorität haben. Aber das Prinzip unterstützt durchaus einen Ansatz auf Evidenzbasis, der auf nachweisbarer Wissenschaft beruht. Wenn Europa sich dieses Prinzip zu Eigen macht, kann es Innovation wagen."

"Europäische Regulierungsbehörden und Entscheidungsträger erkennen das Innovationsprinzip zunehmend als wertvollen Beitrag an, um die Reformen für eine bessere Rechtsetzung mit Maßnahmen zur Innovationsförderung und inklusivem Wachstum in Europa zu verbinden", sagt Lorenzo Allio vom European Risk Forum. Dies gehe auf das gesteigerte Bewusstsein zurück, dass Regulierungslasten auf EU-Ebene heutzutage meist schwerwiegendere Konsequenzen auf die Wirtschaftsleistung haben als noch vor einigen Jahrzehnten.

Dass das Innovationsprinzip nicht im legalistischen Sinne zu verstehen ist, sei laut Allio dabei weitgehend anerkannt. "Viel eher steht es für einen kulturellen Wandel zum Schutze der europäischen Innovationsfähigkeit. Es stellt eine Reihe von Prozeduren, Instrumenten und Praktiken dar, die Entscheidungsfindungsprozesse unterstützen sollen." Dazu gehöre die Sicherstellung hoher Qualitätsstandards für (wissenschaftliche) Daten, die bei Entscheidungen herangezogen werden. Dazu gehöre auch die verbesserte Untersuchung ungewollter Folgen und direkter Auswirkungen auf regulative Eingriffe.

Dass politische Entscheidungen auf ihre Innovationswirkung hin überprüft werden, sei zu begrüßen, so Acatech-Präsident Hüttl. So könnten die Auswirkungen auf das Innovationsgeschehen stärker in Entscheidungsprozesse einfließen. "Wir sehen in manchen Bereichen wie der Biotechnologie, dass Forschung und Entwicklung in andere Länder abwandern. Das ist eine besorgniserregende Tendenz, denn Innovation ist unsere wichtigste Ressource."

Für Hüttl ist es ein "wichtiges Anliegen", dem Vorsorgeprinzip auch ein Innovationsprinzip an die Seite zu stellen – denn Politik und Gesellschaft müssen den potenziellen Risiken sowohl den möglichen Nutzen neuer Technologien als auch ihre Bedeutung für unser Innovationssystem entgegenstellen können. "Die europäische Diskussion über ein Innovationsprinzip ist daher wichtig und sollte auch in Deutschland intensiv geführt werden."

 

Positionen

Gregor Strauch, BDI-Abteilungsleiter Innovation und Gesundheitswirtschaft.

In Deutschland existiert bislang keine Institution, die vergleichbar mit dem britischen SMC schnell den Kontakt zwischen Presse und zum jeweiligen aussagefähigen Wissenschaftlern herstellen kann. Eine solche Schnittstelle ist aus Sicht der Industrie wünschenswert, um der Wissenschaft eine noch bessere Stimme in der Berichterstattung zu geben. Gleichzeitig kann ein SMC auch dem Journalismus helfen, schnell an hochqualitative Hintergrundinformationen zu kommen.

Es gibt bereits die nationalen Akademien der Wissenschaft, Leopoldina und Acatech. Deren Aufgabe ist aber eher die langfristige Analyse von für die Gesellschaft wichtigen wissenschaftlichen Fragestellungen, nicht die schnelle Kontaktvermittlung zwischen Wissenschaft und Medien. Und auch die Pressestellen der außeruniversitären Forschungsorganisationen oder der Universitäten können, anders als das britische SMC, nicht übergreifend auf Wissenschaftler aus verschiedenen Institutionen zurückgreifen – obwohl sie sicherlich alle gute Arbeit leisten. Insoweit würde ein SMC in Deutschland eine echte Lücke besetzen.

Generell schneidet Deutschland beim Vertrauen in die Wissenschaft im Vergleich zu den wichtigen europäischen und außereuropäischen Industrieländern nicht besonders gut ab. Vielleicht sind wir alle gut beraten, wenn wir wissenschaftliche Daten und Fakten zunächst einmal als das nehmen, was sie sind: nämlich starke Indizien für Tatsachen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung kann aber keinen absoluten Wahrheitsanspruch haben, sonst wäre sie ja gerade nicht wissenschaftlich. Gleichzeitig bietet die Wissenschaft die Basis für sachorientierte Diskussionen – und auf dieser Grundlage können dann auch Meinungen gebildet und Werturteile gefällt werden. Eine solche Herangehensweise würde der öffentlichen Debatte in Deutschland helfen. Vielleicht kommen wir so auch zu einem größeren Vertrauen nicht nur in die Wissenschaft, sondern in die Beteiligten der öffentlichen Debatte insgesamt.

Externe, unabhängige Expertise in die Politikberatung zu holen, ist im Grundsatz immer eine gute Idee. Allerdings sind die Pläne für den sogenannten Science Advice Mechanism (SAM) gegenwärtig noch so vage, dass es für eine fundierte Bewertung noch keine feste Grundlage gibt. Es bleibt beispielsweise noch festzulegen, wie der SAM mit den übrigen Institutionen innerhalb der EU-Kommission wie dem Joint Research Center zusammenwirkt.

Acatech-Präsident Reinhard F. Hüttl

Wissenschaft und Journalismus gehören zu den unverzichtbaren Eckpfeilern der europäischen Demokratien. Doch die Wissenschafts- und Medienlandschaft haben sich verändert – und damit auch die Rahmenbedingungen für die Wissenschaftskommunikation. Universitäten und Forschungseinrichtungen professionalisieren ihre Außendarstellung immer stärker. Zugleich beeinträchtigen kostenlose Internetangebote das Geschäftsmodell der Medienhäuser. Auch der Wissenschaftsjournalismus ist davon in erheblichem Ausmaß betroffen. Die Wissenschaftsakademien in Deutschland beobachten diese Entwicklung mit Besorgnis. In ihrer gemeinsamen Stellungnahme "Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien. Empfehlungen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen" setzen sich die Akademien für einen starken, unabhängigen Wissenschaftsjournalismus ein und für eine verantwortungsbewusste, wahrhaftige und uneigennützige Kommunikation von Seiten der Wissenschaft. Wir befürworten in unserer gemeinsamen Stellungnahme die Einrichtung eines Science Media Center (SMC) in Deutschland. Zugleich sprechen wir uns klar dafür aus, dass das SMC institutionell dauerhaft und unabhängig aufseiten des Journalismus angesiedelt sein muss.

Nur ein unabhängiges Science Media Center stärkt nachhaltig die Kommunikation von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien insgesamt. Die Unabhängigkeit des SMC in Deutschland wird durch die journalistische Leitung, durch redaktionelle Unabhängigkeit und eine Stiftungsfinanzierung gewährleistet. Aktuell nimmt das SMC seine Arbeit auf, ich verfolge die Entwicklung gespannt und mit Vorfreude – es wurde Zeit, dass auch Deutschland diesen Weg beschreitet und diese gute Idee unserer britischen Nachbarn aufnimmt.

Die EU-Kommission hat einen neuen Mechanismus zur wissenschaftsbasierten Politikberatung beschlossen, der unter anderem eine enge Zusammenarbeit mit den Akademieverbünden in Europa vorsieht. Angebot und Nachfrage nach wissenschaftlicher Politikberatung werden durch zwei neue Elemente besser aufeinander abgestimmt: Zum einen soll eine High Level Group bestehend aus renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ernannt werden. Diese soll den Austausch der Kommission mit der Wissenschaftsgemeinschaft verbessern. Auch sollen die Transparenz und die wissenschaftliche Integrität des Beratungsprozesses erhöht werden. Zum anderen sollen die Wissenschaftsakademien, die weitere Wissenschaftsgemeinschaft sowie die bereits existierenden Beratungsstrukturen stärker eingebunden und koordiniert werden.

Die Wissenschaftsakademien sind dabei als eigenständige Säule des neuen Beratungsmechanismus vorgesehen. Diese Verbreiterung des Fundaments wissenschaftlicher Politikberatung auf EU-Ebene unterstützen die europäischen Wissenschaftsakademien nachdrücklich. Bereits Ende März hatten die fünf europäischen Akademieverbünde Academia Europaea, ALLEA, EASAC, Euro-CASE und FEAM im Beisein des EU-Generaldirektors Robert-Jan Smits eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet, die eine stärkere Kooperation zwischen den 100 Wissenschaftsakademien in Europa vorsieht. Wir begrüßen den Kommissionvorschlag für die neue Struktur der Politikberatung und werden uns mit aller Kraft und der profunden und umfassenden Expertise der über 10.000 bei uns organisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einbringen. Um eine möglichst schlanke und effiziente Steuerung dieses Akademiennetzwerkes zu gewährleisten, diskutieren wir aktuell eine ähnliche Struktur, wie wir sie aus Deutschland kennen. Das deutsche Modell eines „ständigen Ausschusses“ der Akademien, der sich auf gemeinsam zu behandelnde Themen verständigt und im Konsens entscheidet, könnte auch ein sinnvoller Mechanismus für die Zusammenarbeit der Akademienverbünde auf europäischer Ebene sein.

Lorenzo Allio, Senior Policy Analyst, European Risk Forum

Europäische Regulierungsbehördern und Entscheidungsträger erkennen das "Innovationsprinzip" zunehmend als wertvollen Beitrag an, die Reformen für eine bessere Rechtsetzung mit Maßnahmen zur Innovationsförderung und inklusivem Wachstum in Europa zu verbinden. Dies geht auf das gesteigerte Bewusstsein zurück, dass Regulierungslasten auf EU-Ebene heutzutage meist schwerwiegendere Konsequenzen auf die Wirtschaftsleistung haben als noch vor einigen Jahrzehnten. Es ist weitgehend anerkannt, dass das Innovationsprinzip nicht im legalistischen Sinne zu verstehen ist. Viel eher steht es für einen kulturellen Wandel zum Schutze der europäischen Innovationsfähigkeit. Es stellt eine Reihe von Prozeduren, Instrumenten und Praktiken dar, die Entscheidungsfindungsprozesse unterstützen sollen. Dazu gehört die Sicherstellung hoher Qualitätsstandards für (wissenschaftliche) Daten, die bei der Entscheidungsfindung genutzt werden. Dazu gehört auch die verbesserte Untersuchung ungewollter Folgen und direkter Auswirkungen auf regulative Eingriffe.

Die Strategie zur besseren Rechtsetzung der Kommission ist das Ergebnis einer noch nie dagewesenen Zusage, den gesamten Politikzyklus zu umfassen. Im Vergleich zu den vorigen Ansätzen sieht das sogenannte "Paket" ganz grundlegende Verbesserungen vor. Die Maßnahmen zur Folgenabschätzung nehmen Bezug auf die indirekten Auswirkungen auf Entscheidungen zur Anlagenverteilung oder Risiko/Risiko-Abwägungen. So helfen sie Regulierungsbehörden und Interessengruppen dabei, sich von der relativ vereinfachten Narration des Bürokratieabbaus zu entfernen. In dieser Hinsicht nehmen Innovationen einen zentraleren Stellenwert bei der Strategie der Kommission für eine bessere Rechtsetzung ein. Wichtig wird dabei sein, inwiefern die Kommission die Schnittstelle zwischen besserer Rechtsetzung, der Anwendung von Wissenschaft und der Bereitstellung wissenschaftlicher Beratung in Politik und regulativen Prozeduren fördert.

Volker Stollorz, Redaktionsleitung, Science Media Center Germany gGmbH

Es war damals und ist bis heute eine kluge Idee, unter Zeitdruck berichterstattende Journalisten bei komplizierten und kontroversen Wissenschaftsthemen mit fachlichen Expertisen zu unterstützen. Das SMC UK verschickt dazu proaktiv Einschätzungen von kundigen Wissenschaftlern zu aktuellen Ereignissen und Erkenntnissen, wenn die Aufmerksamkeit im Publikum zu einem Thema da ist. Bei der deutschen Diskussion über eine Impfpflicht gegen Masern zum Beispiel sollten entsprechend in den Medien nicht nur Ärzte, Politiker, Impfkritiker oder die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung zu Wort kommen, sondern eben auch Experimentalpsychologen, die die Impfentscheidung von Eltern erforscht haben. Die können wissensbasiert erklären, warum eine Impfpflicht nicht automatisch die Impfquoten von Kindern steigern hilft. Die Kollegen beim britischen SMC machen seit vielen Jahren vor, wie mehr, vor allem aber häufiger fachlich relevante Stimmen von Wissenschaftlern in die Berichte der britischen Medien einfließen. Und zwar deshalb, weil fachliche Expertise zu einem Zeitpunkt verfügbar wird, zudem der Bedarf nach erster Orientierung unter Journalisten hoch ist. Gibt es Einschätzungen von Forschern im Takt der Massenmedien, können diese den öffentlichen Diskurs befruchten oder helfen, unerwartete Ereignisse außerhalb der Wissenschaft fachlich einzuordnen.

Wir wollten von Beginn an keine bloße Kopie, sondern die Idee evolutionär weiterentwickeln. Auch deshalb kooperiert das SMC Germany mit den Briten. Wir werden aber auch eigene Akzente setzen. Das Science Media Centre UK versteht sich selbst als eine Art „unabhängiger Pressestelle der Wissenschaft“. Wir denken und ticken wie eine Wissenschaftsredaktion. Das SMC Germany wird sich konsequent als Experten-Entdecker für Journalisten positionieren und sich dabei an wissenschaftsjournalistischen Tugenden und letztlich dem öffentlichen Interesse an Aufklärung orientieren. Zudem werden wir in der Regel vor allem deutschsprachige Wissenschaftler in unsere Expertendatenbank aufnehmen. Wir wollen auch eigene Produkte entwickeln, etwa im Bereich Experten-Erkennung Methoden des Data-Mining einsetzen.

Tom Sheldon, Senior Press Manager des SMC UK

Die Medien eines jeden Landes sind unterschiedlich. Die Herausforderung, wissenschaftliche Daten akkurat und verantwortungsbewusst zu kommunizieren, besteht jedoch weltweit. Wenn Aktivisten, Politiker und Wirtschaftsvertreter über ein gewisses Thema streiten, werden wissenschaftliche Daten oft nach Bedarf ausgewählt und so verzerrt, dass sie der jeweiligen Agenda entsprechen. In all diesen Fällen - von Genpflanzen bis Klimawandel, Gentechnik bis E-Zigarette - ist es von großer Bedeutung, dass Wissenschaftler die Journalisten unterstützen. So kann die Öffentlichkeit die verlässlichsten Informationen erhalten, wenn ein Thema gerade brandaktuell ist.

Das deutsche SMC sollte nicht blind irgendein Format kopieren. Es gibt keine Vorlage, die für jedes Land funktioniert. Jedes SMC ist autonom. Stattdessen sollte man mit der Frage beginnen: Was können wir tun, um sicherzustellen, dass die Medien in Deutschland verantwortungsbewusste und akkurate wissenschaftliche Berichterstattung betreiben? Dann sollte man den Antworten entsprechend handeln. Volker Stollerz vom deutschen SMC verfügt in dieser Hinsicht über ein sehr umfassendes und detailliertes Verständnis. Ich glaube, er ist genau der Richtige für diesen Job. Was meiner Meinung nach kein SMC tun sollte, ist, das ganze Bild zu liefern. Es sollte nicht versuchen, die Ansichten der Wissenschaftsgemeinschaft mit denen der NGOs, Politiker, Prediger und Aktivisten in Einklang zu bringen. Das SMC sollte nur die wissenschaftlichen Standpunkte vorstellen.

Dass Politik und Öffentlichkeit die Wissenschaft nicht nur nutzen, um sich eine Meinung zu kontroversen Themen wie Genpflanzen, Stammzellforschung und Atomkraft zu bilden. Man verlässt sich außerdem darauf, dass Wissenschaftler ehrliche Informationshändler sind, die die ungeschminkte Wahrheit sagen. Wissenschaftler sollten nicht in der Position sein, eine Botschaft zu übermitteln oder andere zu überzeugen. Vielmehr sollten sie klare Informationen zu einem bestimmten Thema bereitstellen und es jedem selbst überlassen, sich eine Meinung zu bilden. Damit dies geschehen kann, müssen Wissenschaftler laut und deutlich in den Medien und im Kern jeder Diskussion auftauchen.

Zeitstrahl

  • 2000: Das britische House of Lords Select Committee on Science and Technology's veröffentlicht seinen dritten Bericht zu "Science and Society"
  • 2002: Das erste Science Media Center ähnlicher Art entsteht in Großbritannien. Ähnlich ausgerichtete Institutionen arbeiten in Australien, Neuseeland, Kanada und Japan.
  • 2012: In Deutschland führt die Wissenschafts-Pressekonferenz e.V. mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung auf Basis der internationalen Erfahrungen eine Machbarkeitsstudie durch.
  • April 2013: Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie liegen vor. Sie sind in die Konzeption der Science Media Center Germany gGmbH für den deutschsprachigen Raum eingeflossen.
  • Seit März 2015: Am Standort Köln erfolgt der Organisationsaufbau und die Rekrutierung der Redaktion des Science Media Center Germany, die Gründung des „Vereins der Freunde und Förderer des SMC“ sowie die Bildung des journalistischen und wissenschaftlichen Beirates.
  • 13. Mai 2015: Wie von EU-Kommissionspräsident Juncker angekündigt, beabsichtigt die Europäische Kommission, eine neuen wissenschaftlichen Beratungsmechanismus (SAM) aufzubauen. Der Mechanismus soll die Kommission mit verlässlicher, zeitnaher und unabhängiger wissenschaftlicher Beratung für die politischen Entscheidungen unterstützen.
  • Frühjahr 2016: Das Angebot des Science Media Center Germany für Journalisten soll gestartet werden.

Weitere Informationen

Institutionen

EU-Kommission

EU-Parlament

Offizielle deutsche Dokumente

Beteiligte Akteure Deutschland

Studien

  • Arimoto, T. & Sato, T. (2012): ‘Rebuilding Public Trust in Science for Policy-Making’ Science Vol 337:1176-7
  • Bijker, W.E., Bal, R. & Hendriks, R. (2009): The Paradox of Scientific Authority: the Role of Scientific Advice in Democracies, Boston: MIT Press
  • Cartwright, N. & Hardie, J. (2012): Evidence-based Policy: A Practical Guide to Doing it Better, Oxford: OUP
  • DIISRTE/Australian Government (2012): APS200 Project: The Place of Science in Policy Development in the Public Service, Canberra: DIISRTE
  • Doubleday, R & Wilsdon, J. (2012): ‘Beyond the great and good’ Nature 485, 301-302, 17 May 2012 Doubleday, R. & Wilsdon, J. (Eds.) (2013) Future Directions for Scientific Advice in Whitehall. London: Institute for Government/CSaP/SPRU/Alliance for Useful Evidence
  • Ezrahi, Y. (1990): The Descent of Icarus: Science and the Transformation of Contemporary Democracy, Harvard University Press, 1990
  • Federation of American Scientists (2004): Flying Blind: The Rise, Fall and Possible Resurrection of Science Policy Advice in the Unites States, http://fas.org/pubs/_docs/flying_blind.pdf
  • Glynn, S., Cunningham, P. & Flanagan, K. (2003): Typifying Scientific Advisory Structures and Scientific Advice Production Methodologies, 2003, http://ec.europa.eu/research/sciencesociety/pdf/advice final report en.pdf
  • Gluckman, PD. (2013): The role of evidence in policy formation and implementation: A report from the Prime Minister’s Chief Science Advisor, http://www.pmcsa.org.nz/wpcontent/uploads/The-role-of-evidence-in-policy-formation-and-implementationreport.pdf
  • Haynes, L., Service, O., Goldacre, B. & Torgeson, D. (2012): Test, Learn, Adapt: Developing Public Policy with Randomised Controlled Trials. London: Cabinet Office
  • Husbands Fealing, K., Lane, J.,Marburger, J. & Shipp, S. (eds.): The Science of Science Policy – A Handbook (Stanford University Press, 2011).
  • Jasanoff, S. (2004) States of Knowledge: Co-Production of Science & Social Order. London: Routledge Jasanoff, S. (2012) Science and Public Reason. London: Routledge
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