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30/08/2016

Studie: Verbraucher werden durch Nährwertangaben auf der Verpackung in die Irre geführt

Gesundheit und Verbraucherschutz

Studie: Verbraucher werden durch Nährwertangaben auf der Verpackung in die Irre geführt

Fertigprodukte sind auch zum Frühstück sehr beliebt - doch sie enthalten häufig viel Zucker.

[ Nana B Agyei/Flickr]

Kalorien, Zucker, Fett: Verbraucher lassen sich beim Kauf von Lebensmitteln zunehmend von Nährwertangaben auf der Verpackung leiten. Doch von einigen der Angaben profitiert nicht die Gesundheit der Käufer, sondern vor allem der Absatz der Unternehmen, zeigt nun eine Studie.

Ob Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte oder Übergewicht: Die Gesundheit der Europäer hängt maßgeblich von der Ernährung ab. Sechs der sieben größten Risikofaktoren für einen vorzeitigen Tod – dazu zählen auch ein hoher Body-Mass-Index, unzureichender Obst- und Gemüseverzehr, körperliche Inaktivität und Alkoholmissbrauch – werden davon beeinflusst, was wir essen, trinken und ob wir uns ausreichend bewegen, rechnet die Europäische Kommission vor. Besondere Sorgen bereitet Gesundheitsexperten die Fettleibigkeit, die vor allem unter Kindern in der gesamten EU zugenommen hat.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat die Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucherschutz (DG SANCO) der Europäischen Kommission im März 2005 die EU-Aktionsplattform für Ernährung, körperliche Bewegung und Gesundheit (EU Platform for Action on Diet, Physical Activity and Health) ins Leben gerufen. Eine europaweit einheitliche Lebensmittel-Kennzeichnung wurde beschlossen, die ab Dezember 2016 auch die Nährwertkennzeichnung vorschreibt (Lebensmittel-Informationsverordnung oder LMIV).

Freiwillige Angaben der Hersteller sind uneinheitlich

Das hat bislang aber eine problematische Begleiterscheinung: Denn solche Angaben wirken sich zwar auf das Komsumverhalten aus – dies allerdings nicht immer mit positivem Effekt auf die Gesundheit -, zeigt eine neue Studie, die Kosumentenforscher der Georg-August-Universität Göttingen nun im Fachblatt “Journal of the Association for Consumer Research” veröffentlicht haben.

Käufer achten demnach bei der Wahl von Lebensmitteln zunehmend auf Nährwerte wie Kalorien, Zucker oder Fett, lassen sich dabei aber auch durch die angegebene Portionsgröße beeinflussen und in die Irre führen. Denn die Größe der Portion als Basis für Nährwertangaben kann der Hersteller, im Gegensatz zur vorgeschriebenen Nährwerttabelle auf der Rückseite der Packung, freiwillig auf der Vorderseite des Produkts angeben und variieren.

Die Göttinger Forscher konnten nun zeigen: Produkte, die an der Stelle kleinere Portionsgrößen verwenden – wodurch die dort angegebene Kalorienzahl geringer ist – werden verstärkt gekauft.

Bewusste Irreführung der Verbraucher

“Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass kleinere Portionsangaben die Verbraucher, die Nährwertinformationen als Richtlinie nutzen, in die Irre führen können und somit für diese Gruppe eine Gefahr in Bezug auf ihre Ernährungsgewohnheiten darstellen“, warnt Studienleiter Ossama Elshiewy. Er und seine Kollegen fanden zudem heraus, dass die kleineren Portionsangaben tendenziell eher bei ungesünderen Produkten auftreten.

Die Erkenntnisse gewannen die Wissenschaftler aus Daten von mehr als 1.500 Supermärkten in Großbritannien über einen Zeitraum von zwei Jahren. Und sie untermauern, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen – im guten Glauben, sie würden etwas für eine gesündere Ernährung tun.

“Viele Konsumenten bewerten ein Produkt offenbar ausschließlich nach der angegebenen Kalorienzahl oder anderen Nährwerten und ignorieren dabei die Vergleichsbasis pro Portion”, sagt Elshiewy. Die Wissenschaftler mahnen darum, diese Angaben dienten vor allem der verwarktung und weniger der Aufklärung.

Eine Vereinheitlichung der Angabe von Portionsgrößen sei darum dringend nötig, fordern die Forscher. “Insbesondere Kennzeichen auf freiwilliger Basis können zur bewussten Manipulation der wahrgenommenen Kalorienmenge eingesetzt werden und sollten daher nicht mit verpflichtenden Nährwertangaben verwechselt werden“, sagt Dr. Elshiewy.

Weitere Informationen

Ossama Elshiewy, Steffen Jahn, Yasemin Boztug (2016). Seduced by the Label: How the Recommended Serving Size on Nutrition Labels Affects Food Sales. Journal of the Association for Consumer Research, 1(1), 104-114.

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