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25/09/2016

Lebensmittelindustrie will auch außerhalb der Fabrikhallen CO2 sparen

Gesundheit und Verbraucherschutz

Lebensmittelindustrie will auch außerhalb der Fabrikhallen CO2 sparen

SPECIAL REPORT / Die europäische Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie hat im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP21 erfolgreich ihre CO2-Werte reduziert. Doch die größten Einsparpotentiale bleiben bislang ungenutzt. EurActiv Brüssel berichtet.

Die CO2-Bilanz der europäischen Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie kann sich sehen lassen: Laut Klimaaktivisten und Vertretern der Industrie besteht die größere Herausforderung nun darin, Emissionen entlang der gesamten Zuliefererkette vom Erzeuger bis zum Verbraucher zu senken.

Auf den jährlichen UN-Klimagipfeln ist das Brustgetrommel der Industrie mittlerweile Routine. Nahrungsmittel- und Getränkebranche konnte sich in dieser Hinsicht bereits bei der Expo Mailand unter dem Motto „Feeding the Planet“ profilieren. Zugegeben, ihre Errungenschaften klingen sehr eindrucksvoll. Im Juli veröffentlichte FoodDrinkEurope, die wichtigste Handelsinstitution des Sektors, eine Studie zur Klimabilanz. Den Ergebnissen nach gelang es dem Sektor, den Ausstoß von Treibhausgasen zwischen 1990 und 2012 um 22 Prozent zu senken. Der Kraftstoffverbrauch fiel im selben Zeitraum um ganze 65 Prozent. So konnte die Industrie den Statistiken der Europäischen Umweltagentur (ausschließlich EU-15) zufolge insgesamt 4.168 Gg CO2-Emissionen einsparen.

Branchenexperten sagen, den Großteil der Senkungen habe man innerhalb der Fabriken von Nahrungsmittel- und Getränkeproduzenten realisieren können. „Die großen Einsparungen stammen aus der Verarbeitung. Hier gibt es mehr Energieeffizienz und einen Trend hin zu umweltfreundlicheren Brennstoffen. So ersetzt Gas beispielsweise Kohle oder Schweröle“, erklärte Pascal Gréverath, Leiter der Abteilung für Umweltverträglichkeit von Nestlé und Vorsitzender des Umweltverträglichkeitsausschusses bei FoodDrinkEurope. Zu den Verbesserungen zählen außerdem der schrittweise Übergang zu erneuerbaren Brennstoffen wie Holz in den Verarbeitungswerken sowie die Nutzung natürlicher Kältemittel für Lagerung und Transport. Letztere könnten klimaschädliche Flourkohlenwasserstoffe (FKW) ersetzen.

„An dritter Stelle steht die Lebensmittelverschwendung“, sagte Gréverath in einem Interview mit EurActiv. Er verwies darauf, dass man weltweit etwa 30 Prozent der Lebensmittel entlang unterschiedlicher Stellen der Zulieferkette vergeudet – sei es in der Herstellung, im Einzelhandel oder bei der Lieferung landwirtschaftlicher Rohstoffe.

Sorgen um landwirtschaftliche Lieferungen

Die Branchenergebnisse entsprangen nicht nur dem plötzlichen Bedürfnis, die Welt zu retten. Sie liegen vor allem auch im puren Eigeninteresse der Unternehmen. Bei Danone zum Beispiel machen die Verluste entlang eines jeden Herstellungsschrittes mittlerweile weniger als ein Prozent des Endproduktes aus. So sinken die Kosten für Agrarerzeugnisse, deren Preise aufgrund der gesteigerten weltweiten Nachfrage und Flächenkonkurrenz nach oben geschossen sind.

„Der Klimawandel wird sich womöglich auf alle Aspekte der Ernährungssicherheit auswirken – darunter Lebensmittelproduktion und Preisstabilität“, so Mella Frewen, Generaldirektorin von FoodDrinkEurope. „Extremwetterereignisse wie zum Beispiel Dürreperioden und Stürme erschweren vor allem die Agrarproduktion. Dies könnte die langfristige Versorgung mit sicheren, qualitativ hochwertigen und erschwinglichen Rohstoffen beeinträchtigen“, warnt sie in der Einleitung der Branchenbefragung. Tatsächlich scheint die Erderwärmung der gesamten Land- und Ernährungswirtschaft Kopfzerbrechen zu bereiten. 86 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, „besorgt oder sehr besorgt“ hinsichtlich der Folgen des Klimawandels für ihr Geschäft zu sein.

In den frühen 90ern begann die Branche, sich über den Klimawandel ernsthafter Gedanken zu machen. Bisher konzentrierte man sich meist auf Lösungsstrategien, die rasche Erfolge versprachen. So widmete man sich vor allem der Verarbeitung – dem Bereich, auf den die Hersteller direkt Einfluss nehmen können. Das größte Potenzial für künftige Einsparungen liegt jedoch außerhalb der Fabrikhallen bei den Zulieferern der landwirtschaftlichen Rohstoffe. Diese sind wiederum weit schwieriger umzusetzen.

Lebensmittelverluste in der Landwirtschaft

Laut EU-Kommission ist die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie für 23 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs, 18 Prozent der Treibhausgase und 31 Prozent der säurebildenden Emissionen verantwortlich. Für die Branche hat es also oberste Priorität, die Verschwendung der Ernteerzeugnisse zu minimieren. Dadurch spart man Strom, Wasser und Emissionen, die man in erster Linie für die Produktion aufwendet.

Doch auch fehlende Lagerkapazitäten oder ein Mangel an adäquaten Transportmitteln können, so die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), zu Lebensmittelverschwendung und -verlusten führen. Geerntete Bananen, die von einem Ladewagen fallen, zählen zu den Lebensmittelverlusten. Von Lebensmittelverschwendung hingegen spricht man, wenn beispielsweise ein Ladenbesitzer eine Kiste braun gefleckter Bananen wegwirft. „Es gibt also Verluste nach der Ernte. Aber – und das ist noch viel schlimmer – es gibt sie auch davor. Das bedeutet, dass der Landwirtschaftssektor zahlreicher Ländern sein Potenzial noch nicht völlig ausschöpft“, erklärte Gréverath.

Die größten europäischen Lebensmittelkonzerne haben es sich auf die Fahne geschrieben, Lebensmittelverschwendung abzubauen und die Nachhaltigkeit entlang der Lieferkette zu verbessern. Nestlé entsandte zum Beispiel hunderte Agrarexperten in Entwicklungsländer. So erhalten lokale Landwirte Unterstützung beim Anbau von Kakao und Kaffee oder der Erzeugung von Milchprodukten.

Der Schweizer Nahrungsmittelriese hat ein ambitioniertes Programm zur Überprüfung tausender Landwirte gestartet. Ziel ist es, bis Ende 2015 den gesamten Kakao aus nachhaltiger Landwirtschaft zu beziehen. „Nestlé gehören die Agrarbetriebe nicht. Unsere Techniker helfen ihnen jedoch direkt bei der Verbesserung ihrer Effizienz, ihrer Erträge und der Umsetzung nachhaltiger Anbaustrategien“, so Gréverath. Mars Inc. möchte ebenfalls sicherstellen, dass 100 Prozent seines Kakaos aus nachhaltiger Landwirtschaft stammen – allerdings erst bis 2020. Gleiches gilt für Palmöl, welches Kritiker für Entwaldung verantwortlich machen. Für Gréverath ist das hier zugrundeliegende Geschäftsszenario glasklar. „Wir stehen alle vor dem Risiko großer Zulieferschwierigkeiten, die der Klimawandel nur noch verschärft. Daher ist es unsere Verantwortung gegenüber den Aktionären, die Risiken zu identifizieren und anzugehen.

Umweltverbände sind keine Nestlé-Fans. Dennoch bestätigen sie, dass landwirtschaftliche Verluste in Zeiten hoher Lebensmittelpreisschwankungen und zunehmender Flächenkonkurrenz nicht länger hinnehmbar seien. „Diese Unternehmen sind ganz und gar von der Umwelt abhängig. Das ist richtig“, bekräftigte Eve Mitchell, Vertreterin von Food and Water Europe, einer gemeinnützigen Verbraucherschutzorganisation mit Sitz in den USA. Sie betont jedoch, dass die Bemühungen zum Abbau der Verschwendung nur dann erfolgreich sein würden, wenn sie sich auf die gesamte Lieferkette beziehen – von der Transportinfrastruktur bis hin zur Lagerung und Kühlung. „Nur so kann man sicherstellen, dass ein Maximum der Agrarerzeugnisse aus den Feldern auf den Tellern der Verbraucher landet.“

Mitchell steht den Initiativen der Branche noch skeptisch gegenüber. „All diese Projekte sind natürlich gut. Ich würde jedoch gern sehen, wer genau von den Verbesserungen profitiert. Denn abgesehen von Nestlé sind noch mehr Menschen in diesem Bereich involviert: der Landwirt, seine Familie und die gesamte staatliche Infrastruktur, die einen Vorteil aus dem Einkommen ziehen können oder nicht. Schließlich, so Mitchell, könnte eine strengere Regulierung durch den Staat vonnöten sein, damit man die Geschäfte zwischen der Lebensmittelindustrie, den europäischen Landwirten und den Entwicklungsländern kontrollieren kann.

Umweltgütesiegel

Unabhängig von den Beweggründen – Nestlé steht nicht allein da, wenn es um die Verbesserung der Nachhaltigkeit entlang der Lieferkette geht. 82 Prozent der von FoodDrinkEurope befragten Hersteller gaben an, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu verfolgen. Hierbei geht es ihnen darum, sicherzustellen, dass die verwendeten Produkte aus nachhaltiger Landwirtschaft stammen. 90 Prozent bestätigten, sie würden durch die Zusammenarbeit mit den Landwirten bereits aktiv an der Verringerung ihres CO2-Ausstoßes entlang der Lebensmittelkette arbeiten. Ein wichtiger Anreiz für Nahrungsmittelunternehmen besteht darin, ihr Image gegenüber den Verbrauchern aufzupolieren und mit den firmeneigenen Umweltkriterien zu prahlen.

In den vergangenen zehn Jahren sind immer mehr Umweltgütesiegel in den Supermarktregalen erschienen. Hierzu zählen beispielsweise das Europäische Umweltzeichen, das Fair-Trade-Logo, das Logo der Rainforest Alliance sowie zahlreiche CO2-Angabeverfahren. Diese sind inzwischen überall gängig. Bei den Verbrauchern führten diese jedoch weitgehend zu Verwirrung. Sie forderten größere Transparenz von den Regulierungsbehörden. „Die Verbraucher sehen heutzutage hunderte verschiedener Umweltgütesiegel und -angaben im Regal. Sie sind verwirrt und verlieren das Vertrauen in deren Glaubwürdigkeit“, sagte Janez Poto?nik, ehemaliger EU-Umweltkommissar. Er leitete den European Food Sustainable Consumption and Production Round Table (runder Tisch für nachhaltigen Nahrungsmittelkonsum und nachhaltige Produktion in Europa), eine gemeinsame Initiative mit der Industrie zur Harmonisierung der Entwicklung von Gütesiegeln. „Wir wollen konsistente Umweltinformationen auf unseren Produkten“, so Pekka Pesonen, Generalsekretär des Landwirtschaftsverbandes Copa-Cogeca beim Start des Forums 2009. Seitdem gab es nur langsam Fortschritte.

Die größte Errungenschaft des runden Tisches bestand in der Veröffentlichung einer globalen Berechnungsmethode für die Umweltbilanz eines Nahrungsmittels oder Getränks. Diese hatte man im Januar 2014 offiziell beschlossen. Was die Regulierung angeht, so legte die Kommission im Anschluss eine Empfehlung zur Messung und Offenlegung der produktspezifischen Umweltleistung vor. Für Umweltverbände war dies nur eine leere Worthülse. Zugegeben, die nur langsamen Fortschritte sind teilweise auf die Komplexität der Umweltbilanzberechnung zurückzuführen. Diese Aufgabe erwies sich als schwierig, da man die Treibhausgasemissionen über die gesamte Lebensspanne eines Produktes hinweg ermitteln muss – vom Anbau bis hin zur Weiterverarbeitung, zum Versand und zur Entsorgung. Aber es gibt noch weitere Faktoren zu bedenken. Die Auswirkungen auf das Wasser oder die Artenvielfalt machen es noch schwieriger, verlässliche Daten zu sammeln.

„Die Herausforderung liegt darin, verschiedene Umweltindikatoren zu kombinieren. Denn man kann nicht mit nur einem Parameter arbeiten“, erklärte Gréverath von Nestöé, der die Lebensmittelindustrie beim SCP Round Table mit der Kommission vertritt. „Bei elektrischen Geräten geht es um den Energieverbrauch – so einfach ist es. Bei den Nahrungsmitteln jedoch muss man viel mehr Parameter mit einbeziehen: Wasser, Verbrauch, Auswirkungen auf die Artenvielfalt, Ausstoß von Treibhausgasen. Diese gleich relevanten Dimensionen in einem einfachen Kommunikationsinstrument zu verbinden, ist eine große Herausforderung.“

Pilotprojekte

EU-Regulierungsbehörden haben sich diesem Thema bereits in Form von Pilotprojekten gewidmet. So will man die Umweltbilanz spezifischer Produkte wie Bier, Kaffee, Fleisch, Nudeln oder abgefülltem Wasser beurteilen. Im Juni des vergangenen Jahres starteten die Pilotprojekte. Erwartungsgemäß werden sie 2017 beendet und zur Ausarbeitung einer harmonisierten Methode für einzelne Produktkategorien verwendet. Die Kommission wird die Pilotprojekte bewerten und dann politische Schlüsse ziehen.

„Unabhängig von der gewählten Methode, wird sich die Debatte unweigerlich darum drehen, ob die Kennzeichnung für Unternehmen verpflichtend oder freiwillig sein wird. Auch wird man darüber diskutieren, ob die Informationen in Form eines Gütesiegels auszuweisen sind. Für Umwelt-NGOs ist die Antwort ganz klar. Regierungen sollten ihnen zufolge Vorschriften erlassen und Kontrollen durchführen. „Die größte Verwirrung in Sachen Gütesiegeln könnte man vermeiden, wenn die Regierung Kennzeichnungsvorschriften festlegen würde. Außerdem müsste sie zertifizieren, dass Produzenten bestimmte Gütesiegelstandards erfüllen“, so Food and Water Watch.

Die EU-Kommission entschied sich für einen vorsichtigeren Ansatz. Denn sie fürchtet, dass die Durchführung für Kleine und Mittlere Unternehmen (KMU) zu kostspielig sei. Auch Gréverath teilt diese Sorge. „Ich glaube, das Ganze wird freiwillig sein – nicht verpflichtend“, sagte der Nestlé-Manager im Hinblick auf die Kommissionsempfehlung vom April 2013. Außerdem warnte er davor, verpflichtende Kennzeichnungssysteme einzuführen. Diese würden sich kleinere Nahrungsmittelhersteller nicht leisten können.

Eher könne er sich eine Art Benotungssystem vorstellen. „Ähnlich wie beim System der Energieeffizienzklassen könnte man Abstufungen von A, B, C bis G angeben.“ Nestlé führte vor zwei Jahren ein Pilotprojekt für die Marken Nescafé und Nespresso in Frankreich durch. Dies könne laut Gréverath als Inspiration für ein EU-weites System dienen. „Wir haben uns drei Indikatoren ausgedacht: für das Wasser, Treibhausgasemissionen und Folgen für die Artenvielfalt. Die Informationen stellten wir über eine Handy-App zur Verfügung. Denn wir waren uns alle einig, dass die Angaben nicht auf die Verpackung passen würden“, erklärte er. „Was Europa angeht, ist das Ganze noch ungewiss. Ich weiß nicht, ob nur ein Parameter für die Bewertung von A bis G praktikabel ist.“

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