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25/09/2016

Urintest: EU-Abgeordnete übermäßig mit Glyphosat belastet

Gesundheit und Verbraucherschutz

Urintest: EU-Abgeordnete übermäßig mit Glyphosat belastet

Glyphosat, das vor allem in Unkrautvernichtern verwendet wird, ist laut WHO wahrscheinlich krebserregend.

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Nur wenige Tage vor der Glyphosat-Abstimmung zeigen die Urintests von 48 EU-Abgeordneten bedenkliche Ergebnisse: Die Glyphosat-Konzentration war bei ihnen zum Teil 35-mal höher als maximal empfohlen. EurActiv Frankreich berichtet.

„Alle Teilnehmer hatten einen übermäßigen Glyphosat-Gehalt im Urin“, bestätigt das Laboratorium Biocheck in Leipzig, das die geschlechter- und parteiübergreifenden Tests an 48 EU-Abgeordneten durchführte. Insgesamt waren 13 Länder bei den Untersuchungen vertreten: darunter Belgien, Tschechien, Frankreich, Ungarn, Spanien, Finnland und Italien. Bei manchen belgischen und französischen Abgeordneten erreichte die Glyphosat-Konzentration das 25- bis 35-fache des eigentlich zugelassenen Grenzwertes. Der Durchschnitt liege beim 17-fachen.

Die erschreckende Studie wurde auf Initiative von etwa zehn EU-Parlamentsabgeordneten duchgeführt. Der Großteil von ihnen stammt aus Belgien wie zum Beispiel Marc Tarabella (S&D). Belgien ist wie auch die Bundesrepublik eines der wenigen Länder, das die Zulassung von Glyphosat verlängern will. Dabei ist die chemische Verbindung laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) „wahrscheinlich krebserregend“. Befragt, ob die belgischen Europaabgeordneten ihre Regierung mit der Studie beeinflussen wollten, antwortet Tarabella: „Ja. Wir sind ein Land, das die Kommission durchgängig unterstützt hat. Vielleicht hat uns das sensibilisiert oder ist zumindest ausschlaggebend gewesen.“

Die Macht der Industrie

Glyphosat ist ein Wirkstoff, der vor allem in Unkrautbekämpfungsmitteln Anwendung findet. In den 70ern wurde ein  Patent auf das Molekül angemeldet, welches 1974 dann auf den Markt kam. Rasend schnell entwickelte es sich zum Verkaufsschlager, vor allem durch das Herbizid Round-Up des amerikanischen Agrochemie-Konzerns Monsanto.

Eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung zeigte, dass auch 99,6 Prozent der Deutschen gyphosat-belastet sind. Bei 75 Prozent der 2009 Probanden lag der umstrittene Wirkstoff in überhöhter Konzentration vor.

Alle EU-Bürger sind Glyphosat ausgesetzt – völlig unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunftsland oder Ernährungsgewohnheiten. Dennoch verschließen einige Mitgliedsstaaten die Augen vor der Gefahr. „Indem man ihnen freie Hand lässt, wie das bei den GVOs (genetisch veränderten Organismen) der Fall ist, zerteil die Kommission die Entscheidungsmacht und geht auf das Spiel der Lobbyisten ein. Sie gibt der Industrie somit mehr Handlungsspielraum“, schätzt ein europäischer Beobachter.

 Ein „Kreuzzug“ an Überzeugungsarbeit

Am 18. und 19. Mai sollen die EU-Mitgliedsländer darüber abstimmen, ob die Glyphosat-Zulassung um weitere zehn Jahre verlängert werden soll. Während einige von ihnen, wie zum Beispiel Belgien oder Deutschland, die Kommission in ihrem Vorhaben unterstützen, werden sich andere Staaten, darunter Frankreich, Italien, Schweden und die Niederlande entschlossen dagegen stellen.

„Dieser Test hat eher symbolischen Charakter gehabt. Er hat es uns erlaubt, ein wenig Wasser auf die Mühlen zu gießen, damit die Regierungen, die bisher die Bedürfnisse ihrer Bürger vernachlässigt haben, die richtige Entscheidung fällen“, erklärt Tarabella. „Gegen Glyphosat zu kämpfen, bedeutet, sich für die Lebensmittelsicherheit einzusetzen“, fährt er fort, „Wir müssen Regierungen überzeugen, die bisher jegliche Studien in den Wind geschlagen haben – sogar die der WHO, in der die Gefahren von Glyphosat ganz klar bestätigt werden. Das wird ein wahrer Kreuzzug werden.“

Hintergrund

Was ist Glyphosat?
Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in unterschiedlichen Pflanzenschutzmitteln und dient als sogenanntes Herbizid der Unkrautvernichtung. Es kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat
Glyphosat in den 70er Jahren zum Herbizid entwickelt. Heute gilt das Mittel als eines der weltweit meistverkauften Wirkstoffe zum Pflanzenschutz. Die Zulassung von Glyphosat in der EU läuft Ende Juni aus. Deshalb muss nun über die weitere Zulassung entschieden werden.

Wie und warum wird das Mittel eingesetzt?
Glyphosathaltige Mittel sollen die Äcker von unerwünschten Unkräutern freihalten. Sie hemmen ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Ausgebracht wird es in erster Linie kurz vor oder nach der Ernte. In der europäischen Landwirtschaft wird Glyphosat unter anderem beim Anbau von
Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewendet. In Deutschland werden einer vor einigen Jahren veröffentlichten Studie zufolge knapp 40 Prozent aller Anbauflächen damit behandelt. Der Vorteil für Landwirte liegt auch in Zeit- und Kostenersparnissen: Felder müssen nicht mehr umgepflügt werden. Hersteller und Bauern verweisen in diesem Zusammenhang auch
darauf, dass dies der Bodenerosion entgegenwirkt.

 Warum gibt es Streit?
Der Streit dreht sich um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Kritiker warnen davor, dass Glyphosat krebserregend sein könnte. Das Thema ist Teil einer größeren und teils emotional geführten Debatte um einen Kurswechsel weg von der industriellen Landwirtschaft. Es gibt immer wieder Berichte und Studien dazu, die aber umstritten sind.

Was steht in diesen Untersuchungen?
Sehr häufig herangezogen wird ein Bericht der zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die erst im März diesen Jahres erklärte, Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen". Den Herstellern zufolge handelte es sich dabei jedoch nur um "theoretische Überlegungen" ohne Bezug zu den realen Verbraucherrisiken.

Was sagen die Behörden in Deutschland und der EU?
Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass von Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen ausgeht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission grünes Licht für eine erneute Zulassung. Über den Vorschlag werden die Vertreter der Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?
Darüber gibt es letztlich nur Spekulationen. Von Seiten der Umweltschützer und anderer Glyphosat-Gegner wird behauptet, die Efsa und weitere Behörden wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fällten ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Auf der anderen Seite werfen Hersteller den Kritikern vor, eine "Angstkampagne" zu inszenieren.

Wie läuft das Entscheidungsverfahren? 
Die Entscheidung fällt in einem Fachausschuss hinter verschlossenen Türen. Das hat nichts mit dem Thema zu tun, sondern ist bei sogenannten Komitologie-Verfahren üblich. Für eine sofortige Glyphosat-Neuzulassung ist eine qualifzierte Mehrheit nötig: Das sind  55 Prozent der Mitgliedstaaten, die gleichzeitig mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Lehnt eine qualifizierte Mehrheit die Neuzulassung ab, muss die EU-Kommission
einen neuen Vorschlag machen.

Wie wird Deutschland abstimmen?
Das ist bislang unklar; innerhalb der Berliner Regierungskoalition gibt es heftigen Streit. Während Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) die Zulassung verlängern will, sind die SPD-geführten Ministerien strikt dagegen. Unter solchen Umständen muss sich Deutschland der Stimme enthalten. Am Freitag schaltete sich aber das Bundeskanzleramt ein, um eine einheitliche
Position zu finden.

Zeitstrahl

  • 18. und 19. Mai : Die Mitgliedsstaaten stimmen über die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung um zehn Jahre ab.