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09/12/2016

Krebserregend oder nicht? WHO macht Kehrtwende zu Glyphosat

Gesundheit und Verbraucherschutz

Krebserregend oder nicht? WHO macht Kehrtwende zu Glyphosat

Über die Wirkung von Glyphosat auf die Gesundheit wird weiter heftig diskutiert. Doch es gibt noch andere heikle Seiten des Pflanzengifts.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Erst gab die WHO eine Krebswarnung für das umstrittene Herbizid aus, nun gibt ein neuer Bericht Entwarnung. Ziemlich sicher ist nur: Deutschland dürfte sich bei der Abstimmung über eine Zulassungsverlängerung im Ständigen Ausschuss der EU enthalten.

Überraschende Kehrtwende kurz vor der entscheidenden Abstimmung: Noch diese Woche entscheiden die EU-Mitgliedstaaten darüber, ob das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat weiter in Europa zugelassen wird. Warnende Stimmen untermauerten ihre Kritik bislang häufig mit einem Bericht der zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC). Sie hatte im März 2015 konstatiert, Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen“.

Nun aber hat die WHO eine neue Risikoeinschätzung  erstellt – mit gegenteiligem Ergebnis: „Nicht krebserregend“ lautet das am Montag veröffentlichte Untersuchungs-Resultat des Fachgremiums „Joint Meeting of Pesticide Residues“ der WHO und des UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO. Betrachte man die Risiken, die bei der Aufnahme begrenzter Mengen über die Nahrung entstehen, gebe es demnach wahrscheinlich kein Krebsrisiko.

Damit untermauert die WHO, was Hersteller des Pflanzenschutzmittels  als „reale
Verbraucherrisiken“ geltend machen. Der erste Bericht der IARC hätte sich lediglich auf  „theoretische Überlegungen“ fokussiert – also auf die Frage, ob Glyphosat potenziell schädlich sein könnte, so die Konzerne. Diesen Standpunkt vertreten auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sowie die europäische Behörde zur Risikoeinschätzung Efsa.

Mit dem Einsatz von Glyphosat sparen sich Landwirte das Pflügen vor der Aussaat, und damit viel Zeit und Geld. Die Gegner des Stoffes warnen dennoch, Krebsrisiken von aus Glyphosat hergestellten Mitteln wie der Marke ,,Roundup“ vom US-Konzern Monsanto seien noch ungenügend analysiert. Zudem sei nicht klar, wie ein häufig in der Landwirtschaft eingesetzter Mix aus mehreren Pestiziden auf den menschlichen Organismus wirkt.

Bundesumweltministerin Hendricks lehnt Zulassungsverlängerung für Glyphosat ab

Auch die Bundesminister der SPD sprechen sich mittlerweile gegen eine Verlängerung der Zulassung aus. „Solange wir nicht zweifelsfrei wissen, ob Glyphosat für die Gesundheit unbedenklich ist, sollten wir diese Chemikalie auch nicht zulassen“, verkündete überraschend Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Freitag und stellte sich damit gegen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Das bedeutet in der Konsequenz, dass sich Deutschland wohl bei Abstimmung im Ständigen Ausschuss der EU der Stimme enthalten wird.

„Deutschland sollte dem Beispiel Frankreichs folgen und die Neuzulassung ablehnen, forderte Harald Ebner, Grüner Bundestagsabgeordnete und Bioökonomie-Experte. Statt Glyphosat zu spritzen – in Deutschland werden pro Jahr etwa 6.000 Tonnen versprüht, rund 39 Prozent aller Ackerflächen sind mit dem Herbizid behandelt -, sollte wieder gepflügt werden, fordern die Grünen und zahlreiche Umweltverbände.

Als im März neue Untersuchungen zeigten, dass mehrere deutsche Biersorten mit dem Pestizid belastet sind, hatten Christian Schmidt und das BfR zu beruhigen versucht, eine gesundheitlich bedenkliche Menge des Pflanzenschutzmittels nehme man erst dann zu sich, wenn ein Mensch 1.000 Maß Bier täglich trinke. NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller sagte  hingegen: „Wir trinken schließlich nicht den ganzen Tag Bier. Glyphosat steckt in vielen Lebensmitteln des täglichen Gebrauchs. Zum Beispiel in Obst, Gemüse, Brötchen oder Nudeln.“

Der Grüne EU-Parlamentarier Sven Giegold machte kürzlich sogar den Glyphosatwert seines Urins auf Twitter öffentlich und schrieb: „Ich schwöre, am Bier liegt es nicht! #Glyphosat-Wert in meinem Urin: 1,9 µg/l. EU-Kommission muss das Gift verbieten.“

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