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01/10/2016

Weichmacher in Verpackungen machen dick

Gesundheit und Verbraucherschutz

Weichmacher in Verpackungen machen dick

Lebensmittelverpackungen enthalten oft das hormoähnlich wirkende Bisphenol A.

[Wohin Auswandern/Flickr]

Die meisten Lebensmittel sind heute in Plastik eingeschweißt. Doch Weichmacher können aus der Verpackung über die Nahrung in den Körper gelangen – und dick machen, wie deutsche Forscher nun zeigen. Die EU-Kommission ist unterdessen weiter im Verzug mit einer Definition von hormonwirksamen Chemikalien, die bereits im Jahr 2013 fertig sein sollte.

Sie machen Lebensmittelverpackungen weich und flexibel, sind in Kabeln, Tapeten, Sport- und Freizeitartikeln enthalten. Phthalate oder sogeannte Weichmacher finden sich in vielen Alltagsgegenständen aus Plastik.

Doch sie sind umstritten. Über die Haut oder die Nahrung kann sie der Körper aufnehmen, wo sie auf das Hormonsystem einwirken können. Besonders Verpackungen von fetthaltigen Nahrungsmitteln stehen im Verdacht, den Körper zu beeinflussen, denn Weichmacher lösen sich dann besonders leicht aus dem Plastik und gelangen in das Lebensmittel. 

Phthalate stehen schon länger im Verdacht, auch zu einer Gewichtszunahme beizutragen. Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas-Erkrankungen des Universitätsklinikums Leipzig konnten nun jedoch erstmals in einer Studie nachweisen, was dabei im Körper passiert.

Jeder zweite Deutsche ist zu dick

Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist übergewichtig. Bei Kindern und Jugendlichen sind es bereits rund 15 Prozent – „alarmierende Zahlen“, sagt Martin von Bergen, Leiter des UFZ. Mit jedem Kilo zu viel steige das Gesundheitsrisiko für Herzkreislauferkrankungen, Gelenkschäden, chronische Entzündungen und Krebs.

Gleichzeitig nimmt weltweit die Zahl der Übergewichtigen zu. „Neben falschen Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel spielten sicherlich auch genetische Faktoren eine Rolle, so von Bergen. „Aber auch bestimmte Umweltschadstoffe – zum Beispiel Phthalate – können für die Entwicklung von Übergewicht mitverantwortlich sein.“

Nachweisen konnten das die Forscher, indem sie Mäuse testeten, deren Trinkwasser mit dem Weichmacher DEHP versetzt war. Im Errgebnis nahmen die Mäuse stark zu – besonders betroffen waren die Weibchen. Im Bluttest zeigten sich ein gestörter Glukosestoffwechsel und mehr ungesättigte Fettsäuren im Blut. „Phthalate greifen ganz offensichtlich massiv in den Hormonhaushalt ein. Bereits in geringen Konzentrationen führen sie zu deutlichen Veränderungen, wie beispielsweise der Gewichtszunahme“, sagt von Bergen.

EU-Kommission verzögert Defintition hormonwirksamer Chemikalien weiter

Wie der Weichmacher den Hormonhaushalt genau verändert und dick macht, ist noch unklar. Die Forscher arbeiten weiter an der Lösung dieses Rätsels. Von Bergen und seine Kollegen wollen auch die Wirkung auf die Entwicklung frühkindlicher Erkrankungen untersuchen. Die Ergebnisse sollen den für die Risikobewertung von hormonwirksamen Chemikalien, sogentannten endokrin aktiven Stoffen, zuständigen Behörden auf deutscher und europäischer Ebene bei ihren Bewertungen helfen, so von Bergen.

Auf EU-Ebene hätte die EU-Kommission bereits im Jahr 2013 eine Definition von Chemikalien liefern sollen, die auf das Hormonsystem des Menschen oder seines Nachwuchses einwirken. Wegen der Verzögerung dieses als Basis für weitere Vorgaben gedachten Werks rügte das Europäische Gericht die Kommission bereits. Eine Beschleunigung ist jedoch trotzdem nicht zu erwarten: Wie die die EU-Kommission am Donnerstag in einer Stellungsnahme wissen ließ, soll das Vorgehen zur Erstellung von Kriterien zu hormonell wirksamen Chemikalien nicht verschnellert werden.

Hintergrund

Steigende Krebszahlen, immer mehr Übergewichtige und Fertilitätsprobleme lenken die Aufmerksamkeit der Forscher auf endokrine Disruptoren. Einige fordern eine strenge Regulierung dieser Substanzen, im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip.

Andere Wissenschaftler hingegen betonen den Wert dieser Chemikalien in Alltagsprodukten wie Kunststoffen. Sie warnen davor, dass die Grundlagen der Wissenschaft auf den Kopf gestellt werden könnten, wenn Vorsichtsmaßnahmen getroffen würden.

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