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28/09/2016

Studie: Medikamente ohne Zusatznutzen werden zu oft verordnet

Gesundheit und Verbraucherschutz

Studie: Medikamente ohne Zusatznutzen werden zu oft verordnet

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© PeterFranz (CC BY 2.0)

Ärzte in Deutschland verschreiben einer Studie zufolge zu häufig Medikamente ohne einen nachgewiesenen Zusatznutzen. Über die Gründe, warum Ärzte sich häufig nicht an der wissenschaftlichen Bewertung orientieren, lässt sich scheinbar nur spekulieren.

Nicht alle neuen Medikamente, die in Deutschland auf den Markt kommen, bedeuten für die Patienten auch einen echten Fortschritt in der Therapie. Dies ergab der AMNOG-Report der DAK-Gesundheit zur Arzneimittelbewertung.

Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld hat für die DAK-Gesundheit die Wirkungen des 2011 in Kraft getretenen Arznei-Gesetzes AMNOG untersucht. Nach dem Gesetz müssen neue Arzneimittel wissenschaftlich auf ihren Nutzen überprüft werden. Seit 2011 werden Arzneien direkt nach ihrer Marktzulassung vom Gemeinsamen Bundesausschuss von Kassen, Ärzten und Kliniken auf ihren Mehrwert überprüft. Der Hersteller muss dazu ein Dossier vorlegen, der Ausschuss wiederum kann dafür wissenschaftliche Expertise in Anspruch nehmen. Wird ein Zusatznutzen im Vergleich zu einer herkömmlichen Therapie nicht nachgewiesen, wird ein Festbetrag festgelegt. Ist ein Mehrwert erwiesen, handeln Kassen und Hersteller einen Preis aus.

Mit dem AMNOG wurden auch europa?ische Medikamentenpreise als ein Kriterium fu?r die Preisverhandlung in Deutschland eingefu?hrt. In einer Rahmenvereinbarung wird unter anderem eine Auswahl an La?ndern definiert, deren Preise fu?r den Vergleich mit deutschen Preisen herangezogen werden sollen.

Vier Jahre nach der Neuordnung des Arzneimittelmarktes zeigen sich laut Studie nun Ungereimtheiten. Das wichtigste Ziel der Reform war, dass Medikamente ohne Zusatznutzen deutlich weniger verordnet werden. Ein überraschendes Ergebnis des DAK-AMNOG-Reports ist jedoch: Auch wenn Arzneimitteln kein therapeutischer Fortschritt bescheinigt wird, werden sie häufig verordnet. So haben Wirkstoffe ohne Zusatznutzen innerhalb des ersten Jahres nach Veröffentlichung des Prüfergebnisses beachtliche Verordnungszahlen und -zuwächse erreicht.

Als ein Beispiel dafür wird in der Studie Fampyra angeführt, ein Medikament gegen Multiple Sklerose. Der Umsatz dieses Mittels verzehnfachte sich in den beiden Jahren nach der Prüfung, obwohl kein Zusatznutzen festgestellt wurde. „Die kritische wissenschaftliche Bewertung der Präparate würde ein anderes Verordnungsverhalten der Ärzte erwarten lassen“, sagt Herbert Rebscher, Chef der DAK-Gesundheit. „Über die Gründe, warum Ärzte sich häufig nicht an der wissenschaftlichen Bewertung orientieren, lässt sich nur spekulieren: Möglicherweise spielen hier Informationsmängel eine Rolle.“

Insgesamt gutes Zeugnis

Rebscher stellte dem Gesetz insgesamt aber ein gutes Zeugnis aus: „Insgesamt erweist sich das AMNOG als sozialpolitisch erfolgreich und sinnvoll, weil die wissenschaftliche Bewertung von neuen Arzneimitteln die Spreu vom Weizen trennt. So können wir die Beiträge unserer Versicherten für echten Mehrwert ausgeben und nicht für Scheininnovationen.“

„Das AMNOG hat zu einem grundlegenden Umdenken im deutschen Gesundheitswesen beigetragen, da mit ihm eine gute Evidenzbasierung einen direkten Einfluss auf die Erstattungshöhe hat“, resümiert Greiner. „Allerdings sollte sich das System methodisch weiterentwickeln und zukünftig auch Kosten-Nutzen-Analysen einbeziehen. Verschiedene Bewertungsverfahren haben dafür inzwischen Ansatzpunkte gezeigt.“

Am Beispiel des Diabetes-Mittels Vildagliptin zeigt der AMNOG-Report, wie schnell und in welche Alternativtherapien eine Umstellung der Patienten erfolgte. Zwei Drittel der mit Vildagliptin bis zur Marktrücknahme versorgten DAK-Versicherten wurden von ihrem Arzt direkt innerhalb des darauf folgenden Quartals auf andere Therapien umgestellt. Knapp zwölf Prozent wurden auf vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zuvor festgelegte Vergleichstherapien umgestellt. 44 Prozent erhielten ähnliche Gliptine und ein kleiner Prozentsatz wurde auf eine neue Wirkstoffklasse umgestellt. Fazit: Ein vom Markt genommener Wirkstoff lässt sich bisher weitgehend schnell und problemlos durch andere Arzneimittel ersetzen.

Innovationsbremse?

Auch Befürchtungen, dass das AMNOG eine Innovationsbremse ist, haben sich nicht bewahrheitet. Die Pharmaindustrie kann neue Medikamente ein Jahr lang ohne Nutzenprüfung zu freien Preisen auf den Markt bringen. „Allerdings muss verhindert werden, dass durch völlig überhöhte Einstiegspreise die Finanzierungsfähigkeit des Solidarsystems gefährdet wird“, betont Rebscher. „Wir plädieren dafür, dass der ausgehandelte Preis rückwirkend für das erste Jahr des Markteintritts gilt.“

Greiner ergänzt: „Wenn ein neues Arzneimittel Krankenhausaufenthalte reduziert oder langwierige Nachbehandlungen überflüssig macht, sollte nach den bisherigen Erfahrungen aus den Bewertungsverfahren auch dies im Rahmen der Ermittlung eines Erstattungsbetrages berücksichtigt werden.“ Gegengerechnet werden müssten allerdings Kosten von Nebenwirkungen oder Komplikationen, die mit dem Einsatz neuer Präparate verbunden sind, so Greiner.

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