Neue Medikamente gegen „problematisches“ Cholesterin

Vortrag beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in London. [Henriette Jacobsen]

This article is part of our special report Herz-Kreislauf-Gesundheit.

SPECIAL REPORT / Neue Cholesterin-Senker sollen bald auf den europäischen Markt kommen: Sie sollen das „böse“ Cholesterin weitaus stärker senken als die bisherigen Medikamente. Forscher sprechen von einem Meilenstein bei der Bekämpfung von Herzkrankheiten.

Die europäischen Behörden gaben einem neuen Medikament zur Cholesterinsenkung von Sanofi und Regeneron Pharmaceuticals im Februar grünes Licht, zwei Monate nach einem Konkurrenzprodukt von Amgen.

Ihre Experten hätten Praluent für Patienten empfohlen, die ihr Cholesterin trotz der Einnahme konventioneller Statine nicht kontrollieren können oder für Patienten, die Statine nicht nehmen können, erklärt die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA).

Diese Entwicklung sei ein Meilenstein im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sagten Forscher in der vergangenen Woche beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in London.

Bei der Konferenz stand die direkte Verbindung von schlechtem Cholesterin – auch als LDL-Cholesterin bekannt – mit dem Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis im Vordergrund.

„Ich denke, es ist sehr klar geworden, wenn es um LDL-Cholesterin und das Risiko für zukünftige kardiovaskuläre Ereignisse geht, ist niedriger besser“, sagte Peter Toth, Allgemeinmediziner aus den USA. „Wir sehen immer mehr Daten, die diese Schlussfolgerung stützen – je größer die Reduzierung des LDL-Cholesterins ist, desto größer ist die Risikominderung.“

Risiko für Herzkrankheiten verringern

Insbesondere für Diabetiker ist es wichtig, gesunde Cholesterinwerte beizubehalten. Durch die Senkung der LDL-Cholesterinwerte verringern sie das Risiko einer Herzkrankheit und eines Schlaganfalls.

Seit einigen Jahren gelten folgende Leitlinien für LDL-Cholesterin: Weniger als 100 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) für Patienten mit hohem Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis und weniger als 70 mg/dl für Patienten mit sehr hohem Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis.

Die neuesten Medikamente werden Toth zufolge in der Lage sein, das LDL-Cholesterin für Hochrisikopatienten auf 50 mg/dl zu senken.

Eine intensive Senkung des LDL-Cholesterins gehe ohne Frage mit einer erheblicheren Risikominderung einher, so Toth. Man habe „noch nicht einmal angefangen, am unteren Ende der niedrigeren Schwelle dessen, was wir als optimales LDL betrachten würden, zu kratzen“, so Toth.

54 Prozent aller Europäer haben zu viel schlechtes Cholesterin in ihrem Blut.

In den fünf größten EU-Ländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Vereinigtes Königreich) leiden 133,3 Millionen Menschen an zu hohen schlechten Cholesterinwerten, so ein Bericht der Cardiovascular Resource Group von 2011.

Patienten reagieren unterschiedlich auf Medikamente

Toth drängte die Ärzte auch, die Gene ihrer Patienten zu untersuchen. Denn die cholesterinsenkenden Medikamente können sich unterschiedlich auf die Patienten auswirken.

Er verwies auf eine Studie, die sich mit der Cholesterinsenkung bei schwarzen und weißen Patienten mit hohem Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen befasst.

Der Studie zufolge zeigt sich bei weißen Patienten, die ihre LDL-Cholesterinwerte mithilfe der Medikamente um 15 Prozent senken, 15 Jahre später eine entsprechende Senkung kardiovaskulärer Ereignisse von 47 Prozent. Doch bei schwarzen Patienten entfalteten die Medikamente eine viel stärkere Wirkung. Sie konnten ihr LDL-Cholesterin um 40 Prozent reduzieren. 15 Jahre später lag die Risikominderung für kardiovaskuläre Ereignisse bei 88 Prozent.

Dominique Lautsch vertritt eine Studiengruppe, die die Errungenschaften von cholesterinsenkenden Medikamenten für mehr als 50.000 Patienten in Europa und China vergleicht. Auch er stimmte zu, dass cholesterinsenkende Medikamente unterschiedliche Auswirkungen auf die Patienten weltweit haben können.

In Europa konnten seiner Studie zufolge 80 Prozent der Patienten im Vereinigten Königreich die Werte mithilfe der Medikamente unter 100 mg/dl senken. Das stand im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen in Deutschland, Griechenland, Österreich, Portugal und Spanien. Dort erreichten nur 35 – 50 Prozent der Patienten dieses Ergebnis.

Lautsch zufolge ist dieser Unterschied unter anderem auf die Gene zurückzuführen. Doch er könnte auch einen anderen Grund haben. Bei Untersuchungsbeginn 2007 hatte das Vereinigte Königreich ein anderes Gesundheitssystem. Behandlungsziele sollten mit Anreizen erreicht werden.

Kardiovaskuläre Profile

Aufgrund der Gene und der unterschiedlichen Lebensweise, hätten beispielsweise chinesische und europäische Patienten sehr unterschiedliche kardiovaskuläre Profile, so der Forscher. Die Ärzte müssten also verschiedene Dosierungen des Medikaments nutzen.

Alberico Catapano, Professor für Pharmakologie an der Universität Mailand, bekräftigte diese Ansicht. Es gebe bei der Reaktion der Patienten auf Medikamente im Allgemeinen große Schwankungen.

„Studien großer Patientengruppen haben gezeigt, dass Senkungen in großem Umfang auftreten, aber bei einigen Patienten ist der Nutzen geringer als erwartet und einige Patienten könnten vielleicht gar keine Senkung erkennen“, so Catapano.

Toth verwies auch auf die Familiäre Hypercholesterinämie (FH). Dabei handelt es sich um eine genetische Störung, die von hohen Cholesterinwerten gekennzeichnet ist. Sie kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen. FH vergrößere das Risiko für die Entwicklung frühzeitiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich. Bei der Behandlung der Patienten müssten die Ärzte das im Kopf behalten.

Erst kürzlich zeigte sich, dass FH in Ländern wie den Niederlanden, Südafrika und den USA verbreiteter ist als ursprünglich angenommen.

Hintergrund

Der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) ist die größte und wichtigste Veranstaltung im Forschungsbereich Kardiologie. Dabei werden die neuesten Entwicklungen in der Forschung präsentiert und diskutiert.

Der diesjährige Kongress in London befasste sich mit der Verbesserung der Patientenversorgung. Die Forscher gaben erhebliche Fortschritte bei der Prävention, Diagnose und der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt.

Mehr als 500 Tagungen und über 4.600 abstrakte Präsentationen wurden dabei abgehalten.

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