EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

26/09/2016

Patienten leiden EU-weit unter Medikamenten-Mangel

Gesundheit und Verbraucherschutz

Patienten leiden EU-weit unter Medikamenten-Mangel

Die Medikamentenknappheit ist ein EU-weites Problem. Foto: Sergey Kukota (CC BY-NC-SA 2.0)

Der Europäische Verband der Krankenhausapotheker (EAHP) veröffentlichte am Montag einen neuen Bericht zur Medikamenten-Knappheit in den europäischen Gesundheitssystemen. Demnach haben 86 Prozent aller Krankenhausapotheker in der EU Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Medizinprodukten. EurActiv Brüssel berichtet.

In seinem Bericht befragte der Europäische Verband der Krankenhausapotheker (EAHP) 600 Krankenhausapotheker in 36 europäischen Ländern. Die Ergebnisse zeichnen ein düsteres Bild: Eine drastische Medikamenten-Knappheit beeinträchtigt die Patientenbehandlung in ganz Europa.  

Drei Viertel der befragten Krankenhausapotheker stimmten folgender Aussage entweder zu oder sogar uneingeschränkt zu: „Die Medikamenten-Knappheit in meinem Krankenhaus hat negative Auswirkungen auf die Patientenversorgung“.

66 Prozent betrachten die Medikamenten-Knappheit als täglich oder wöchentlich auftretendes Problem. Die am meisten betroffenen Bereiche sind Medikamente gegen Infektionen, Krebsmedikamente und Anästhetika.

Zu den negativen Folgen für Patienten gehört laut EAHP-Bericht die verzögerte oder unterbrochene Chemotherapie. Dadurch werden sie unnötigen Nebenwirkungen ausgesetzt. Der Medikamentenengpass bedeutet auch ein erhöhtes Risiko für eine Clostridium difficile-Infektion, also einer Erkrankung durch Krankenhauskeime, sowie eine Verschlechterung des Patientenzustands.  

„Zwei Dinge erschüttern mich über das Problem des Medikamentenmangels in Europa: sein Ausmaß und die bekannten Auswirkungen, die er auf die Patientensicherheit und das Wohlergehen hat“, sagte EAHP-Präsident Roberto Frontini bei der Veröffentlichung im Brüsseler Presseklub. „Dieses Problem wird schon zu lange unter den Teppich gekehrt. Es ist Zeit für diejenigen mit der Verantwortung, die europäischen Bürger vor grenzüberschreitenden Gesundheitsbedrohungen zu schützen, das Problem anzusprechen.“

François Houÿez, von Rare Diseases Europe, forderte Berechnungen über die gesellschaftlichen Kosten der Medikamenten-Knappheit. Manchmal habe ein Mitgliedsstaat die letzte Lieferung eines Medikaments, ohne das den anderen Mitgliedsstaaten mitzuteilen. Die Mitgliedsstaaten wüssten auch nicht, welchen Medikamentenbedarf es in anderen Ländern gebe, sagte Houÿez.

„Wir denken, es sollte eine bessere Koordinierung geben. Es sollte ein System geben, das auswertet, welche Menge eines bestimmten Produktes zur Verfügung steht und eine Lieferkette, damit den Bedürfnissen der Patienten Genüge getan wird.“

Die EU brauche ein verbessertes System zur Aufzeichnung von Informationen über das Problem, sagte auch Frontini. Das könnte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) in Angriff nehmen.  Die EMA könnte eine Datenbank für Medikamente, die in Europa knapp sind, entwickeln. In den USA gibt es eine solche Datenbank bereits.

Man brauche Kriterien für die gerechte Verteilung im Falle einer Knappheit, forderte Frontini. Diese Verteilung müsse auf den Bedürfnissen der Patienten beruhen und nicht auf wirtschaftlichen Interessen. Der EAHP-Präsident forderte die EU-Kommission auf, die Verantwortung bei der Untersuchung und der Lösung des Problems zu übernehmen.