Kommission muss gegen die Bedrohung durch endokrine Disruptoren vorgehen

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Für den 16. Februar ist im Ständigen EU-Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel eine Abstimmung über die jüngsten von der Kommission erstellten wissenschaftlichen Kriterien vorgesehen. [© Horia Varlan (CC BY 2.0)]

Endokrine Disruptoren sind Stoffe, die die natürliche biochemische Wirkweise von Hormonen stören. Unklar ist, in welchem Ausmaß hiervon auch das menschliche Hormonsystem betroffen ist.

Für den 16. Februar ist im Ständigen EU-Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel eine Abstimmung über die jüngsten von der Kommission erstellten wissenschaftlichen Kriterien vorgesehen, die diese Chemikalien identifizieren sollen. Sind die Kriterien nun angemessen?

Christian Zahn, Präsident der Association Internationale de la Mutualité (AIM): Die Definition geeigneter Kriterien stellt eine einmalige Chance dar, den Gesundheitsschutz der Bürger zu erhöhen, und wird zur Nachhaltigkeit unserer Gesundheitssysteme insgesamt beitragen.

Endokrin wirksame Substanzen (engl.: EDCs) finden sich heute überall, möglicherweise stehen sie in Verbindung mit vielen Krankheiten, die zunehmend häufig auftreten, was nicht länger zu ignorieren ist. Verminderte Fertilität, Früh- oder Fehlgeburten, Adipositas, und Diabetes Typ II oder Leukämie bei Kindern. Noch dramatischer hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Anzahl hormonbedingter Krebserkrankungen erhöht. Obwohl solche nicht übertragbaren Krankheiten natürlich genetische wie umweltbedingte Komponenten aufweisen, stellt die WHO fest, dass deren erhöhtes Auftreten nicht ausschließlich auf genetische Faktoren zurückzuführen ist. Die Identifizierung ursächlicher Umweltfaktoren ist somit ein Schlüssel zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit.

Eine verminderte Belastung durch EDC wird sich positiv auf die öffentliche Gesundheit, das Gesundheitswesen und die Wirtschaft insgesamt auswirken. Die europäische Politik muss effektiv vermeidbare Krankheitsursachen wie endokrine Disruptoren angehen. Die Gesundheitssysteme sind vor den stetig steigenden Kosten chronischer Krankheiten zu schützen, die EDCs hervorrufen können.

Im Juni 2016 – drei Jahre später als rechtlich gefordert – schlug die Europäische Kommission einen Katalog wissenschaftlicher Kriterien zur Qualifizierung hormonaktiver Chemikalien vor. Die Kriterien sind erforderlich für die Umsetzung der EU-Gesetze zu Pestiziden und Bioziden und spielen eine zentrale Rolle in anderen EU-Gesetzen zu industriell genutzten Chemikalien (die in täglichen Verbrauchsgütern enden), Körperpflegeprodukten (wie Kosmetika), Wasserqualität usw.

Leider ermöglichen der ursprüngliche Kommissionsvorschlag und die folgenden Überarbeitungen keinen angemessenen Schutz der Öffentlichkeit vor gesundheitsgefährdenden Chemikalien. Zu starre wie zu hohe Nachweiskriterien zum Verbot hormonaktiver Stoffe sowie Formulierungen, die auf eine Abkehr vom Vorsorgeprinzip hinauslaufen, verhindern den eigentlichen Zweck der Verordnung.

Am 21. Dezember 2016 schlug die Europäische Kommission eine wesentliche Änderung ihrer Kriterien vor, was eine Herausnahme einer ganzen Reihe endokrin wirksamer Stoffe nach sich zöge. Die als Resultat der Pestizidlobby angesehene Änderung stieß glücklicherweise im Ständigen Ausschusses für Pflanzen, Tiere, Lebens und Futtermittel (engl.: PAFF) auf Gegenwehr und die Abstimmung wurde verschoben.

Am 16. Februar hat die Kommission nun die Möglichkeit, angemessenere Kriterien zu empfehlen.

Eine echte Prävention gegen die Belastung durch schädliche EDCs beruht auf Kriterien, die die Einbeziehung aller Forschungserkenntnisse zur Bestimmung von EDCs ermöglicht, sodass zur Verwendung in Pestiziden erlaubte Chemikalien für Menschen unschädlich bleiben und somit das Vorsorgeprinzip befolgt wird. Sehr wenige epidemiologische Studien befassen sich mit der Thematik: Nur einige der über 1300 Chemikalien, die nachweislich oder vermutlich auf das Hormonsystem wirken, wurden ausreichend untersucht. Die große Mehrheit der derzeit kommerziell genutzten Chemikalien wurde in keiner Weise auf ihre hormonaktive Wirkung getestet.

Daher ist es für die Kommission an der Zeit, einen Kriterienkatalog vorzulegen, der auf fundierten wissenschaftlichen Ergebnissen basiert und die Festlegung eindeutiger Kategorien ermöglicht, die die Substanzen gemäß ihrer Risikogewichtung klassifizieren.

Angesichts dessen, dass 75% aller bisher im EU-Rechtsrahmen festgelegten Karzinogene “vermutlich” nachteilige Auswirkungen haben, ist ein besserer Schutz der Öffentlichkeit vor EDCs nur durch Anwendung des Vorsorgeprinzips und die Nennung der Stoffe, die bekanntermaßen bzw. vermutlich negative Auswirkungen haben, zu erreichen. Des Weiteren darf die Anwendung des Vorsorgeprinzips keinesfalls durch Freihandelsabkommen beeinträchtigt werden. Handelsanreize sollten weder zulasten der Prioritäten der öffentlichen Gesundheit gehen noch die EU-Verpflichtung zu hohen Standards bei Gesundheit und Umweltschutz beeinträchtigen.

Obwohl es keinen 100-Prozentigen Schutz gibt, ist es wichtig, Risiken durch die Befähigung der Bürger zu minimieren, gesunde Entscheidungen zu treffen und ungesunde zu vermeiden. Somit ist es Aufgabe der Kommission, die EU-Bürger über die Problematik zu informieren und das öffentliche Bewusstsein zu steigern. Daneben könnten wissenschaftlich fundierte Empfehlungen die öffentliche Gesundheit verbessern, insbesondere bei besonders verletzlichen Gruppen wie schwangeren Frauen oder jüngeren Kindern.

Die Abstimmung am 16. Februar über die Qualifizierungskriterien ist entscheidend für die Verringerung der Belastung durch EDCs. Die Kommission muss diese Chance ergreifen, um die Gesundheit der europäischen Bürger zu schützen und zu zeigen, dass die Gesetzgebung der EU im Sinne ihrer Bürger erfolgt.

Lesen Sie die am heutigen Tage veröffentlichte Erklärung der AIM zu EDCs, welche in enger Zusammenarbeit mit der “Health and Environment Alliance” (HEAL) verfasst wurde.

Christian Zahn ist Präsident der International Association of Mutual Benefit Societies (AIM).

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