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26/07/2016

Pflanzenschutzmittel Glyphosat: Bundesländer fordern EU-Verbot von mutmaßlichem Krebserreger

Gesundheit und Verbraucherschutz

Pflanzenschutzmittel Glyphosat: Bundesländer fordern EU-Verbot von mutmaßlichem Krebserreger

Will ein EU-weites Verbot von Glyphosat: Niedersachsens Verbraucherschutzminister Christian Meyer im Gespräch mit Umweltschützern.

[Campact/Flickr]

Die Verbraucherschutzminister der Länder fordern ein EU-weites Verbot des weltweit führenden Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Die WHO stuft den Unkrautvernichter, der besonders bei deutschen Kleingärtnern beliebt ist, als krebserregend ein. Die Bundesregierung sieht bislang jedoch keinen Handlungsbedarf.

Es ist das am meisten eingesetzte Pflanzenschutzmittel in Deutschland und weltweit: Jetzt fordern die Verbraucherschutzminister der Bundesländer das EU-weite Verbot von Glyphosat. Vorausgegangen ist eine Neubewertung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dessen Krebsforscher stufen Glyphosat als “wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen” ein.

In einem Beschluss vom vergangenen Freitag (9. Mai) fordern die Länder-Minister, “aus Vorsorgegründen die Abgabe an und die Anwendung durch Privatpersonen zu verbieten”. Außerdem soll Glyphosat bei verbrauchernahen Anwendungen verboten werden. “In Gärten, Parks und auf Kinderspielplätzen hat das Pestizid nichts zu suchen, auch in der Hobbygärtnerei halte ich die Anwendung für nicht angebracht”, erklärt der niedersächsische Vebraucherschutzminister Christian Meyer. Er hat derzeit den Vorsitz der Verbraucherschutzministerkonferenz inne.

Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Pflanzenschutzmittel. Es kommt in der Landwirtschaft, insbesondere im Obst- und Getreideanbau zum Einsatz, aber auch in Kleingärten. Der Agro-Konzern Monsanto vertreibt Glyphosat über das Produkt “Roundup”. Der Marktanteil dieses Herbizids könnte in Zukunft noch weiter steigen – sollte der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in einigen EU-Staaten zugelassen werden. Gentechnisch veränderte Pflanzen wie Mais besitzen größenteils eine Resistenz gegen Glyphosat. Dadurch können die Herbizide auf den Feldern ausgebracht werden, um Unkraut und andere Pflanzen zu vernichten, ohne dabei jedoch die Nutzpflanzen zu schädigen.

EU-Zulassungsverfahren in heißer Phase

Der Beschluss der Länderminister fällt in eine kritischen Phase: Die EU-Zulassung für Glyphosat läuft Ende 2015 aus. Die EU-Kommission führt derzeit ein Verfahren zur Neuzulassung durch, wozu auch eine Risikobewertung gehört. Deutschland ist dabei der federführende Mitgliedstaat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bescheinigte dem Herbizid vergangenen Sommer bei einer Expertenanhörung allerdings eine relativ geringe Toxizität.

Der Vertreter der Bundesregierung, der Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Robert Kloos, bremste die Erwartungen, dass das Verbot schnell komme. “Für ein Verbot fehlt uns im Moment noch die Rechtsgrundlage.” Man müsse das Zulassungsverfahren der EU vorerst abwarten.

BfR kann WHO-Befunde nicht nachvollziehen

Dem BfR erscheint das WHO-Papier “auf Basis der vorliegenden Informationen wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar und offenbar nur mit wenigen Studien belegt”. Vorerst gebe es keinen Grund, seine Einschätzung zu ändern, dass das Breitbandherbizid Glyphosat nicht krebserzeugend ist, schreibt das BfR in seiner Rekation. Das Krebsrisiko werde von den WHO-Forschern aus drei epidemiologischen Studien aus den USA, Kanada und Schweden abgeleitet. Allerdings ließen sie eine große Anzahl von anderen Studien außer Acht, die ein erhöhtes Krebsrisiko klar verneinen.

“Dass verschiedene Gremien aufgrund unterschiedlicher Informationen und Einschätzungen von experimentellen Daten Sachverhalte unterschiedlich bewerten, gehört zum Alltag in der Risikobewertung”, erläuterte das BfR. Deshalb werde man die WHO-Studie gründlich prüfen.

Der Grüne Landwirtschaftsminister Meyer sieht die Politik in der Pflicht, die Gesundheit der Menschen zu schützen. Sein Parteikollege im Bundestag, Harald Ebner, bezeichnet die Neubewertung von Glyphosat durch die WHO als alarmierend und verlangte umgehend Konsequenzen.

Der Entscheidung der Länderminister ist ein Bürgerprotest vorausgegangen. Am Donnerstag hatten rund 80 Umweltschützer gegen den Einsatz von Glyphosat demonstriert. Sie übergaben Landwirtschaftsminister Meyer über 200.000 gesammelten Unterschriften mit der Aufforderung, das sofortige Verbot im gewerblichen und privaten Gebrauch zu verbieten.