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28/07/2016

Paracetamol kann Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen drastisch erhöhen

Gesundheit und Verbraucherschutz

Paracetamol kann Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen drastisch erhöhen

Paracetamol ist weltweit das am häufigsten verwendete Schmerzmittel. Foto: . [Katy Warner/Wikipedia]

Paracetamol ist das weltweit am häufigsten verwendete Schmerzmittel. Eine britische Studie zeigt jetzt, dass anhaltender Gebrauch sehr gefährliche Nebenwirkungen haben kann. EurActiv Frankreich berichtet.

Das allgegenwärtige Paracetamol ist einer Studie eines britischen Forschungsteams um Philip Conaghan zufolge bei weitem nicht so harmlos wie angenommen. Die medizinische Gemeinschaft habe die Risiken der Paracetamol-Einnahme über einen längeren Zeitraum unterschätzt, so die Forscher. Ihre Arbeit wurde im britischen Fachmagazin Annals of the Rheumatic Diseases veröffentlicht

Mit oder ohne Verschreibung ist Paracetamol das am häufigsten verwendete und am weitesten verbreitete Schmerzmittel der Welt. Alleine in Frankreich wurden 2012 beinahe 500 Millionen Packungen verkauft.

“Ein pharmazeutisches Produkt hat immer Nebenwirkungen”, sagt Michèle Rivasi, eine französische Europaabgeordnete und Mitglied des Ausschusses für öffentliche Gesundheit. “Deshalb sind Medikamente Gegenstand spezieller Regulierung und werden vom Gesetz nicht als Verbraucherprodukte betrachtet. Wir sollten nicht annehmen, dass ein Produkt harmlos ist, weil es häufig genutzt wird. Ein Extrembeispiel dafür ist Tabak: Ein weit verbreitetes, aber sehr gefährliches Produkt.”

Herz- und Nierenschäden

Die Forscher untersuchten die mit einem erhöhten Paracetamol-Verbrauch zusammenhängenden Risiken. Dabei stellten sie fest, dass ein langfristiger Verbrauch hoher Dosierungen des Medikaments sehr schlecht für die Gesundheit der Patienten sein kann.

Für ihre Arbeit verglichen die Forscher acht bereits existierende Studien. Sie zeigen, dass ein überhöhter Paracetamol-Verbrauch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stark erhöhen kann. So steigt das Risiko für Herzanfälle und Schlaganfälle um 20 Prozent.

Die Wahrscheinlichkeit, Nierenprobleme zu entwickeln, erhöht sich demnach um das Doppelte.

Rivasi sagt: “Die individuellen Angaben des Patienten sind der Schlüssel. Wer weiß, dass jemand mit über 50 Kilogramm Gewicht niemals die Dosis von vier Gramm Paracetamol pro Tag überschreiten sollte?“ Die Verfügbarkeit klinischer Informationen für die Zulassung des Produkts sollte transparenter sein. “Wenn wir uns die Informationen auf einer in Frankreich verkauften Packung Doliprane oder Efferalgan anschauen, wird auf keiner das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung erwähnt, das mit der britischen Studie offengelegt wurde.”

Verkauf über den Ladentisch oder regulierter Verkauf?

Der Grünen-Europaabgeordneten zufolge “ist es notwendig, dass die Kommission den Mitgliedsstaaten davon abrät, die Medikamente über den Ladentisch zu verkaufen”.

Schweden erlaubte 2009 den Verkauf von Paracetamol in Supermärkten. Denn dort es gibt nur wenige Apotheken – auf 100.000 Einwohner kommen weniger als zwölf Apotheken. Die schwedische Regierung erlaubte vor fünf Jahren den Verkauf von Paracetamol durch Tabakwarenhändler, Tankstellen und andere Läden. Die Entscheidung wurde allerdings bereits wieder zurückgenommen.

Denn nach Angaben des International Journal of Medicine hat sich seit dem Ende des Apotheken-Monopols die Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund einer Überdosis Paracetamol mehr als verdoppelt. Auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen durch Paracetamol-Vergiftung stieg in Schweden sehr stark an. Das veranlasste die schwedische Regierung im Oktober, den Verkauf aller Medikamente wieder auf Apotheken zu beschränken. Eine Überdosis Paracetamol kann plötzliches Nierenversagen verursachen. Im Vereinigten Königreich ist es auch ein gebräuchliches Mittel für Suizidversuche.

Die französische Politik bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Der Verkauf von Paracetamol in den Supermärkten des Landes könnte bald erlaubt werden. Dazu führte Ipsos im Auftrag der Supermarktkette E.Leclerc eine Umfrage durch. 54 Prozent der Befragten gaben dabei an, sie würden nichtverschreibungspflichtige Medikamente nicht nur in Apotheken kaufen. Doch die Diskussion ist noch nicht vorbei. Die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine ist beispielsweise für eine Beibehaltung des Apothekenmonopols bei Medikamentenverkäufen. 

Hintergrund

Der Zugang zu Medikamenten ist von Mitgliedsstaat zu Mitgliedsstaat unterschiedlich geregelt. In Frankreich müssen alle Medikamente, ob verschreibungspflichtig oder nicht, in einer Apotheke gekauft werden. In anderen Ländern wie dem Vereinigten Königreich können nichtverschreibungspflichtige Medikamente in Supermärkten verkauft werden. Patienten können Medikamente also ohne Beratung ihres Apothekers kaufen. Die schwedische Regierung legalisierte 2009 den Verkauf von Medikamenten in Supermärkten. Nach einem starken Anstieg der Vergiftungen mit Paracetamol nahm sie diese Entscheidung im Oktober 2014 wieder zurück.