Spielsuchtprävention in NRW – Politisches Pflichtprogramm oder ernst gemeinte Schutzkampagne

Einnahmen aus dem staatlichen Glücksspiel - Gutes tun mit nicht so gutem Geld, so steht es in so ziemlich jedem Wahlprogramm. [Markus Ortner/Flickr]

Es ist ein bekanntes jedoch nicht minder großes moralisches Dilemma: Der Staat nimmt jährlich Milliarden Euro Steuern aus den staatlich-konzessionierten Casinos ein. Zwar spricht niemand gerne darüber, aber Bund und Länder verdienen gerade an den Problemspielern und Spielsüchtigen, die Millionen einspielen, weil sie die Kontrolle über ihr Spielverhalten verloren haben.

Diesem Dilemma versucht die Politik durch verschiedene Strategien zu entgehen. Einerseits werden mit den Einnahmen aus dem staatlichen Glücksspiel Verbände und Vereine aus dem sozialen Bereich, dem Sport oder der Kultur querfinanziert. Gutes tun also mit nicht so gutem Geld, so steht es in so ziemlich jedem Wahlprogramm.

Auch eine Strategie sind Spielerschutzkampagnen, zu denen Bund und Länder sich verpflichten. Ein aktuelles Beispiel ist das Land Nordrhein-Westfalen, in dem gerade Landtagswahl war und das zudem Heimat des großen Spielbankbetreibers WestSpiel ist.

Land ist verpflichtet, Glücksspielsucht zu bekämpfen

In §8 des Glücksspielstaatsvertrages für NRW heißt es zum Thema Suchthilfe und Suchtprävention: “Das Land beteiligt sich an der Finanzierung von Beratungsstellen zur Vermeidung und Bekämpfung der Glücksspielsucht und zur fachlichen Beratung und Unterstützung der Glücksspielaufsicht.”

Eine Schutzkampagne ist für die Länder NRW und Bremen gerade gestartet. Die staatlich-konzessionierten Casinos des Unternehmens WestSpiel haben einen Tag nach der Landtagswahl in NRW eine neue Spielerschutzkampagne unter dem Motto: “Mach’s bewusst” eingeführt. An den sechs Standorten Duisburg, Aachen, Hohensyburg, Bad Oeynhausen sowie in Bremen und Bremerhaven will die WestSpiel-Gruppe zum verantwortungsvollen Umgang mit Glücksspielen aufrufen. Dabei setzt sie auf Flyer, Poster, eine Facebookkampagne und eine Internetseite.

Für die Kampagne verantwortlich ist Maren Kempken von WestSpiel, die sagt, ihr Unternehmen “schärft das Bewusstsein im Umgang mit Glücksspielen, denn die Risiken müssen klar angesprochen werden.“

Neue Kampagne: “Mach’s bewusst”

Die Flyer setzen auf Casino-Szenen wie der Roulette-Scheibe oder dem Pokerspiel und markigen Sprüchen wie “Vernunft ist Trumpf!”, “Kein Ass mehr im Ärmel?” oder “Karten auf den Tisch”. Kempken erklärt, dass jeder potentiell ein problematisches Spielverhalten entwickeln könne: “Wir fokussieren uns mit den sozialen Medien auf die Risikogruppe der jungen Erwachsenen.“

Auf der Kampagnenwebsite gibt sich das Unternehmen verantwortungsbewusst: “Wir wissen, dass unsere Produkte Risiken beinhalten. Genau aus diesem Grund sind sie ausschließlich für Erwachsene! Dennoch: Glücksspielsucht kann jeden treffen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Status. Besonders gefährdet, ein problematisches Glücksspielverhalten zu entwickeln, sind laut aktuellen wissenschaftlichen Studien junge Erwachsene.”

Diese zu schützen, sei besondere Verantwortung. Auf der “Mach’s bewusst”-Website, die in deutscher, englischer und türkischer Sprache abrufbar ist, wird auch auf die Hotline der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW verwiesen, bei der man sich jederzeit Hilfe erbitten könne.

In NRW gibt es zwar eine Spielersperre, die gefährdete Spieler oder deren Freunde und Verwandte beantragen können, die gilt jedoch nur für Spielbanken wie die der WestSpiel-Unternehmensgruppe. Davon ausgenommen sind Automaten in Kneipen oder Spielhallen, die Experten für das größere Problem halten.

WestSpiel ist mit 20 Prozent Marktanteil nach eigenen Angaben Deutschlands größter Spielbankbetreiber. Eigentümer ist das Land Nordrhein-Westfalen über die NRW-Bank. Das Gesetz verpflichtet WestSpiel dazu, Spieler- und Jugendschutz zu gewährleisten sowie den Verbraucherschutz einzuhalten. Zunächst einmal hat das Land NRW mit derartigen Kampagnen also seine Pflicht erfüllt. Ob die Kampagnen auch Wirkung zeigen ist zweitrangig.

SPD will spielformübergreifende Sperre

Was für den Spielerschutz getan wird, wird auch von der neuen Landesregierung abhängen. Im Wahlkampf war weder der SPD noch der CDU das Thema Spielsuchtprävention wichtig. Im SPD-Wahlprogramm, dem NRW-Plan, heißt es immerhin, man wolle sich für eine spielformübergreifende Sperrdatei einsetzen:

“Auf dem Gebiet des Glücksspiels fühlen wir uns im besonderen Maße der Suchtprävention, dem Jugendschutz sowie der Kriminalitätsbekämpfung verpflichtet. Zu verantwortungsvollem Glücksspiel gehört für uns auch die Einführung einer zentralen staatlichen und spielformübergreifenden Sperrdatei im Sinne des Spielerschutzes.” Fragt sich nur, wieso die SPD unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft diese Sperrdatei nicht eingeführt hat, so lange sie Regierungspartei war.

CDU-Position zur Suchtprävention unklar

Bei der CDU steht lediglich, man werde weiterhin Vereine aus Kultur, Bildung und Sport mit den Einnahmen aus dem Glücksspiel finanzieren. Kein Wort zur Suchtprävention.

Bei der FDP ist das Thema Spielsuchtprävention gar nicht vorgesehen.

Welche Entwicklungen es also in der Suchtprävention im größten deutschen Bundesland geben wird – einem Land mit etwa 40.000 Spielsüchtigen und ebenso vielen gefährdeten Spielern (die Zahl stammt von der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht) – wird maßgeblich davon abhängen, welche Koalition sich in den nächsten Wochen zur Landesregierung zusammenfindet.