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29/09/2016

Endokrine Disruptoren: EU braucht ein einheitliches Recht

Innovation

Endokrine Disruptoren: EU braucht ein einheitliches Recht

Foto: dpa

Hormonelle Aktivität in Mineralwasser, Weichmacher in Kunststoffen mit hormonähnlicher Wirkung, Pflanzeninhaltsstoffe, die wie Hormone wirken – in der Öffentlichkeit wird heftig über natürliche und künstlich hergestellte Substanzen diskutiert, die durch Veränderung des Hormonsystems die Gesundheit schädigen können. EurActiv.de sprach mit Bernd Schäfer vom Bundesinstitut für Risikobewertung.

Prof. Dr. Bernd Schäfer ist Biologe. Beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin leitet er die Fachgruppe „Lebensmitteltoxikologe“ sowie die Arbeitsgruppe „Endokrin wirksame Substanzen“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der molekularen Wirkmechanismen endokrin wirksamer Substanzen und der Epigenetik.

Viele Menschen sind durch immer neue Nachrichten über schädliche Endokrine Disruptoren verunsichert. Sie fürchten Langzeitfolgen wie Krebs, Unfruchtbarkeit, Alzheimer oder ADHS. Was sind Endokrine Disruptoren?

Endokrine Disruptoren sind von außen zugeführte oder aufgenommene Substanzen, die die normale Hormonaktivität beeinflussen und dadurch schädlich auf die Gesundheit eines Organismus oder seiner Nachkommen wirkt. Solche Stoffe können aus der Natur stammen oder künstlich hergestellt sein. Aber nicht alle Substanzen werden in der öffentlichen Diskussion negativ beurteilt. Der Einfluss auf das Hormonsystem kann, wie zum Beispiel im Falle bestimmter Phytoöstrogene aus Soja (Isoflavone), sogar allgemein akzeptiert sein.

Inwiefern können diese Stoffe schädlich sein?

Als schädlicher Effekt wird jede Änderung der Morphologie, der Physiologie, des Wachstums, der Vermehrung, der Entwicklung oder der Lebensdauer eines Organismus verstanden, die seine Funktionsfähigkeit oder sein Vermögen beeinträchtigt, zusätzliche Belastungen zu kompensieren. Dies führt zu erhöhter Empfindlichkeit gegenüber anderen schädlichen Umwelteinflüssen.

Bei welchen synthetischen Substanzen gibt es Anhaltspunkte für eine endokrine Wirkung?

Endokrine Disruptoren sind keine klar definierbare Substanzgruppe mit einheitlichen Merkmalen, das macht ihre Identifizierung schwer. Eine Ähnlichkeit zu dem natürlichen Hormon ist selten erkennbar. Sehr früh standen Organozinnverbindungen im Blickpunkt toxikologischer Betrachtungen, die in der EU seit 2003 verboten ist ihre Verwendung als Antifoulingfarben, die unter anderem den Farben für Schiffsanstriche zugesetzt wurden. Auch industrielle Altlasten wie z.B. DDT, PCB oder Lindan und ihre Metabolite sind ein Beispiel. Sie sind in der Umwelt nahezu allgegenwärtig und können über die Nahrungskette aufgenommen und angereichert werden.

Endokrine Disruptoren werden schon seit Jahrzehnten erforscht. Trotzdem lässt sich ihre Wirkung auf den Menschen kaum mit Sicherheit feststellen, weil auf den Körper zu viele Umweltfaktoren Einfluss nehmen und zahlreiche endokrine Faktoren zudem mit zeitlicher Verzögerung wirken. Welche Fortschritte gibt es bei Testmethoden für bedenkliche Substanzen?

In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl von Test-Methoden in-vivo- und in-vitro, also am lebenden Organismus oder im Labor, entwickelt. Die wichtigste Sammlung der zugelassenen Test-Methoden findet sich in dem OECD-Dokument „OECD Revised Conceptual Framework for Testing and Assessment of Endocrine Disrupters“. Dort aufgeführte Tests können die Wirkung von Substanzen auf einzelne Teilbereiche des Hormonsystems erfassen.

Wie werden Verbraucher vor möglichen gesundheitlichen Gefährdungen durch Endokrine Disruptoren geschützt?

Substanzen, die eindeutig schädliche Effekte haben, sind innerhalb der EU in der Regel verboten oder gesetzlich so reguliert, dass nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand kein gesundheitliches Risiko besteht. Derzeit werden endokrin-schädliche Eigenschaften bei der Regulation von Pflanzenschutzmitteln, Bioziden und Chemikalien berücksichtigt. Im Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel und Biozidprodukten, also in Schädlingsbekämpfungsmitteln wie etwa Rattengift und Desinfektionsmittel, darf in der EU ein Wirkstoff nicht mehr genehmigt werden, wenn er endokrin-schädlich sein kann – es sei denn, der Mensch ist diesem Wirkstoff in einem Pflanzenschutzmittel unter realistisch anzunehmenden Verwendungsbedingungen nicht ausgesetzt.

Wann gilt eine Substanz wissenschaftlich fundiert als gesundheitsgefährdend, wann nicht?

Wie schwierig diese Frage zu beantworten ist zeigt sich etwa an der intensiven Diskussion, die aktuell über die gesundheitliche Bedenklichkeit von Kombinationswirkungen durch Chemikalienmischungen geführt wird. Wegen der Komplexität des endokrinen Systems ist dies aber eine große Herausforderung. Bei der Umsetzung von Verordnungen, etwa für Chemikalien, Pflanzenschutzmittel und Biozide, hat sich die EU noch nicht über die wissenschaftlichen Kriterien zur Identifizierung und Charakterisierung von Endokrinen Disruptoren geeinigt.

Warum nutzt die EU noch immer verschiedene Regelwerke zur Bewertung? Zwar gilt seit 2007 in der EU die Chemikalien-Verordnung REACH. Sie umfasst aber längst nicht alle Stoffe: Pflanzenschutzmittel, Kosmetika und die Wasserqualität etwa werden nach unterschiedlichen Kriterien beurteilt. Ist das sinnvoll?

Verschiedene rechtliche Bestimmungen innerhalb der EU zur Bewertung der toxikologischen Eigenschaft eines Stoffes sollten unbedingt vermieden werden. Nur so kann ein einheitlicher Schutz sichergestellt werden. Die EU-Kommission plant darum, Kriterien zur Identifizierung von Endokrinen Disruptoren vorzulegen, die für alle relevanten gesetzlichen Verfahren innerhalb der EU einheitlich anwendbar sein sollen.

Interview: Nicole Sagener