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27/09/2016

Endokrine Disruptoren: „Massiver Lobbydruck auf die EU-Kommission“

Innovation

Endokrine Disruptoren: „Massiver Lobbydruck auf die EU-Kommission“

Aktuell erarbeitet die EU-Kommission Kriterien, anhand welcher hormonell wirksame Chemikalien künftig identifiziert und reguliert werden.

© Horia Varlan (CC BY 2.0)

Deutsche und europäische Umwelt- und Verbraucherschutzverbände fordern die Politik zum Handeln gegen Chemikalien auf, die wie Hormone wirken. Die EU-Kommission hat eine Konsultation zu den sogenannten Endokrinen Disruptoren eröffnet, die helfen soll, EU-weit einheitliche Kriterien zu schaffen. Den Fragenkatalog können allerdings nur wenige Experten verstehen, sagt Susanne Smolka (PAN Germany) im Interview. Eigentlich sei es nur ein Dialog zwischen Kommission und Industrie.

Susanne Smolka ist Biozidexpertin bei PAN Germany (Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.). In einem offenen Brief haben die deutschen Umweltverbände PAN Germany, Women in Europe for a Common Future (WECF), Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) und GRÜNE LIGA e.V. die deutschen Bundesminister Christian Schmidt (Ernährung und Landwirtschaft), Hermann Gröhe (Gesundheit) und Barbara Hendricks (Umwelt) Anfang Dezember zu mehr Engagement aufgefordert, um die Belastungen von Menschen und Umwelt durch hormonell wirksame Chemikalien zu verringern. Gemeinsam mit anderen europäischen Umweltverbänden rufen sie Bürger mit der Kampagne „Stoppt hormonell wirksame Chemikalien“ dazu auf, sich an einer aktuellen Konsultation der EU-Kommission zu beteiligen.

EurActiv.de: Deutsche und europäische Umwelt- und Verbraucherschutzverbände haben mit einer europaweiten Kampagne die Politik zum Handeln gegen Chemikalien aufgefordert, die wie Hormone wirken. Worum geht es hier konkret?

SMOLKA: Hormonell wirksame Chemikalien können in das empfindliche Hormonsystem eingreifen. Sie können die körpereigenen Hormone von Menschen und Tieren imitieren und insofern in das Hormonsystem eingreifen und es verändern. Das ist insbesondere ein Problem, wenn dieses Eingreifen in ganz empfindlichen Entwicklungsphasen zum Beispiel beim ungeborenen Kind bis hin zur Pubertät erfolgt. Das Hormonsystem ist ein empfindlicher Signalgeber, das Verhalten, Sexualhormone und Organ- und Gehirnentwicklung steuert. Dann können aufgrund der Veränderung durch diese Schadstoffe gegebenenfalls später im Leben Gesundheitsschäden auftreten.

Es gibt Hinweise, dass diese hormonell wirksamen Schadstoffe mit dafür verantwortlich sind, dass hormonbedingte Krebserkrankungen zunehmen. Brustkrebs, Prostatakrebs, Gebärmutterhalskrebs, Schilddrüsenkrebs aber auch Verhaltensänderungen wie ADHS, Stoffwechselstörungen wie Adipositas oder Diabetes werden damit in Zusammenhang gebracht.

Wo kommen diese Schadstoffe vor?

Sie können überall auftreten. Es sind zum Beispiel Industriechemikalien wie Bisphenol A oder bestimmte Weichmacher (Phtallate), die u. a. Kunststoffen zugesetzt werden. Es gibt  auch eine Reihe von hormonell wirksamen Pestiziden, die letztendlich in unseren Lebensmitteln als Rückstände auftauchen können. Es können auch sogenannte Biozide sein, also Wirkstoffe gegen Lebewesen wie Bakterien oder Schadinsekten wie z.B. Schutzmittel- und Konservierungsmittel. Man muss allerdings bei jedem Wirkstoff bzw. jeder Chemikalie prüfen, ob sie diese besondere Eigenschaft in sich trägt.

Was wird hier auf gesetzgeberischer Seite getan?

Es gibt bislang zwei EU-Gesetze, die hormonell wirksame Substanzen besonders regulieren. Das Pestizidrecht und das Biozidrecht. Diese Verordnungen führen ein Ausschlussverfahren, also faktisch ein Verwendungsverbot, für identifizierte hormonell wirksame Wirkstoffe ein, die schädliche Effekte beim Menschen auslösen können. Es gibt mehrere Ausnahmeregelungen, um eine weitere Verwendung sicherzustellen, falls keine Alternativen vorhanden sein sollten.

Wir begrüßen die ganz klaren politischen Entscheidungen, die hier getroffen worden sind. Hormonell wirksame Substanzen können bestimmte Eigenschaften haben, die es notwendig machen, Belastungen gänzlich zu vermeiden. Es gibt z.B. deutliche Hinweise, dass viele dieser Stoffe noch bei sehr geringen Konzentrationen Effekte zeigen oder dass geringe Dosierungen andere Effekte verursachen als hohe Dosierungen oder Kombinationswirkungen bei Stoffgemischen auftreten. Es fehlen auch noch Testverfahren, um die ganze Bandbreite möglicher Effekte abzuprüfen. Eine unwirksame Dosis ist also kaum festzulegen. Wir sagen daher aus Vorsorgegründen: Wenn so ein Stoff identifiziert ist, dann müssen Maßnahmen getroffen werden, ihn nicht mehr anzuwenden.

Die EU-Kommission sollte nun Kriterien festlegen, wie man so einen endokrinen Disruptor identifiziert, um sie dann ausschließen zu können. Die Kommission hatte die in den Verordnungen festgeschriebene Deadline vom 14. Dezember 2013 einfach ignoriert, obwohl konkrete Vorschläge auf dem Tisch lagen. Das ist für uns ein Problem, denn diese Verzögerung bedeuten weitere Belastungen für Mensch und Umwelt und entsprechende Folgekosten. Wir möchten, dass diese Gesetzgebungen wie sie demokratisch vereinbart und legitimiert wurden, jetzt auch umgesetzt werden.

Wie erklären Sie sich das Verhalten der Kommission?

Es gab massiven Lobbydruck. Zum einen geht es um den Gefahrenansatz, der als Entscheidungsgrundlage dient, um hochgefährliche Pestizide und Biozide aus der Verwendung zu nehmen. Die definierte gefährliche Stoffeigenschaft allein führt dabei zu einer Regulierung und eben nicht eine Abwägung von Gefährlichkeit und Exposition wie in der klassischen Risikoabschätzung. Neben der hormonellen Wirksamkeit sind noch ein paar andere Stoffeigenschaften betroffen, z.B. krebserregende, erbgutverändernde, fortpflanzungsschädigende und extrem umweltgefährliche Eigenschaften.

Vorreiter beim Ausschlussverfahren auf Basis dieses  Gefahrenansatzes ist das Biozid- und Pestizidrecht. Es gibt großen Druck in Richtung einer Umkehr zu einer klassischen Risikoabschätzung. Dies bestimmt die Diskussionen zu Kriterien und Regulierungsverfahren für endokrine Disruptoren in der derzeitigen Folgenabschätzung der EU-Kommission. Eine Übertragung des Konzepts auf andere Legislativen z.B. auf REACH für Industriechemikalien soll entgegengewirkt werden. Da soll politisch zurückgerudert werden. Der Streit geht letztlich darum, wie konsequent das politisch verankerte Vorsorgeprinzip in der EU umgesetzt werden soll und wer die Kosten trägt.

Welche Argumente führt die Industrie ins Feld? Geht es nur um finanzielle Aspekte?

Das ist entscheidend. Anstatt Kriterien zu setzen, hat die Kommission ein „impact assessment“, also eine Folgenabschätzung initiiert: Welche wirtschaftlichen Konsequenzen sind bei welcher Form von Kriterien und Regulierung zu erwarten. Schaut man auf die Fragen der aktuell laufenden Konsultation, so lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, als ginge es der EU-Kommission mehr darum, die negativen Folgen für die Industrie beim Wegfall einer Substanz als die damit verknüpften positiven Folgen für die Gesellschaft zu analysieren, die zum Beispiel durch Einsparungen im Gesundheitssystem oder beim Gewässerschutz etc. erzielt werden könnten.

Ziel der chemischen Industrie bzw. der Pestizid- und Biozid-Industrie ist es, die Hürden für ein Ausschlussverfahren so hoch wie möglich zu hängen und falls diese Hürde doch genommen wird, verschiedenste Abwägungen zu Risiken und sozioökonomischen Folgen vornehmen zu können, um Ausnahmegenehmigungen für eine weitere Verwendung zu erwirken. Es werden Befürchtungen geäußert, dass letztlich zu viele Stoffe unter das Kürzel „endokrine Stoffe“ fallen könnten und der Pflanzenschutz, der Hygiene- oder Materialschutz nicht mehr funktioniert. Diese Szenarien kennen wir bereits aus den vorausgegangenen Debatten um die neuen Biozid- und Pestizidverordnungen.

Wir teilen diese Befürchtungen nicht. Die Erfahrung zeigt, dass es in der Regel zu wenig statt zu viel Regulierung bei Chemikalien gibt, sonst hätten wir nicht die Folgeschäden durch Asbest, DDT und Co. zu tragen. Aus diesen Erfahrungen müssen Konsequenzen gezogen werden. Wirtschaftlich sehen wir Chancen für Innovationen hin zu weniger bedenklichen Substituenten oder noch besser, hin zu nicht-chemischen Alternativen auch für den  globalen Wettbewerb.

Die Kommission führt nun diese Folgenabschätzung durch. Sie hat, wie bereits erwähnt, jetzt mit einer öffentlichen Konsultation gestartet, an der man sich noch bis zum 16. Januar 2015 beteiligen kann. Die Konsultation ist aber sehr technisch.

Wird in einer öffentlichen Konsultation nicht auch die Öffentlichkeit gefragt?

Die Kommission hat in ihrer Presseerklärung zur öffentlichen Konsultation deutlich jeden europäischen Bürger dazu eingeladen, daran teilzunehmen. Wenn sie sich aber durch diesen Fragenkatalog durchklicken, können die nur wenige Experten verstehen. Eigentlich ist das ein Dialog zwischen Kommission und Industrie. Vielleicht können da noch ein paar Experten aus den Umweltschutzverbänden fachlich mithalten. Ansonsten kann kein interessierter Laie mitmachen. Wir haben deshalb versucht, Mitbürger, die an dem Thema interessiert sind, die Möglichkeit zu geben, aktiv zu werden. Unter dem Motto „Sag ‚Nein‘ zu hormonell wirksamen Chemikalien“ kann jede und jeder mit nur vier Klicks die Position der NGO-Kampagne für ein EDC-freies Europa unterstützen und Hintergrundinformationen in sieben Sprachen abrufen.

Es gibt sehr viele Hinweise, dass diese besondere Eigenschaft von Chemikalien erhebliche Gesundheitsschäden, Schäden für Ökosysteme und Kosten verursacht. Die Kosten, die durch die Schäden verursacht werden, müssen in der Folgenabschätzung mit herangezogen werden, wenn man das Ganze aus ökonomischer Perspektive betrachten will. Es gibt eine Studie der nordischen Umweltminister, die nur auf hormonbedingte Effekte bei Männern geschaut hat (Unfruchtbarkeit, Hodenkrebs etc.). Sie kalkulieren Gesundheitskosten verursacht durch endokrine Disruptoren von mehreren Millionen Euro pro Jahr. Die Weltgesundheitsorganisation hat gemeinsam mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen 2013 einen Bericht zum Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis publiziert. Sie sprechen von einer globalen Bedrohung. Das muss man zur Kenntnis nehmen und die Entscheidungsträger müssen jetzt aktiv werden. Die Diskussion um die hormonell wirksamen Substanzen gibt es seit Jahrzehnten. Aber es gibt keine konkreten Maßnahmen, um dem Problem wirklich Herr zu werden. Die einzige Maßnahme, die wirklich hilft, ist: Wenn es ausreichend Kenntnisse gibt, dass ein Stoff in das Hormonsystem eingreift und möglicherweise oder erkanntermaßen Gesundheitsschäden beim Menschen auslösen kann, die Exposition zu verhindern. Dies gelingt nur in einem geschlossenen System oder über ein Verwendungsverbot bzw. eine Substitution.

Industrievertreter sagen, die Debatte über endokrine Disruptoren lasse die Vorteile der Substanzen außer Acht. Ist das so?

Die Vorteile liegen ja ganz woanders. Wenn jemand zum Beispiel ein Holzschutzmittel mit einem Wirkstoff kreiert, dann soll das Holz gegen Schädlinge geschützt werden. Das ist der Zweck. In der Regel ist der erwünschte Wirkmechanismus kein endokriner. Zumeist ist die hormonelle Wirksamkeit ein unerwünschter Nebeneffekt. Bei Arzneimitteln würde man sagen, das ist eine unerwünschte Nebenwirkung. Es gibt nur ganz wenige Pestizide und Biozide, die tatsächlich das Ziel haben, in das Hormonsystem einzugreifen.

Gibt es also ein Holzschutzmittel ohne diese Nebenwirkung oder eine nicht-chemische Alternative, dann wird der Zweck des Holzschutzes doch auch damit erreicht. Würde es keine Alternativen geben und gäbe es ein ernsthaftes Problem, gäbe es in beiden Verordnungen immer die Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung.

Sie werfen ja auch der Bundesregierung Industriefreundlichkeit vor. Wie bewerten Sie das Verhalten der Bundesregierung im  Vergleich zu Ländern wie Frankreich, Dänemark oder Schweden?

Deutschland hat eben eine starke chemische Industrie. Aber auch von einzelnen Fachbehörden wird an dem Risikoansatz festgehalten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat sich dafür ausgesprochen und stellt sich damit im Vergleich zu Fachbehörden anderer Länder von der Argumentation her auf die Seite der Industrie.

Es gibt verschiedene politische Aktivitäten in Ländern wie Frankreich, Dänemark oder Schweden, um Strategien und Maßnahmen zu initiieren, die Exposition gegenüber hormonell wirksamen Chemikalien zu verringern. Beispielsweise hat Frankreich einen Aktionsplan ins Leben gerufen, bei dem jedes Jahr eine Reihe verdächtiger Stoffe angeschaut und bewertet werden und die Forschung nach Alternativen gefördert wird, um diese Substanzen zu ersetzen. Da wünschen wir uns einfach grundsätzlich mehr Engagement über die konkrete Stoffregulation bei den Pestiziden und Bioziden hinaus. Dies betrifft auch eine verbesserte Verbraucher-Information zur Vermeidung und zu Alternativen solcher Chemikalien im Alltag. Mit vergleichbaren politischen Aktivitäten hat sich die deutsche Regierung noch nicht hervorgetan.

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