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25/09/2016

Studie: Volkswagen bei Weitem nicht der größte Abgassünder

Gesundheit und Verbraucherschutz

Studie: Volkswagen bei Weitem nicht der größte Abgassünder

Alle großen Dieselhersteller verstoßen einer aktuellen Studie nach gegen Abgasvorschriften.

[SuperCar-RoadTrip.fr/Flickr]

Vor einem Jahr machte Volkswagen im Rahmen der Dieselgate-Affäre die ersten Negativschlagzeilen. Jetzt zeigt eine Studie: Alle größeren Dieselmarken verkaufen Modelle mit horrenden Abgaswerten. EurActiv-Kooperationspartner The Guardian berichtet.

Die Automobilindustrie steht unter strengster Beobachtung, seit die US-Regierung Volkswagen (VW) 2015 dazu verpflichtete, fast 500.000 Wagen zurückzurufen. Der deutsche Autohersteller hatte illegale Software in seine Dieselfahrzeuge eingebaut, um die Emissionswerte in den Abgastests zu manipulieren.

Eine aktuelle Studie der NGO Transport & Environment (T&E) bestätigt nun, dass sich keine einzige Dieselmarke im Fahrbetrieb an die Euro-6-Grenzwerte zur Luftreinhaltung hält. Den Ergebnissen nach ist VW bei Weitem nicht der größte Abgassünder. „Alle Augen waren auf Volkswagen, den ‘schmutzigen Automobilhersteller’, gerichtet. Sieht man sich jedoch die Abgaswerte anderer Produzenten an, stellt man fest, dass es gar keine ‘sauberen Hersteller’ gibt“, betont Greg Archer, T&E-Direktor für saubere Fahrzeuge. „Die von VW produzierten Autos weisen nicht einmal die höchsten Stickoxidemissionen auf. Die Tatsache, dass andere Unternehmen gar nicht überprüft wurden, ist ein schlechtes Zeugnis für das europäische Regulierungssystem.“

T&E nahm sich die Daten der Abgastests von etwa 230 Dieselmodellen vor, analysierte sie und erstellte ein Ranking der Automarken, deren Fahrzeuge im Betrieb die meisten Schadstoffe produzieren. Fiat und Suzuki (Modelle mit Fiat-Motoren) nehmen mit ihren neusten Dieselmodellen die vordersten Plätze ein. Obwohl sie angeblich den Euro-6-Standards entsprechen, stoßen sie das 15-Fache des Stickstoffoxid-Grenzwertes aus. Fahrzeuge von Renault-Nissan liegen um das 14-Fache darüber. Auch General Motors Opel-Vauxhall schneidet mit zehnmal höheren Stickstoffwerten schlecht ab.

Die neuen Modelle verstoßen weder gegen geltendes Recht, noch sonstige aktuelle Regulierungen, meinen die Autohersteller. Ihre Fahrzeuge wurden vor allem deshalb  zugelassen, weil bei den Abgastests in Laboren viel weniger Emissionen freigesetzt wurden als im tatsächlichen Fahrbetrieb.

Europäische Standards

Seit September 2015 müssen neue Dieselfahrzeuge in Europa den Euro-6-Emissionsstandards entsprechen. Diese schreiben einen Maximalwert von 0,08 Gramm pro Kilometer vor. Unter den zuvor geltenden Euro-5-Normen waren noch 0,18 Gramm zulässig. Stickoxide in der Luft sind gesundheitsschädlich. In Großbritannien allein sterben jährlich etwa 23.500 Menschen an den Folgen dieser Verschmutzung.

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Der Bericht stützt sich unter anderem auf Untersuchungen der britischen, französischen und deutschen Regierung sowie auf eine umfassende öffentliche Datenbank. Unter den aktuellen Bestimmungen verkauft VW sogar mit die saubersten Fahrzeuge, so die Ergebnisse der Studie. Das sei jedoch kein Beweis dafür, dass der Konzern seine „Lektion“ gelernt habe. Die Modelle seien nämlich schon vor dem Abgasskandal auf den Markt gekommen. Die Dieselgate-Motoren stammten größtenteils noch aus der Euro-5-Epoche und wurden zwischen 2011 und 2015 verkauft.

T&E geht davon aus, dass derzeit etwa 29 Millionen „schmutzige“ Dieselfahrzeuge auf Europas Straßen unterwegs sind – Tendenz steigend. Die NGO stufte ein Auto dann als „schmutzig“ ein, wenn die Emissionen den eigentlichen Stickstoffoxid-Grenzwert um mehr als das Dreifache übersteigen.

Es sollten massenhaft Euro-5- und Euro-6-Fahrzeuge zurückgerufen werden, meint Archer und verweist dabei auf ihre durchschnittliche Lebensdauer von 17 Jahren. „Man könnte ganz einfach ein Software-Upgrade durchführen, um sicherzustellen, dass die Abgassysteme unter normalen Fahrbedingungen den Gesetzen entsprechen“, erklärt er.

Die fünf größten Abgassünder in der Euro-5-Kategorie sind: Renault (einschließlich Dacia), Land Rover, Hyundai, Opel/Vauxhall (einschließlich Chevrolet) und Nissan. Bei den Euro-6-Fahrzeugen zeigt sich ein anderes Bild: Fiat (einschließlich Alfa Romeo) und Suzuki (mit Fiat-Motoren), Renault (einschließlich Nissan, Dacia und Infiniti), Opel/Vauxhall, Hyundai und Mercedes-Benz.

Letzten Monat schon hatten französische Untersuchungen ergeben, dass eine Reihe von Dieselfahrzeugen weit mehr Abgase ausstoßen als ihre europäischen Hersteller eigentlich behaupten. Ein Drittel der 86 untersuchten Dieselwagen überschritt eindeutig europäische Stickstoffoxid-Grenzwerte, so der Bericht des unabhängigen Ausschusses. Ähnliche Ergebnisse verzeichneten auch die Tests des britischen Verkehrsministeriums.

Industrie von eigenen Fahrzeugen überzeugt

Fiat Chrysler Automobiles (FCA) betont in einer Stellungnahme, eine interne Überprüfung habe ergeben, dass die Anwendung ihres Diesel-Motors den Emissionsbestimmungen entsprächen. „Die EU-Kommission erarbeitet ein neues Testverfahren, das näher an die wirklichen Fahrbedingungen angepasst werden soll. FCA unterstützt diese Bemühungen und begrüßt die Einführung neuer Vorschriften, die für Kunden und Industrie mehr Klarheit schaffen sollen.“

Die Prüfverfahren der unterschiedlichen Regierungen hätten durchweg gezeigt, dass die getesteten Fahrzeuge zulässig seien, meint Mike Hawes, Vorstandsvorsitzender des britischen Handelsverbands Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT). „Die Unterschiede zwischen den offiziellen Labortests und der realen Welt sind allgemein bekannt. Die Industrie ist sich bewusst, dass es grundlegende Reformen geben muss.“

Auch Hyundai gibt sich selbstbewusst. Das Unternehmen halte sich an alle geltenden Standards, so der Sprecher. „Die neuen Euro-6-Fahrzeuge werden mithilfe der besten verfügbaren Technologie produziert, damit sie diesen Vorschriften entsprechen und weniger Stickstoffoxide produzieren als ihre Vorgänger. Hyundai Motor misst der Umweltverträglichkeit eine große Bedeutung bei, verpflichtet sich, die anstehenden neuen Zielwerte einzuhalten und die Umweltfreundlichkeit seiner Fahrzeuge zu verbessern.“

Renault, Opel/Vauxhall, Mercedes-Benz, Land Rover und Nissan kommentierten die Ergebnisse des aktuellen Berichts nicht.

Ab September 2017 gelten in der EU strengere Abgasvorschriften. Dieselautos, die beim Fahren mehr als das Doppelte des im Labor zulässigen Stickstoffoxid-Grenzwertes ausstoßen, dürfen dann nicht länger verkauft werden. Nächstes Jahr soll Hawes zufolge ein Abgastest unter realen Fahrbedingungen eingeführt werden. Analog werden auch die Laboruntersuchungen strenger. So wolle man den Verbrauchern versichern, dass die Hersteller in Sachen Luftreinhaltung abliefern.

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