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05/12/2016

Monsanto versus Greenpeace: Zoff um Zugang zu Gyphosat-Studien

Gesundheit und Verbraucherschutz

Monsanto versus Greenpeace: Zoff um Zugang zu Gyphosat-Studien

Monsanto: "Manche NGOs weigern sich, anzuerkennen, dass es Raum für vertrauliche Geschäftsinformationen geben muss."

[Global Justice Now CC BY 2.0/ Flickr]

Die Glyphosat-Lobby will der Öffentlichkeit über Lesesäle Zugang zu eigenen Studien verschaffen. Genug Transparenz gewährleiste das nicht, kritisieren NGOs. EurActiv Brüssel berichtet.

Ende Juni beschloss die EU-Kommission, die Zulassungslizenz für Glyphosat um 18 Monate zu verlängern und auf die Stellungnahme der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) zu warten. Diese wird bis spätestens 31. Dezember 2017 erwartet. Indessen entschied sich die Gyphosate Task Force (GTF), ein Konsortium aus Unternehmen, die sich für eine verlängerte europaweite Zulassung des Unkraut-Killers einsetzen, 71 proprietäre Toxikologie-Studien der Industrie öffentlich zugänglich zu machen.

„Alle Studien, die im Rahmen der Erneuerung der EU-Genehmigung von Glyphosat eingereicht wurden, wurden von Experten der EFSA [der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit] und der EU-Mitgliedstaaten ausführlich bewertet“, bekräftigt GTF in einer Stellungnahme. „Es wurde hervorgehoben, dass Belege für eine krebsauslösende Wirkung von Glyphosat fehlen. Ebenso sei nicht feststellbar, dass Glyphosat mutagene Eigenschaften besitzt oder negative Effekte auf die Fruchtbarkeit oder die embryonale Entwicklung auslöst.“

Kommission drängt auf Transparenz

Die Entscheidung, besagte Studien zugänglich zu machen, geht vor allem auf die Kommentare des EU-Gesundheitskommissars Vytenis Andriukaitis zurück. Dieser hatte in den letzten Monaten zu verstehen gegeben, er würde einen solchen Schritt seitens der Industrie begrüßen.

Am 4. April habe Andriukaitis in einem Schreiben an die GTF sogar explizit darum gebeten, die Krebsstudien, die die Industrie an Versuchstieren durchgeführt habe, zu veröffentlichen, so EU-Kommissionssprecher Enrico Brivio kürzlich in einem Gespräch mit EurActiv. Diese Studien bildeten schließlich die Meinungsgrundlage der EFSA. In dieser Hinsicht sei Transparenz geboten, so der Kommissar.

NGOs: Lesesäle reichen nicht

Greenpeace setzt sich unterdessen für ein umfassendes Verbot von Glyphosat ein. Die Naturschutzorganisation äußert sich besorgt über die Tatsache, dass die Studien nur in Lesesälen zugänglich sein sollen. „Studien über die Sicherheit von Chemikalien, denen Mensch und Umwelt durchgängig ausgesetzt sind, müssen den EU-Gesetzen nach öffentlich verfügbar sein“, meint Marco Contiero, Greenpeace-Direktor für Ernährung und Landwirtschaft.

Unabhängige Wissenschaftler, wie jene des Internationalen Krebsforschungsinstituts (IARC) der Weltgesundheitsorganisation, bräuchten ihm zufolge vollständigen Zugriff auf wissenschaftliche Studien, um die Sicherheit der entsprechenden Produkte einschätzen zu können. „Nicht eine Auswahl von ihnen – und das erst nach deren Bewertung und ausschließlich in einem Lesesaal“, bemängelt Contiero.

Laut GTF seien kaum Informationen redigiert worden – alles im Einklang mit Artikel 63 der EU-Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln.

Monsanto beklagt „unvernünftige Haltung“ der NGOs

Der Agrarriese Monsanto, Mitglied der GTF, hält Lesesäle für eine gute Lösung. Manche NGOs weigerten sich, anzuerkennen, dass es Raum für vertrauliche Geschäftsinformationen geben müsse, unterstreicht Brandon Mitchener, Monsantos Direktor der Öffentlichkeitsarbeit. „Das ist eine unvernünftige Haltung, die keine Regierung der Welt teilt. […]  In den EU-Gesetzen wird Unternehmen explizit das Recht zugesprochen, gewisse Daten aus Wettbewerbsgründen geheim zu halten“, erklärt er. „Die Lesesäle bieten einen nie dagewesenen Zugang und schützen gleichzeitig die legitimen Geschäftsinteressen der Unternehmen.“

Hintergrund

Im Fachausschuss zur weiteren Zulassung des Herbizids Glyphosat hatten zuletzt 20 Länder für den Vorschlag von EU-Kommissar für Gesundheit, Vytenis Andriukaitis plädiert, demzufolge Glyphosat zunächst für einen Zeitraum von bis zu 18 Monaten - bis zur Vorlage eines Gutachtens der EU-Chemieagentur - zugelassen werden soll. Die Kommission, so Andriukaitis, tue alles Mögliche, um eine auf verlässicher wissenschaftlicher Grundlage stehende Lösung in der Diskussion zu finden.

Zeitstrahl

  • Bis Ende 2017: Europäische Chemikalienagentur (ECHA) soll Stellungnahme zum Thema Glyphosat bekannt geben.

Weitere Informationen

EU verbietet Beistoff von Glyphosat

Die EU-Mitgliedsstaaten genehmigen Einschränkungen für das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat, und verbieten damit den Beistoff POE-Tallowamin. EurActiv Brüssel berichtet.

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"Glyphosat-Entscheidung ist Affront gegen überzeugte Europäer"

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte die Ankündigung des EU-Kommissars für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, zur Zulassungsverlängerung von Glyphosat um 18 Monate.

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