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27/06/2016

Neue EU-Gesetze: Dürfen Bio-Produkte bald GVOs und Pestizide enthalten?

Gesundheit und Verbraucherschutz

Neue EU-Gesetze: Dürfen Bio-Produkte bald GVOs und Pestizide enthalten?

Bio-Produkte können unbeabsichtigt mit Pestiziden oder GVOs verunreinigt sein.

[Jessica Spengler/Flickr]

Völlig schützen lassen sich Bio-Produkte nicht vor einer Verunreinigung durch GVOs oder Pestizide, meinen Europaabgeordnete. Sie wollen ihnen darum nicht das Öko-Zertifikat entziehen, da dies meist unbeabsichtigt geschehe. EurActiv-Kooperationspartner Le Journal de l’Environnement berichtet.

Am 8. Februar verabschiedete der Ausschuss für Landwirtschaft des EU-Parlaments (AGRI) einen Bericht mit Änderungsvorschlägen für die EU-weiten biologischen Landwirtschaftsstandards, nachdem die EU-Kommission einen Gesetzentwurf vorgelegt hatte, der eine striktere Regulierung der rapide wachsenden Bio-Agrarindustrie vorsieht. Ein Änderungsvorschlag des AGRI-Ausschusses, die empfohlene Lockerung der Bio-Zertifikatsanforderungen, stieß bei den EU-Abgeordneten auf gemischte Gefühle.

Die strengeren Anforderungen für Bio-Zertifikate konnten jedoch nicht alle Akteure überzeugen. Deutschland, Europas größter Markt für Bio-Produkte, befürchtet womöglich “erdrückende bürokratische Einschränkungen” für Produzenten. Auch José Bové, ein französischer EU-Abgeordneter der Grünen, will den Bio-Bauern nur ungern neue Beschränkungen auferlegen.

Verifizierungssystem

Anfang 2015 hatte die EU-Kommission Verbesserungsvorschläge für das Bio-Verifizierungssystem unterbreitet. Diese sahen verpflichtende Überprüfungen der Verkäufer und eine Reihe möglicher Sanktionen vor, wenn sich nicht genehmigte Substanzen in Bio-Produkten nachweisen lassen.

Der AGRI-Ausschuss stimmte jedoch dagegen und verwarf somit den Vorschlag, durch GVOs (genetisch veränderte Organismen) oder Pestizide verunreinigten Bio-Produkten die Zertifikate zu entziehen.

Das Ende der gemischten Landwirtschaft

Biologische Erzeugnisse können zum Beispiel beim Transport, der Lagerung oder der Besprühung benachbarter Felder unbeabsichtigt mit Chemikalien oder genetisch modifizierten Produkten kontaminiert werden. Erreicht diese Verunreinigung ein bestimmtes Niveau, können Produzenten ihre Zertifizierung verlieren. Laut Ecocert, der größten Zertifizierungsfirma für Bio-Bauern in Frankreich, müssen jährlich etwa zehn Prozent aller Bio-Produkte, ihren Status abgeben. In nur 0,5 Prozent aller Fälle jedoch verstoßen Landwirte bewusst gegen die Auflagen.

Um einer ungewollten Kontamination vorzubeugen, schlug die Kommission vor, die gemischte Landwirtschaft abzuschaffen. Das würde bedeuten, dass sich ein biologisch zertifiziertes Feld nicht in der Nähe einer konventionell bearbeiteten Nutzfläche befinden darf. Diese Vorschrift könnte zu komplexen, langwierigen Gerichtsprozessen führen, vergleichbar mit jenen in der GVO-Debatte.

Ein zweiter Vorschlag der EU-Kommission bestand darin, “Gruppenzertifizierungen” vorzunehmen, um kleinen Landwirten den Einstieg in den Bio-Sektor zu erleichtern.

Gehemmte Agrarökologie

In Frankreich sorgt man sich jedoch über die Möglichkeit, dass die vorgeschlagen neuen Regeln die Ausbreitung des aufkeimenden agrarökologischen Sektors behindern könnten. Bové betonte, vor welchen Schwierigkeiten Bio-Bauern stünden, wenn ihr Ackerland an ein konventionell bewirtschaftetes Feld grenze. Wenn ungewollte Verschmutzung die Bio-Ernte beschädige, argumentiert er, sollte der Verursacher die Kosten tragen.

EU-Abgeordnete unterstützten die Einführung von Präventivmaßnahmen gegen übermäßigen Pestizideinsatz bei Bio-Erzeugnissen.

Negativfolgen

Während Konsumenten zweifellos von einer strengeren Gesetzgebung profitieren würden, hieß es aus Kommissionskreisen, die vorgeschlagenen Reformen könnten auch negative Folgen mitsichbringen und zum Beispiel junge Landwirte davon abhalten, in den Bio-Sektor einzusteigen. Lockere man die grundlegenden Vorschriften des ökologischen Anbaus hingegen zu sehr, könnte die Glaubhaftigkeit des Sektors schaden.

Der EU-Kommission zufolge gab es 2013 in der EU 200.000 Bio-Landwirtschaftsbetriebe, die zusammen über eine Ackerfläche von 10,5 Millionen Hektar, fast sechs Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmacht. Der Umsatz des Sektors lag 2012 bei über 22,2 Milliarden Euro und ist im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent gestiegen.

In den letzten zehn Jahren (2006-2015) hat sich der Markt für Bio-Produkte in Europa vervierfacht.