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21/02/2017

Studie zu neuen Medikamenten: „Mondpreise“ für viel Nutzloses

Gesundheit und Verbraucherschutz

Studie zu neuen Medikamenten: „Mondpreise“ für viel Nutzloses

Viele neue Medikamente auf dem Markt bringen den Patienten keinen zusätzlichen Nutzen, zeigen Prüfungen der gesetzlichen Krankenkassen.

Foto: dpa

Die Preise steigen, der Vorteil aber fehlt oft: Jedes dritte neue Medikament hat keinen Zusatznutzen gegenüber Arzneien, die bereits auf dem Markt sind, zeigt eine Untersuchung.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Kosten-Nutzen-Analyse der deutschen gesetzlichen Krankenkasse – die vor allem angesichts steigender Preise für neue Arzneien das Vorgehen der Pharmabranche in kein gutes Licht rückt.

Die den Zeitungen der „Funke Mediengruppe“ vorliegende Studie zeigt, dass von 129 untersuchten Arzneien 44 der Präparate nur für einen Teil der Patienten einen Vorteil brachte, weitere 44 zeigten einen klaren Nutzen für alle Patienten. Der Rest der untersuchten Mittel, darunter Medikamente für die Behandlung von Krebserkrankungen, Infektionserkrankungen wie Hepatitis und Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes, war maximal ein Abklatsch einer bereits vorhandenen Arznei.

Die Untersuchung auf Kosten und Nutzen von neuen Wirkstoffen ist seit einer Reform der Preisgestaltung im Jahr 2011 nötig, die der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) eingeführt hatte, um die rasant wachsenden Ausgeben bei Arzneimitteln zu dämpfen. Seitdem müssen die Krankenkassen die Kosten mit den Herstellern vereinbaren. Das gilt jedoch lediglich für für Medikamente, die gegenüber bereits existierenden Präparate einen Vorteil haben. Stoffe ohne zusätzlichen Nutzen behalten als Preis einen niedrigeren Festbetrag.

„Manchmal Mondpreise“

Dass nicht alle neuen Arzneien halten, was ihr hoher Preis versprechen mag, ist Gesundheitsexperten durchaus bekannt. „Wir zahlen leider manchmal Mondpreise – und das nicht nur bei Krebsmitteln, bei denen sich die Preise nicht immer am Nutzen und Innovationsgrad der Medikamente orientieren“, sagte etwa Andreas Storm, Chef der Krankenkasse DAK-Gesundheit, gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Kosten-Nutzen-Analyse bringe indes durchaus hohe Einsparungen, meinen Experten: Laut dem Bericht beläuft sie sich auf etwa 2,5 Milliarden Euro. Dennoch seien die Preisverhandlungen hilfreich, meint der Vizechef des Spitzenverbands der Krankenkassen, Johann-Magnus von Stackelberg. Sie helfe, „die Spreu vom Weizen zu trennen“, sagte Stackelberg den Funke-Zeitungen.

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Mit einem weiteren Urteil hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) eine gewichtige Entscheidung für europäische Verbraucher getroffen – er hat die deutsche Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente gekippt.

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Das lobte auch das Bundesgesundheitsministerium. Gesundheitsminister Hermann Gröhe sagte der Funke Mediengruppe, die Nutzenbewertung von Arzneimitteln und die anschließenden Preisverhandlungen hätten zu Kosteneinsparungen zugunsten der Versicherten geführt. Hinzu käme die geplante Umsatzschwelle, nach deren Überschreitung künftig ein geringerer Erstattungsbetrag für Medikamente gelten solle.

Innovationen werden immer teurer

Die Pharmaunternehmen geraten derweil wegen der teilweise rasant steigenden Preise für neue Medikamente in die Kritik. Von 46 neuen Arzneiwirkstoffen, die 2014 auf den Markt kamen, belief sich bei acht Medikamenten der Preis pro Packung auf mehr als 10.000 Euro. Mit den 46 neuen Wirkstoffen setzten die Hersteller laut dem Arzneiverordnungsreport (AVR) 2015 nach nur einem Jahr mehr als eine Milliarde Euro um.

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Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel  lagen im Jahr 2014 insgesamt bei rund 33,6 Milliarden Euro – ein Anstieg von 6,5 Prozent gegenüber 2013. Zu dem Anstieg der Ausgaben trugen dem AVR zufolge wesentlich patentgeschützte Arzneimittel bei.

Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa), mahnt dennoch vor Panikmache, dass das deutsche Gesundheitssystem durch die Preisentwicklung bei Innovationen an seine Grenzen geraten könnte. „Die aktuelle Preisdiskussion klammert die großen Therapiefortschritte aus, die wir derzeit durch einen Schub an innovativen Arzneimitteln für schwere Erkrankungen wie Hepatitis C oder Krebs erleben“, so Fischer im „Deutschen Ärzteblatt“. Zudem lägen die zwischen den Krankenkassen und den Pharmaunternehmen ausgehandelten Beträge in Deutschland durchschnittlich neun Prozent unter den europäischen Vergleichspreisen.