Steigende Ausgaben im Gesundheitswesen: Kosten-Nutzen-Analyse wird immer wichtiger

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in der EU. [Henriette Jacobsen]

This article is part of our special report Herz-Kreislauf-Gesundheit.

SPECIAL REPORT / Wegen des permanenten Haushaltsdrucks müssen Gesundheitsdienstleister täglich schwierige Entscheidungen darüber treffen, wo sie Einsparungen vornehmen. Experten zufolge wird die Kosten-Nutzen-Analyse Teil des Standards für die politischen Entscheider im Bereich Gesundheit, um so für das bestmögliche Ergebnis zu sorgen.

Die Ausgaben für die Gesundheitsversorgung springen nach Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) voraussichtlich von durchschnittlich 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2005 auf 9,6 Prozent des BIP 2050. Die Hauptursachen für diesen Anstieg sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die alternde Bevölkerung.

Die Schuldenkrise bedeutet zusätzlichen Druck. Viele europäische Länder – vor allem Griechenland – sind gezwungen, ihre öffentlichen Gesundheitsausgaben drastisch zu kürzen. Denn nur so können sie ihr Staatsdefizit eindämmen.

Die Gesundheitsökonomie und die Kosten-Nutzen-Analyse stehen deshalb ganz besonders im Fokus der politischen Entscheider.

Robert Califf stellte die Spezifitäten der Gesundheitsökonomie beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in London heraus. Er ist stellvertretender Kommissar für medizinische Produkte bei der US-Lebensmittel- und Medikamentenbehörde (FDA).

Ärzte und Patienten seien nicht sehr kostenbewusst, so Califf. Denn normalerweise würden sie das Geld anderer Leute – ob durch Versicherungsgesellschaften oder Steuerzahler – ausgeben. Gesundheitsdienstleister hingegen müssten immer die Kosten und die Vorteile neuer Behandlungsmethoden und Medikamente abwägen.

Ein wichtiger Aspekt ist demnach, wie sie im Vergleich zu Alternativen abschneiden.

„Die wichtigste Datensammlung bei einer Kostenanalyse sind die klinischen Ergebnisse der vorgeschlagenen neuen Behandlung im Vergleich zur alten Behandlung“, sagte Califf, ein anerkannter Experte im Bereich kardiovaskuläre Medizin. Bevor er sich der FDA anschloss, war er Professor und klinischer Forscher an der Duke University.

Kostenwirksamkeitsanalysen sind dazu da, den wirtschaftlichen Nutzen alternativer Eingriffe herauszustellen. Manchmal beruhen sie auf einer einzigen Einheit, beispielsweise zusätzliche Lebensjahre für den Patienten. Auch die Todesfälle und Herzanfälle, die dadurch vermieden werden, sind ein Parameter. Die Effizienz kann man dann an den Kosten pro Einheit messen.

Rabatte und Lieferketten

Doch Kosten-Nutzen-Analysen müssen auch andere Faktoren berücksichtigen. Darunter fallen Rabatte, die Pharmaunternehmen für einige ihrer Medikamente anbieten könnten.

Rabatte könnten eine Analyse zur Kosteneffizienz „durcheinanderbringen“, so Califf. Denn sie können an andere Medikamente oder Produkte des gleichen Herstellers gebunden sein. So könnten einige Medikamente billiger sein als es zunächst den Anschein hat, weil sie Teil eines Rabattprogramms sind.

Auch die Globalisierung der Lieferketten muss berücksichtigt werden. Wenn eine Produktionsanlage Qualitätseinbußen hat, kann das die Lieferungen in andere Teile der Welt beeinträchtigen und „den Zugang zu Behandlungen gänzlich abschneiden“.

„Das verändert das Bild von Kosteneffizienz“, sagte Califf. Durch die Nutzung des Supply-Chain-Managements könnten die Wege stark eingeschränkt werden.

Es geht nicht nur um Geld

Management-Programme für Herzinsuffizienz seien im Hinblick auf ein Gleichgewicht zwischen Kosten und Ergebnissen besonders zeitgemäß, sagte Simon Stewart, Leiter des Mary MacKillop-Instituts für Gesundheitsforschung in Melbourne. Die Gesundheitsdienstleister müssten aber auch auf den Zugang und die Qualität achten.

„Ein Management-Programm für Herzinsuffizienz, das so wichtig für den Patienten und seine Lebensqualität ist, wird oft darauf runtergebrochen, dass es nur um Geld geht“, so Stewart.

Die Prävention werde beim Thema Kosteneffizienz auch nicht genug hervorgehoben, sagte William Weintraub, Kardiologe aus den USA. „Nirgendwo auf der Welt wird ausgegeben, was wir für Prävention ausgeben sollten“, so Weintraub.

Ein Teil des Problems sei der lange Zeitraum, der für die Sammlung von Daten über die Effizienz von Präventionskampagnen benötigt würde. Dadurch sei es schwieriger, „den Wert dessen, was wir sparen“ zu bemessen.

Ein Beispiel sei die Familiäre Hypercholesterinämie (FH), eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, die von Generation zu Generation vererbt wird. „Wenn wir Vorsorgeprogramme für FH haben, die es uns ermöglichen, die Lebenserwartung für jemanden mit der Krankheit von 30-40 Jahren auf 85 Jahre zu verlängern, fügen wir eine immense Anzahl produktiver Jahre hinzu“, so der Kardiologe.

„Wir müssen das irgendwie in die Gleichung zur Kosteneffizienz aufnehmen und wir machen es nicht wirklich.“

Hintergrund

Der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) ist die größte und wichtigste Veranstaltung im Forschungsbereich Kardiologie. Dabei werden die neuesten Entwicklungen in der Forschung präsentiert und diskutiert.

Der diesjährige Kongress in London befasste sich mit der Verbesserung der Patientenversorgung. Die Forscher gaben erhebliche Fortschritte bei der Prävention, Diagnose und der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt.

Mehr als 500 Tagungen und über 4.600 abstrakte Präsentationen wurden dabei abgehalten.

Zeitstrahl

  • 29. September: EURACTIV Institute-Stakeholderdebatte im Europaparlament: "Cholesterol at the heart of the family."