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04/12/2016

Steigende Arzneimittelkosten belasten Gesundheitssysteme

Gesundheit und Verbraucherschutz

Steigende Arzneimittelkosten belasten Gesundheitssysteme

Arzneimittelpreise hängen oftmals vom Forschungsaufwand ab und können exorbitante Höhen erreichen.

[Yu Morita/Flickr]

Frankreich verlangt von den G7, gegen inflationäre Medikamentenpreise vorzugehen. Die machen den sozialen Sicherungssystemen weltweit schwer zu schaffen. EurActiv Frankreich berichtet.

Hohe Arzneimittelkosten stellen eine große Belastung für die Gesundheitssysteme vieler entwickelter Länder dar. Die Lage verschärft sich zunehmend. Daher fordert nun der französische Präsident François Hollande in einem Leitartikel der Medizinfachzeitschrift The Lancet die weltweit führenden Politiker zum Handeln auf. Dabei verweist er auf den exponentiellen Anstieg der Arzneimittelpreise in den letzten Jahren – vor allem für neue Behandlungmittel gegen Krebs oder Hepatitis C. Frankreich habe die Initiative ergriffen, die G7 dahingehend zu mobilisieren (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada). Die Gesundheitsminister der sieben reichsten Länder der Welt werden sich bei ihrem nächsten Treffen damit beschäftigen, wie man die Koordination zwischen den Regulierungsbehörden, der Pharmaindustrie und den Patienten verbessern kann.

Zugang zu neuen Medikamenten

„Dieser politische Schwung hängt mit den Risiken zusammen, die hohe Arzneimittelpreise für die Gesundheitssysteme entwickelter Staaten mitsichbringen. Das gilt vor allem für Medikamente gegen Krebs und Hepatitis C“, erklärt Bruno Rivalan von der NGO Global Health Advocates. Doch bei dem Vorstoß gegen hohe Medizinpreise könnte ein noch viel wichtigerer Aspekt außen vor gelassen werden: einen besseren Zugang zu Medikamenten in Ländern mit niedrigem Einkommen zu schaffen. „Die Frage ist doch, ob die französische Idee nur darin besteht, die Behandlungskosten in Industrieländern zu senken, oder ob man tatsächlich nach einem globalen Modell sucht, das die Verbindung zwischen Forschungs- und Arzneimittelkosten kappt“, so Rivalan.

Diesem Thema widmet sich inzwischen auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Im November 2015 richtete er eine hochrangige Gruppe für den Zugang zu Medikamenten ein. In den kommenden Monaten wird diese ihre Vorschläge vorlegen.

Die Maßnahmen zur Senkung von Medikamentenpreisen unterscheiden sich je nach Entwicklungsstatus eines Landes. Die ärmsten Staaten erhalten ihre Arzneimittel von zentralen Käufern wie UNITAID oder aber sie finanzieren sie über internationale Zuschüsse. In einigen Fällen verkürzen Laboratorien auch ihre Patentlaufzeiten, um die Herstellung kostengünstiger Generikapräparate zu ermöglichen – so zum Beispiel die Forschungseinheit von GlaxoSmithKline (GSK).

Die Ersten, die die steigenden Medizinkosten zu spüren bekommen, sind Staaten mit mittlerem Einkommen. „Wenn sie auf einmal keine internationalen Hilfen mehr bekommen, müssen Länder wie Marokko, Indonesien und Gabun ihre Medikamente zu Marktpreisen erstehen“, betont Rivalan. „Folglich sind die ärmsten Länder am wenigsten gegen steigende Behandlungskosten gewappnet.“

Ohne Solidaritätsnachlässe können Arzneimittel also erstaunlich teuer werden – manchmal sogar teurer als in Ländern mit hohem Einkommen. „Wir brauchen Transparenz bei den Kauftarifen. Wenn Marokko weiß, dass es mehr für den HPV-Impfstoff zahlt als Frankreich, wird es ganz anders in die Preisverhandlungen gehen“, so Rivalan.

Vorbild Lateinamerika

Lateinamerikanische Staaten setzten sich seit Kurzem zusammen dafür ein, die meisten Medikamente zu erschwinglichen Preisen anbieten zu können. Die Gesundheitsminister aus den zwölf Ländern der Union südamerikanischer Staaten (USAN) einigten sich 2015 darauf, als Block mit den Laboren der Pharmaindustrie zu verhandeln, um so die Preise teurer Arzneimittel zu senken. Der uruguayischen Regierung zufolge will man im Mai 2016 mit den gemeinsamen Gesprächen beginnen. Dabei wird es ein Gremium geben, dass sich speziell auf die Preisverhandlungen von Krebsmedikamenten konzentriert. „Diese länderübergreifende Organisation Lateinamerikas ist eine sehr gute Neuigkeit“, schwärmt der uruguayische Gesundheitsminister Jorge Basso.