Wiggerthale: Durch Landwirtschaft 4.0 droht Bauern „Digitalisiere oder weiche“

Die Digitalisierung der Landwirtschaft verspricht Bauern höhere Erträge, heißt es. Doch das Gewünschte kann sich auch umkehren, warnt Oxfam. [Foto: Kletr/Shutterstock]

Nachhaltiger soll der Landbau werden – und dank der Digitalisierung produktiver, so die G20-Agrarminister. Doch die Landwirtschaft 4.0. birgt große Risiken und wird Umwelt- und Wasserprobleme nicht lösen, warnt Oxfam-Expertin Marita Wiggerthale im Interview mit EURACTIV.de.

Marita Wiggerthale ist Expertin für Ernährung und Landwirtschaft und seit 2005 bei der entwicklungspolitischen Organisation Oxfam Deutschland Referentin für Welternährung und Globale Agrarfragen.

EURACTIV.de: Die G20-Agrarminister waren sich bei ihrem Treffen am Sonntag einig, dass die Landwirtschaft noch produktiver und verantwortungsvoller mit Ressourcen umgehen muss. Was sagen Sie zu den Ergebnissen?

Marita Wiggerthale: Insgesamt finde ich die Ergebnisse enttäuschend. Die G20 hat leider traditionell einen starken Fokus auf Produktivitätssteigerung und technologische Ansätze. Das ist wesentlich zu eng gefasst. Die Probleme werden zwar angesprochen, aber die Frage zu nachhaltiger Landwirtschaft wird zu stark auf den Ansatz reduziert, wie man „mehr mit weniger Ressourcen“ produziert. Das kann an den Kernproblemen aber nur wenig ändern. Statt einer Digitalisierung der Landwirtschaft bräuchten wir einen ökosystemischen Ansatz, der die Bodenfruchtbarkeit verbessert und die biologische Vielfalt in die Landwirtschaft integriert.

Unter dem Begriff „Landwirtschaft 4.0“ hat aber ein regelrechter Hype den Agrarsektor erfasst – dem „digitalen Landwirt“ soll die Zukunft gehören …

Die G20-Agrarminister müssten erstmal die Risiken analysieren und sich mit der Frage der notwendigen Regulierung befassen, weil aus „Wachse oder weiche“ sonst „Digitalisiere oder weiche“ wird.

Christian Schmidt hat betont, wie wichtig die Landwirtschaft bei der Bewältigung globaler Zukunftsaufgaben ist – bei der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung, dem Klimaschutz oder der Bekämpfung von Fluchtursachen. Welche Risiken bergen Innovationen wie die Präzisionslandwirtschaft dabei?

Für mich ist es ein Irrglaube, dass die Digitalisierung im Landwirtschaftssektor die Umwelt- und Wasserprobleme lösen wird. Solange  Boden und Pflanzen nicht als Ökosystem verstanden werden und das bäuerliche Wissen darüber nicht in den Vordergrund gestellt wird, bleiben Probleme wie Bodendegradation oder der Verlust biologischer Vielfalt bestehen.

Die digitalisierte Präzisionslandwirtschaft setzt nach wie vor auf den Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden, Hybridsaatgut und fördert die Gentechnik.  Die Maschinen können möglicherweise den Einsatz von Düngemitteln optimieren, aber nicht die Bodenfruchtbarkeit verbessern und Humus aufbauen, wie es Anbauverfahren mit Fruchtfolge,  Zwischenfrüchten und Mischanbau können.

Laut dem Landwirtschaftsminister lassen sich die großen Zukunftsaufgaben „ohne eine leistungsfähige, innovative, nachhaltige und regional verwurzelten Landwirtschaft nicht bewältigen“. Lässt sich das alles verbinden?

Ich finde, man muss unterscheiden zwischen der Digitalisierung der Landwirtschaft bzw. Landwirtschaft 4.0 und der sinnvollen Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie. Sinnvoll ist letztere zum Beispiel bei Marktinformationssystemen, mit denen Bauern in Entwicklungsländern über das Handy die Verkaufspreise für ihre Produkte beobachten können. Dann können sie mit den Zwischen- und Agrarhändlern bessere Preisverhandlungen führen.

Landwirtschaft 4.0 kann aber eine Umwälzung des Sektors zur Folge haben, die auch große Risiken mit sich bringt. Die Politik treibt das unter dem Deckmantel der Innovation  voran. Doch wem dient das? Es wird nur zwei bis drei Farmmanagement-Systeme geben, die Bauern haben also eine eingeschränkte Auswahl und kommen in große Abhängigkeit von den Herstellern dieser Systeme. Außerdem treibt es einen bedenklichen Strukturwandel insbesondere in Entwicklungsländern voran, denn kapitalschwache bäuerliche Betriebe werden sich diese Technologien nicht leisten können und könnten so aus der Landwirtschaft herausgedrängt werden.

Die G20-Agrarminister haben auch einen Aktionsplan zum nachhaltigen Umgang mit Wasser beschlossen. Stellt der Plan sie zufrieden?

Die Agrarminister haben im Wasserbereich zu sehr den Fokus auf eine effiziente Wassernutzung gelegt. Probleme in Zusammenhang mit hohem Pestizideinsatz, Wasserverschmutzung, und der gleichberechtigte Zugang von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen zu Wasser wurden  zu wenig in den Vordergrund gestellt.

Ernährungssicherheit trotz Klimawandel – ohne Wasser nicht zu haben

Afrika erhält nur fünf Prozent der Gelder, die für die Anpassung an den Klimawandel bereitstehen. Doch für eine leistungsfähige Landwirtschaft sind dringend mehr Investitionen nötig – auch in die Wasserversorgung, meinen Waltina Scheumann und Elke Herrfahrdt-Pähle vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Unsere große Sorge ist, dass Konzerne Wasser zum Luxusgut machen, es für bäuerliche Produzenten und Bürger und Bürgerinnen unzugänglich wird, wenn Wasserrechte großzügig an Konzerne vergeben werden und die Wasserversorgung privatisiert wird. Die marktorientierten Ansätze und die Ausrichtung der Wasserpolitik auf die Interessen der Wirtschaft gehen zu Lasten der kleinbäuerlichen Produzenten.

Als erstes Land in der EU hat Slowenien dem Recht auf Trinkwasser Verfassungsrang gegeben. Jeder hat damit das Recht auf Trinkwasser. Ein Vorbild für die EU?

Das Recht auf sauberes Trinkwasser, das 2010 in einer UN-Resolution anerkannt und vom Menschenrechtsrat bestätigt wurde, muss wirklich das Handlungsprinzip für internationale Politik werden. Folglich muss das Recht auf Trinkwasser, auch für die Ärmsten, sichergestellt werden. Über das Recht auf Nahrung ist auch die Nutzung von Wasser in der Landwirtschaft einbezogen. In der G20-Erklärung kommt mir nicht stark genug heraus, dass ein gleichberechtigter Zugang zu Wasser für alle bestehen muss. Das muss als Grundsatz festgehalten werden.

G20-Minister diskutieren über Wasserversorgung

Am Sonntag treffen sich in Berlin die Agrarminister der G20-Staaten. Der Schwerpunkt des Treffens wird laut Landwirtschaftsminister Schmidt auf dem Thema Wasser liegen. Experten fordern eine ökologische und soziale Landwirtschaft.

Die EU und die Mitgliedsstaaten haben Mitspracherechte bei der Weltbank und damit auch auf deren Wasserpolitik. Die Frage muss sein: Wer bestimmt, wie das Wasser verteilt wird? Governance-Strukturen mit effektiver Beteiligung aller relevanten Akteure müssen national und lokal aufgebaut werden. Auf lokaler Ebene gibt es beispielsweise bereits Wassernutzungsorganisationen oder Gemeindegremien, in dem alle Gruppen beteiligt sind, die beschließen, wie das Wasser aufgeteilt wird.

Als größter Wassernutzer trägt die Landwirtschaft auch Verantwortung für den schonenden Umgang mit Wasser. Laut Minister Schmidt lässt sich mit der Digitalisierung Beachtliches dafür leisten. Stimmen Sie zu?

Bei der Bewässerungslandwirtschaft geht es darum, mehr wassersparende Techniken einzusetzen, was grundsätzlich gut ist. Wichtiger wäre es aber, sich mit dem Regenfeldbau zu befassen, der für die meisten Kleinbauern und Kleinbäuerinnen auf der Welt eine wichtige Rolle spielt – 90 Prozent der Landwirtschaft in Afrika findet im Regenfeldbau statt . Landwirte müssen stärker ihr Wissen ausbauen können über biologische Prozesse, über Anbaumethoden, die den Boden fruchtbarer machen und auflockern, so dass Pflanzen tiefer wurzeln können. Fruchtbare Böden können in Dürrezeiten besser Wasser speichern und in Regenzeiten besser aufnehmen.

Weitere Informationen

Konzernatlas 2017 von Oxfam, der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem BUND, Germanwatch und Le Monde Diplomatique

Leibniz-Forschungsverbund „Nachhaltige Lebensmittelproduktion & gesunde Ernährung“: Positionspapier der Innovationsinitiative Landwirtschaft 4.0

Positionspapier Deutscher Bauernverband: Landwirtschaft 4.0 – Chancen und Herausforderungen

Landwirtschaft: Schluss mit der "Exportbesessenheit"

Die EU-Kommission will die Gemeinsame Landwirtschaftspolitik (GAP) bis Ende 2017 reformieren. Die Europaabgeordneten José Bové und Éric Andrieu fordern ein Agrarsystem, das auf Gesundheit und KMUs setzt. EURACTIV-Kooperationspartner Ouest France berichtet.

Gelbe Felder statt brennende Wälder

Mehr Transparenz, Optionen zum Versorgerwechsel und Erneuerbarer Strom von Selbsterzeugern: Mit dem so genannten „Winterpaket“ hat die EU-Kommission ihre Vorschläge für die förderpolitischen Rahmenbedingungen für den Zeitraum 2020 bis 2030 vorgelegt.