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19/01/2017

Malta: Mehr Transparenz bei Arzneimittelpreisen

Innovation

Malta: Mehr Transparenz bei Arzneimittelpreisen

Der maltesische Gesundheitsminister Chris Fearne.

[Chris Fearne office]

Malta will in seiner EU-Ratspräsidentschaft mehr Transparenz in den Preisverhandlungen für Arzneimittel zwischen Pharmakonzernen und Mitgliedsstaaten erreichen, bestätigt Maltas Gesundheitsminister Chris Fearne im Interview mit EurActiv Brüssel.

Chris Fearne ist Gesundheitsminister Maltas. Der Inselstaat wird ab Januar 2017 die rotierende EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Fearne stellte Maltas geplante Prioritäten im Gesundheitssektor vor.

EurActiv: Wo liegen die Hauptprioritäten der maltesischen Ratspräsidentschaft?

Fearne: Wir sprechen hier natürlichen von Prioritäten auf europäischer Ebene. Diese lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Zum einen wollen wir eine strukturierte, grenzüberschreitende Zusammenarbeit erreichen. Diese Priorität besteht aus drei Teilen. Erstens werden wir versuchen, das bestehende transnationale Gesundheitswesen schlanker und nutzerfreundlicher gestalten. Die Dienste sollten EU-weit gleichwertig sein. Patienten mit den gleichen Beschwerden sollten, egal in welchem Teil der EU sie sich befinden, möglichst die gleiche Behandlung bekommen. Dabei muss im Krankheitsfall auch die grenzüberschreitende Mobilität von Patienten verbessert werden.

Die entsprechende Richtlinie war nicht so erfolgreich wie erhofft und dafür gibt es verschiedene Gründe. Wir wollen, dass mehr Patienten von Exzellenzzentren profitieren, nicht unbedingt nur in ihrem Heimatland, sondern auch in jedem anderen EU-Staat. Das ist vor allem für kleine Regionen und Länder wie Malta sehr wichtig, die nicht in allen Bereichen Exzellenz aufbauen können. Es gibt bereits einige Exzellenzzentren in Europa, zu denen auch Staatsbürger anderer, insbesondere kleinerer Länder, Zugang haben. Sie könnten jedoch etwas nutzerfreundlicher werden.

Der zweite Schwerpunkt bezieht sich auf die Zugänglichkeit und Erschwinglichkeit von Arzneimitteln. Seit eineinhalb Jahren schon wird im EU-Rat über den Kurs diskutiert, den wir diesbezüglich einschlagen wollen. Wir fordern mehr Transparenz bei den Verhandlungen zwischen Pharmaunternehmen und öffentlicher Beschaffungspolitik. Im Moment ist es einzelnen Mitgliedsstaaten und den entsprechenden Behörden mehr oder minder untersagt, über die erzielten Preise zu sprechen. Ich glaube, dass die Preise vor allem dadurch so hoch sind. Mehrere Mitgliedsstaaten haben inzwischen angefangen, über die Frage zu diskutieren, wie man die Verhandlungen transparenter machen könnte. Denn das könnte die Preise senken und den Arzneimittelzugang für Patienten verbessern.

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So manche EU-Länder fordern ein gemeinsames Beschaffungswesen. Wir glauben, dass anstelle eines europaweiten Systems ein regionenspezifisches Beschaffungswesen eingeführt werden sollte. Auf diese Weise liegen die BIPs womöglich näher aneinander und auch die Nachfrage dürfte ähnlich sein. In einem Land mit hohem BIP ist der durchschnittliche EU-Preis eines Medikaments vielleicht fair, für ein anderes Land oder eine ganze Gruppe von Staaten mit niedrigerem BIP ist er jedoch womöglich zu hoch. Europaweite Verhandlungen, aus denen ein gemeinsamer Preis hervorgeht, sorgen also für ein Ergebnis, dass dem einen fair und dem anderen unfair erscheint. Regionale Verhandlungen in Abhängigkeit des BIPs hingegen würden einer Region höchstwahrscheinlich gerechtere Preise bescheren.

Die Benelux-Staaten haben bereits eine entsprechende Initiative gestartet – ebenso wie Bulgarien und Rumänien. Vor kurzem hat auch der griechische Minister ein Treffen für die Mittelmeerstaaten ausgerichtet. Wir unterstützen diese gemeinsamen, regionalen Beschaffungsmechanismen.

Der dritte Teil betrifft grenzüberschreitende Postgraduierten-Programme für Ärzte. Momentan profitieren alle Studenten an den Universitäten, nicht nur Medizinstudenten, vom gut organisierten Erasmus-Programm. Wenn man junge Menschen in der EU fragt, was ihnen innerhalb des Blocks besonders gefällt, lautet ihre Antwort stets: Erasmus. Für Medizinabsolventen gibt es jedoch nichts Vergleichbares. Dabei brauchen sie nach ihrem Abschluss weitere Trainingsmöglichkeiten. Bisher wird so etwas noch nicht strukturiert angeboten. Man geht vielleicht zu dem Bekannten eines Dozenten oder in ein Krankenhaus, dass man über ein anderes Krankenhaus kennt, aber es gibt keine Strukturen.

Wir möchten also gern eine Debatte über einen Erasmus-ähnlichen Trainingsmechanismus für Absolventen anstoßen. Im März, während unserer Präsidentschaft, wird die Kommission die Europäischen Referenznetze  auf den Weg bringen. Das ist womöglich ein Schritt in die richtige Richtung.

Wir sollten uns jedoch nicht nur auf Elite-Krankenhäuser konzentrieren, sondern EU-weit Einsatz zeigen. Die Europäischen Referenznetze beziehen sich nämlich nur auf die bereits angesprochenen Exzellenzzentren. Europaweit zu handeln, ermöglicht es den Ärzten in der EU, sich über bewährte Verfahren auszutauschen und somit ihren Patienten eine bessere Behandlung zu bieten.

Was ist die zweite große Priorität?

Unsere zweite Priorität ist der Kampf gegen Fettleibigkeit bei Kindern. Die Folgen einer scheren Fettleibigkeit sind sehr ernst. So kann es zu Diabetes oder kardiovaskulären Erkrankungen kommen. In Malta gibt es sehr viele adipöse Kinder. Schätzungsweise fließen etwa zehn Prozent unseres Gesundheitsbudgets direkt in die Behandlung der Folgen von Fettleidigkeit. Außerdem gehen etwa 17 Prozent der vermeidbaren Todesfälle auf Übergewichtigkeit zurück. Sie belastet unser Gesundheitswesen also überaus stark, ebenso wie die Gesundheit unserer nationalen Bevölkerung. Natürlich gilt das aber auch für ganz Europa.

Es gibt bereits einen Europäischen Aktionsplan gegen Fettleibigkeit für den Zeitraum von 2015 bis 2020. Wir befinden uns also auf halber Strecke. Wir senden derzeit gemeinsam mit der Kommission strukturierte Fragebögen an die Mitgliedsstaaten, um herauszufinden, welche Aspekte des Plans schon funktionieren und welche nicht. Dann wollen wir die bewährten Verfahren austauschen und feststellen, wo wir etwas verbessern können. Wir sprechen hier also von einer Halbzeitüberprüfung des EU-Aktionsplans gegen Fettleibigkeit bei Kindern.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, einen „Werkzeugkasten“ für gesundes Schulessen bereitzustellen. Die aktuellen Beschaffungsvorschriften hierfür orientieren sich an den niedrigsten Preisen. Vor allem beim Schulessen würden wir uns jedoch wünschen, dass nicht nur die günstigsten, sondern auch die gesündesten Lebensmittel eingekauft werden. Wir müssen in der Lage sein, festzustellen, was am gesündesten ist und das in den Beschaffungsmechanismus aufnehmen. So können wir ganz konkret gegen Fettleibigkeit bei Kindern vorgehen.

Erst kürzlich hat ein Kommissionsbericht gezeigt, dass erschreckend viele Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Werden Sie sich auch auf Aufklärungskampagnen konzentrieren und für einen gesünderen Lebensstil werben, um die Risikofaktoren zu mindern?

Wir müssen uns Schwerpunkte setzen, denn sechs Monate sind nicht viel Zeit. Wenn wir versuchen, alles auf einmal anzugehen, werden wir wahrscheinlich gar nichts erreichen.

Natürlich hat das Thema Fettleibigkeit direkt mit nichtübertragbaren Krankheiten zu tun. Etwa die Hälfte der Typ-2-Diabetesfälle geht auf Übergewicht zurück und mindestens 60 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem besteht bei etwa 19 Prozent der Patienten, die unter psychischen Krankheiten leiden, eine direkte Verbindung zur Fettleibigkeit. Wir sprechen hier von der womöglich größten gesundheitlichen Bedrohung für die kommende Generation. Weil wir hier in Malta so hohe Adipositasraten haben, gibt es auch besonders viele Fälle von Diabetes.

Auf nationaler Ebene haben wir erst kürzlich neue Zuschüsse und einen verbesserten Zugang zu Insulin eingeführt. Was die EU angeht, sind wir uns bewusst, welch große Rolle Diabetes spielt. Wir arbeiten verstärkt an einer Zusammenarbeit mit der Europäischen Diabetesgesellschaft. Wenn wir jetzt die Fettleibigkeit bekämpfen, bekämpfen wir gleichzeitig auch Diabetes.

E-Health (elektronische Gesundheit) ist EU-weit in aller Munde. Glauben Sie, dass diese innovative Art der Gesundheitsversorgung eine Win-Win-Situation sowohl für den Patienten als auch für die Pharmaindustrie darstellt?

Im Mai werden wir in Malta eine E-Health-Woche ausrichten. Das Thema birgt zwei besonders positive Aspekte. Zum einen die von Ihnen erwähnte Innovation. M-Health, E-Health und die neuen Apps verändern die Art, wie wir auf unsere Gesundheit achten. Das ist sehr wichtig. Traditionell hat man sich bisher immer an seinen Arzt gewandt, aber das ändert sich mit den E-Health-Apps nach und nach. Diese Applikationen müssen jedoch erst akkreditiert werden. Es gibt so viele von ihnen auf dem Markt und wir müssen sicherstellen, dass sie etwas taugen. Für die Menschen wird es zunehmend einfacher, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern und ich sage es gern noch einmal: Das ist sehr wichtig.

Zweitens geht es um Big Data – ein wirkliches Plus. Daten zu sammeln ist sowohl für die Pharmabranche als auch für die Behandlung zu einem wichtigen Zweig geworden. Wir müssen uns aber auch mit den Rechten der Patienten auseinandersetzen, denn ihnen gehören schließlich die Daten.

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