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25/09/2016

Unfruchtbar durch Pestizide und Weichmacher

Gesundheit und Verbraucherschutz

Unfruchtbar durch Pestizide und Weichmacher

Bei unerfülltem Kinderwunsch können auch hormonwirksame Chemikalien eine Rolle spielen.

Peter Endig/dpa

Immer mehr Frauen haben Probleme, schwanger zu werden – Mitschuld dürften häufig hormonell wirksame Chemikalien wie Weichmacher und Pestizide tragen, zeigt eine Studie. Die Folgen kosten die EU 1,4 Milliarden Euro pro Jahr.

Den Chemikalien im Alltag auszuweichen ist unmöglich – obwohl viele auf das Hormonsystem einwirkende Stoffe als gesundheitsbedenklich gelten. Zudem tragen einige der in Pestiziden oder in Plastikprodukten genutzten Stoffe wohl Mitschuld daran, dass immer mehr Frauen Probleme haben, schwanger zu werden oder gar unfruchtbar werden.

Wie eine neue Studie nun zeigt, sind mindestens zwei häufig auftretende Frauenkrankheiten, die zu Fortpflanzungs-Schwierigkeiten führen,  auf hormonell wirksame Substanzen zurückzuführen.

Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler stellten fest, dass die beiden Krankheiten Endometriose,  eine chronische Erkrankung an der Gebärmutterschleimhaut sowie Myome, gutartige Tumore auf der Gebärmutter, häufig auf bestimmte hormonähnliche Substanzen zurückzuführen sind. Beide Krankheiten können zu Unfruchtbarkeit führen und sind meist sehr schmerzhaft.

EU-Mitgliedstaaten prüfen Genehmigung für bedenklichen Stoff

Mindestens 70 Prozent der von Fertilitätspoblemen betroffenen Frauen leiden den Forschern zufolge an mindestens einer dieser beiden Erkrankungen. Die jährlichen Kosten beziffert die im „Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism“ erschienene Studie auf 1,4 Milliarden Euro für Europa – zum einen durch Ausgaben im Gesundheitswesen, zum anderen durch den Arbeitsausfall der Betroffenen.

Untersucht wurden in der Studie die Substanzen DEHP und DDE. Der Weichmacher DEHP wird in der EU-Chemikalien-Verordnung REACH als eine „besonders besorgniserregende Substanz“ klassifiziert. Zur Herstellung von Spielzeug und Babyartikeln ist der Stoff derzeit verboten, weil er während der Nutzung ausdünstet. Dennoch prüfen die EU-Mitgliedstaaten derzeit eine Genehmigung, die es erlauben würde DEHP in den Kunststoff mehrerer Verbraucherprodukte einzuarbeiten.

DDE, ein Nebenprodukt des Pestizids DDT, wurde zwar bereits vor Jahrzehnten in Europa verboten. Mehrere Studien haben jedoch gezeigt, dass sich einige Bestandteile des Insektenvernichters im Fettgewebe von Tieren und Menschen anreichern und dadurch lange in der Nahrungskette bleiben. Dass in der Landwirtschaft genutzte Pestizide noch Jahrzehnte nach ihrem Verbot eine Schadstoffquelle sind, hatten französische Forscher vor zwei Jahren in einem Weinanbaugebiet in Südostfrankreich nachgewiesen. US-Forscher fanden zudem Hinweise, dass DDT das Risiko für Alzheimer erhöhen könnte.

Für die Chemikalien existieren viel sicherere Alternativen

Leonardo Trasande, Professor für Pädiatrie, Umweltmedizin und öffentliche Gesundheit an der New York University warnt: „Obwohl weltweit Millionen von Frauen von dieses beiden gynäkologischen Erkrankungen betroffen sind, erkennen wir, dass diese Analyse nur die Spitze des Eisbergs widerspiegelt.“ Eine wachsende Zahl von Hinweisen deute darauf hin, dass die Einwirkung von Umwelthormonen mit einem breiteren Spektrum an weiblichen Fortpflanzungsproblemen wie Unfruchtbarkeit sowie Komplikationen während der Schwangerschaft verbunden sei. „Diese Erkrankungen stellen auch eine erhebliche Kostenbelastung für Frauen, ihre Familien und die Gesellschaft als Ganzes dar“, so Trasande.

Diese Studie fügt der bereits erstaunlichen Rechnung von 157 Milliarden Euro weitere eineinhalb Milliarden pro Jahr in Europa hinzu, die durch gesundheitliche Problemen im Zusammenhang mit unserem Kontakt mit Umwelthormonen entstehen“, sagt auch Lisette van Vliet, Politikberaterin der Health and Environment Alliance. Die Gesundheit der Europäer werde weiter aufs Spiel gesetzt, wenn die Verwendung einer bekannten giftigen Chemikalie in billigen, qualitativ schlechten Kunststoff-Produkten beim Handel erlaubt ist – zumal für diese Chemikalien „viel sicherere Alternativen existieren“.

Hintergrund

Steigende Krebszahlen und Fertilitätsprobleme lenken die Aufmerksamkeit der Forscher auf endokrine Disruptoren. Einige fordern eine strenge Regulierung dieser Substanzen, im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip.

Andere Wissenschaftler hingegen betonen den Wert dieser Chemikalien in Alltagsprodukten wie Kunststoffen. Sie warnen davor, dass die Grundlagen der Wissenschaft auf den Kopf gestellt werden könnten, wenn Vorsichtsmaßnahmen getroffen würden.

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