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29/09/2016

Wasserversorger: Laxe Kriterien für hormonwirksame Substanzen kommen Verschmutzern zugute

Gesundheit und Verbraucherschutz

Wasserversorger: Laxe Kriterien für hormonwirksame Substanzen kommen Verschmutzern zugute

Ein Wissenschaftler mit Donauwasser.

Foto: dpa

Lasche Kriterien zur Identifikation endokriner Disruptoren erlauben den Herstellern dieser Substanzen, „zu verschmutzen, ohne dafür zu zahlen“, warnt der Verband der europäischen Wasserindustrie EurEau. EurActiv Brüssel berichtet.

Anfang August bezeichnete Europas Chemiebranche die vorgeschlagenen Identifikationsmerkmale der Kommission als nicht funktionsfähig und heizte somit die Debatte zur EU-weiten Definition endokriner Disruptoren weiter an. Die Frage, welchen Ansatz die Kommission letztendlich verfolgen sollte, spaltet die Gemüter der Interessenvertreter.

Im Juni ließ die Kommission verlauten, man müsse im Rahmen der Pflanzenschutzmittel-Verordnung die Gefahren endokriner Disruptoren bewerten. Das heißt, Substanzen würden je nach Gefährlichkeitsgrad verboten – nicht ihrer Potenz (Stärke eines Hormondisruptors) entsprechend. Industrievertreter hoffen auf Letzteres. Ihnen zufolge sollte der Gesetzentwurf auch berücksichtigen, inwiefern man den jeweiligen Substanzen tatsächlich ausgesetzt ist.

Eine klare Definition

Die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Identifikationsmerkmale basieren auf denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Laut Wasserversorgern gehen sie nicht auf den Belastungsgrad durch die Umwelt oder Pflanzenschutzmittel (wie Pestizide) ein. Die WHO bezeichnet einen endokrinen Disuptor als „exogene Substanz oder exogenes Gemisch, das Funktionen des endokrinen Systems beeinflusst und so negative Auswirkungen auf die Gesundheit eines intakten Organismus, dessen Nachkommen oder Unterpopulationen hat“.

„Wir fordern eine wissenschaftlich begründete, gut fundierte, horizontale und klare Definition für endokrine Disruptoren“, betont EurEaus Kommunikationsmanagerin Caroline Greene im Gespräch mit EurActiv. „Sie muss verständlich sein und gut zu übermitteln. Vor allem aber muss sie sich auf unterschiedlichste Produkte anwenden lassen, damit wir die Wasserreserven in ganz Europa schützen können.“ Solche Kriterien würden dem Verband zufolge nicht nur langfristig zum Schutz der europäischen Wasserressourcen beitragen, sondern auch die Kommunikation mit den Verbrauchern erleichtern.

„Eine klare Definition kommt der Überarbeitung der Wasserrahmenrichtlinie entgegen und ermöglicht es, Maßnahmen zu endokrinen Disruptoren an der Quelle besser zu kontrollieren (zum Beispiel den Ersatz durch weniger schädliche Alternativsubstanzen)“, meint Greene. So könne man sicherstellen, dass nach dem Verursacherprinzip gehandelt würde.

Das würde laut Greene bedeuten, dass die Produzenten endokriner Disruptoren die Kosten für die Abschaffung dieser Substanzen übernehmen müssten, um Wasserressourcen und die allgemeine Gesundheit zu schützen.

Wasserressourcen und Kosten

EurEau setzt sich für strenge Kriterien bei der Zulassung aller chemischen Substanzen mit hormonwirksamen Inhaltsstoffen ein, die die Wasserqualität beeinträchtigen könnten. Ein Verbot sollte ihnen zufolge nach dem Gefährlichkeitsgrad festgelegt werden. Dieser Ansatz berücksichtigt die Auswirkungen auf Grund- und Oberflächenwasser. „Die Geschichte lehrt uns, dass Produkte nach ihrer Markteinführung den Verordnungen zum Trotz immer in die Umwelt gelangen“, unterstreicht Greene.

Wasserversorger befürchten, dass die Industrie laxere Definitionsmerkmale ausnutzen werde. Außerdem könnten sich die Kosten für den Verbraucher erhöhen. „Weniger strenge Kriterien ermöglichen es den Produzenten endokriner Disuptoren, zu verschmutzen, ohne dafür zu zahlen“, so EurEau. Die Kommission müsse quellorientierte Kontrollmaßnahmen, das Vorsorgeprinzip sowie das Verursacherprinzip stärken.

„Pestizide, ihre Stoffwechsel- und Umwandlungsprodukte beeinträchtigen zunehmend die Qualität der Wasserressourcen. Trinkwasserversorger müssen immer häufiger auf zusätzliche, teure Aufbereitungsverfahren zurückgreifen, während die Verbraucher dafür zahlen“, kritisiert Greene. Wenn die Verschmutzer die Kosten tragen müssten, wären Wasserversorger nicht gezwungen, die Aufbereitungskosten auf den Verbraucher umzuleiten.


Von: Sarantis Michalopoulos | EurActiv.com | Übersetzt von: Jule Zenker