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26/09/2016

EU-Abgeordnete: Glyphosat wird Landwirte teuer zu stehen kommen

Gesundheit und Verbraucherschutz

EU-Abgeordnete: Glyphosat wird Landwirte teuer zu stehen kommen

Über die Wirkung von Glyphosat auf die Gesundheit wird weiter heftig diskutiert. Doch es gibt noch andere heikle Seiten des Pflanzengifts.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Glyphosat steht nicht nur im Verdacht krebserreged zu sein. Es wird auch zu hohen Kosten für Landwirte führen und die Umwelt zerstören, warnen Dutzende EU-Parlamentarier vor der erneuten Abstimmung.

Das Ringen um die Zulassungs-Verlängerung von Glyphosat geht in die nächste Runde. Eine qualifizierte Mehrheit für den Kommissionsvorschlag zur Verlängerung hatte sich bei der vergangenen Brüsseler Sitzung des zuständigen Ausschusses nicht gefunden. Nun wird sich am morgigen Freitag ein Berufungsausschuss mit dem heiß debattierten Thema befassen. Sollten die Mitgliedsländer weiterhin keine gemeinsame Position finden, kann die EU-Kommission die zeitlich befristete Weiterverwendung von Glyphosat selbst genehmigen.

Entsprechend erhitzt laufen nun die Diskussionen. Hintergrund des Streits sind vor allem unterschiedliche Meinungen darüber, ob das Herbizid krebserregend ist. Doch das, so warnen nun mehrere EU-Abgeordnete nachdrücklich, sei längst nicht der einzige heikle Punkt an Glyphosat.

Viele Insekten und Tierarten verschwinden

„Neben der Diskussion um die krebserregende Wirkung muss auch die zunehmende Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt berücksichtigt werden“, warnt der Grüne Europaabgeordnete Martin Häusling im Gespräch mit EurActiv.de. „Wenn wir Glyphosat weiterhin in diesen Mengen austragen, zerstören wir die Biodiversität weiter.“ Die Ziele der Biodiversitätstrategie 2020, mit der die EU bis 2020 den Verlust der biologischen Vielfalt aufhalten und die geschädigte Natur wiederherstellen will, seien dann nicht zu erreichen.

Glyphosat gilt momentan zwar als eines der effizientesten Mittel gegen Unkräuter. Doch das Pflanzengift ermöglicht keine gezielte Einwirkung auf bestimmte unerwünschte Umkräuter, sondern wirkt auf alle Pflanzen. „Über die Wildkräuter verlieren wir auch viele darauf angewiesene Insekten- und Tierarten, die sich davon ernähren“, sagt Häusling, der in einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und Umweltministerin Barbara Hendricks sowie das zuständige Mitglied des Glyphosat-Berufungsausschusses dazu auffordert, am Freitag gegen jede technische Zulassungsverlängerung zu stimmen. Der Brief ist von 66 Abgeordneten des Europäischen Parlaments unterzeichnet.

Unkräuter werden zunehmend resistent gegen Glyphosat

„Es wird darum gehen, die Abhängigkeit der Landwirtschaftsbetriebe von zunehmend kostspieligen Produktionsmitteln zu reduzieren“, heißt es unter anderem in dem Schreiben. Dass Glyphosat, mit dem der US-amerikanische Konzern Monsanto vergangenes Jahr Milliardenumsätze gemacht hat, auf Dauer teuer für die Landwirte sein wird, dafür gibt es laut Häusling mehrere Gründe: „Die massenhafte Anwendung von Glyphosat aus ökonomischen Gründen führt dazu, dass wir uns schnell Resistenzen der Unkräuter gegen das Herbizid einhandeln“, sagt er.

Dieses Phänomen ist jetzt schon in den USA zu beobachten, wo Glyphosat deutlich mehr eingesetzt wird. Dort müssen die Dosen der Chemikalie massiv erhöht werden, dennoch reagieren manche Pflanzen gar nicht mehr darauf. „Darum sollte die Landwirtschaft solche Herbizide nur noch in Ausnahmefällen nutzen und mehr mechanische Methoden einsetzen“, mahnt Häusling.

Mehr Unabhängigkeit vom Soja-Import

Auch die Bundesumweltministerin und die SPD-geführten Ministerien lehnen eine Verlängerung der Zulassung inzwischen ab. Hendricks hatte diesbezüglich auch kritisiert, die bisherige staatliche Förderung der Bauern nach der Größe der Landwirtschaftsfläche sei „ein unsinniges Prinzip“. Die Förderungen sollten auch an die Umweltleistung gekoppelt werden – eine Forderung, die Häusling unterstützt. „Bio sollte hier das Leitbild sein, aber auch nicht der nicht-ökologische Landbau  kann umweltschonender arbeiten, zum Beispiel durch größere Fruchtfolgen und den Anbau von Hülsenfrüchten, sogenannten Leguminosen“, sagt er.

Europa importiert zurzeit sehr viel Soja als Futtermittel vor allem aus Südamerika. Würden die Bauern mehr heimische Leguminosen wie Erbsen, Lupinen, Klee oder Luzerne anbauen, könnten sie zum einen Mineraldünger sparen und zum anderen dafür sorgen, dass der Acker ohne die Verwendung von Glyphosat umkrautfrei ist, ist Häusling überzeugt. „Das wären relativ einfache Maßnahmen, die nebenbei auch zu mehr Import-Unabhängigkeit führen. Aber den Einsatz von Leguminosen hat man den Bauern aberzogen, denn dann würden chemische Industrie und Handel weniger profitieren.“ Hier sei ein Umdenken dringend nötig.

Weitere Informationen

Im Fachausschuss zur weiteren Zulassung des Herbizids Glyphosat hatten zuletzt 20 Länder für den Vorschlag von EU-Kommissar für Gesundheit, Vytenis Andriukaitis plädiert, demzufolge Glyphosat zunächst für einen Zeitraum von bis zu 18 Monaten - bis zur Vorlage eines Gutachtens der EU-Chemieagentur - zugelassen werden soll. Die Kommission, so Andriukaitis, tue alles Mögliche, um eine auf verlässicher wissenschaftlicher Grundlage stehende Lösung in der Diskussion zu finden. Die bisherige Frist für die Verwendung des Mittels läuft am 30. Juni aus.